Mittelalter Mordsteine am Wanderweg: Was steinerne Kreuze im Südharz bedeuten

Ein Kreuz an der Straße soll Autofahrer an Unfälle und das traurige Schicksal von Verkehrstoten erinnern. Die Tradition, Kreuze am Wegesrand aufzustellen, um an Tote zu erinnern, ist uralt. Im Mittelalter errichteten die Thüringer steinerne Kreuze an belebten Wegen, um Mordopfer zu sühnen. Heute treffen vor allem Wanderer auf diese geheimnisvollen Steine, die zu Hunderten im Land stehen.

Sühnekreuz und Glockensteine auf Wiese bei Nordhausen
Sühnekreuz und Glockensteine auf einer Wiese bei Nordhausen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Das steinerne Kreuz steht mitten im Wald. Mannshoch, grau, mit einer pockennarbigen Oberfläche. Kein Schild steht daneben und erklärt Wanderern, warum dieses Monument mitten im abgelegenen Helbetal im Kyffhäuserkreis steht.

Dabei steckt hinter dem steinernen Kreuz eine blutige Geschichte Thüringens. Das weiß Heimatforscher Frank Hellrung aus dem benachbarten Ort Holzthaleben. "Das ist ein sogenannter Mordstein oder auch Sühnekreuz genannt", sagt er.

Sühnekreuz Steinerne Jungfrau im Helbetal im Kyffhäuserkreis
Die "Steinerne Jungfrau" im Helbetal. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Steine erzählen alte, blutige Geschichten

Das Kreuz im Helbetal heißt "Steinerne Jungfrau". Einer, von ungefähr 200 bis 300 Steinen aus dem Mittelalter, die noch in Thüringen stehen. Viele Sagen und Geschichten hat sich der Volksmund über diese Steine ausgemalt. Bei der "Steinernen Jungfrau" soll eine Prinzessin von Räubern überfallen und getötet worden sein, lautet eine der Geschichten.

Heimatforscher Frank Hellrung winkt ab. Er hat die Oberfläche des Steins untersucht und ein Adelswappen entdeckt. "Bei dem Mordopfer handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um den Adligen Heinrich von Brühl, einem Adelsgeschlecht, das auf der Burg Lohra lebte", sagt er.

Steinkreuz zur Erinnerung an ermordeten Mönch bei Sülzhayn
Ein Steinkreuz zur Erinnerung an einen ermordeten Mönch bei Sülzhayn. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Glockenmeister erstach seinen Gesellen

Wandert man von Nordhausen aus nach Nordosten, trifft man nach wenigen Kilometern auf die "Glockensteine" bei Steigerthal. Ein Kreuz, umgeben von zwei stumpfen Steinen. Auf dem einen Stein ist deutlich ein Messer zu erkennen: die Mordwaffe.

Die Sage erzählt von einem Mord aus Eifersucht: Der Glockenmeister von Stolberg hatte einen neuen Lehrling. Als der Meister nicht in der Werkstatt war, vollendete der junge Mann einen Guss. Die Glocke war so gut, dass der Meister rasend vor Eifersucht wurde. Als er seinen Lehrling unterwegs traf, erstach er ihn. So steht es in der Literatur, etwa in dem Werk "Steinkreuze in Thüringen" von Frank Störzner.

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EIke von Repgow schrieb im Mittelalter auf, was damals als Gewohnheitsrecht galt: Die Aufzeichnungen wurden zum "Sachsenspiegel". Theo M. Lies hat bei einem Rechtswissenschaftler nachgefragt.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 23.08.2020 11:40Uhr 04:33 min

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Selbstjustiz im Mittelalter

Die Mordsteine werden auch Sühnekreuze genannt. Denn nicht Richter entschieden im Mittelalter - und in einigen Landesteilen auch später noch - über die Strafe eines Mörders, sondern die Bevölkerung selbst.

Die Angehörigen des Mörders mussten Sühnekreuz aufstellen. Denn nach dem christlichen Glauben konnte ein Mordopfer, das spontan aus dem Leben gerissen wurde, die Sakramente nicht erhalten. Die Seele, so der Glaube, konnte nicht ins Himmelreich eintreten. An dem Sühnekreuz sollten vorbeikommende Wanderer, Händler und Reisende für den Toten beten, letztendlich um seine Seele zu retten.

Heimatforscher Frank Hellrung betont, wie wertvoll diese Tradition ist: "Egal ob wir an einem Unfallkreuz oder einem Sühnekreuz vorbeikommen. Wir sollten kurz innehalte, und der Verstorbenen gedenken."

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 01. April 2021 | 14:30 Uhr

1 Kommentar

part vor 11 Wochen

Zumeist war es damals der Adel, der solche Kreuze zu errichten hatte, saß doch bei ihm das Schwert ziemlich locker. Auch der Klerus konnte Opfer werden, es reichte schon aus einem Adligen keine Ehrerbietung durch Verbeugung zum Teil werden lassen und schon durfte die Herrscherkaste wüten, was das Zeug hält. Bestraft werden durften diese Adligen aber nur vom König selbst und dem dürfte es egal gewesen sein, das ein Standes-niederer der Willkür zum Opfer fiel. Um des christlichen Anstandes willen, wurde dann ein Steinkreuz errichtet, eine kleine Ausgabe für jemanden, der für ein gutes Schwert und Rüstung schon ein kleines Vermögen hinlegen musste, das er sich auf Kosten seiner Bauern erwarb.

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