Der Redakteur | 29.11.2022 Warum fahren dienstags und mittwochs keine Züge nach Nordhausen?

Bahnreisende zwischen Nordhausen und Erfurt haben es aktuell noch schwerer als andere. Bis Weihnachten ist an einigen Tagen der normale Fahrplan planmäßig außer Kraft gesetzt. Die Bahn hat schlicht den Dienstag und den Mittwoch zu Bus-Tagen erklärt. Offizieller Grund: Es fehlt das Personal in den Stellwerken.

Ein Bus mit der Aufschrift Schienen-Ersatzverkehr und dem Logo der DB, Deutschen Bundesbahn im Display.
Dienstag und Mitttwoch: Bitte umsteigen in den Bus nach Nordhausen... Bildrechte: IMAGO / Fotostand

Der Ärger ist groß und verständlich. Statt einer schnellen Zugverbindung müssen die Pendler zwischen Nordhausen und Erfurt Busrundreisen buchen, um zur Arbeit oder nach Hause zu kommen. Alternativ werden Züge auch umgeleitet und die Umsteigeorte heißen dann Halle oder Sangerhausen.

Die Bahn begründet das mit krankheitsbedingten Ausfällen beim Stellwerkspersonal und mit einer ohnehin dünnen Personaldecke. Dass diese Strecke besonders anfällig ist, hat etwas damit zu tun, dass die Stellwerkstechnik veraltet ist. ´

Das heißt: Wo sonst elektronisch ein größerer Bereich abgedeckt werden kann, muss hier noch mit mehr Leuten gearbeitet werden. Und die sind zudem ziemlich spezialisiert auf die regionalen Besonderheiten und deshalb auch nicht so einfach austauschbar. Also selbst, wenn sich irgendwo anders in Deutschland die Stellwerker auf den Füßen stehen würden, sie könnten nicht direkt helfen.

Für jedes Stellwerk gibt es spezialisierte Kolleginnen und Kollegen, die sich auch mit den örtlichen Gegebenheiten auskennen müssen.

Susan Constantinescu Sprecherin Deutsche Bahn Leipzig
Ein Regionalexpress hält im Hauptbahnhof am 11.09.2017 in Erfurt (Thüringen). Mit Inbetriebnahme der neuen ICE-Strecke zwischen Berlin und München über Erfurt werden ab Mitte Dezember täglich rund 80 Fernverkehrszüge in der thüringischen Landeshauptstadt halten. 9 min
Bildrechte: dpa
9 min

Susan Constantinescu ist Sprecherin der Deutschen Bahn Leipzig. Die Zugausfälle von und nach Nordhausen und den Ersatzverkehr müsse man "anerkennen". Grund sind Stellwerksprobleme.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 29.11.2022 15:10Uhr 08:37 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-experte-bahn-zugausfaelle-stellwerk-nordhausen-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ist das nicht vielleicht doch ein Strukturproblem?

Die Stellwerksaufälle wegen Krankheit ziehen sich wie ein roter Faden durch die letzten zehn Jahre deutscher Eisenbahngeschichte.

  • 2012 zum Beispiel machte Mainz Schlagzeilen, als nur wenige Krankheitsfälle den Zugverkehr teilweise zum Erliegen brachten.
  • Ein Jahr später, im August 2013, das gleiche Drama. Von 15 Mitarbeitern im Mainzer Stellwerk sind fünf krank und drei im Urlaub. In der Folge wurden fast alle Fernzüge um den Mainzer Bahnhof herum geleitet. Und das ist ein Verkehrsknotenpunkt. Es folgten Spitzengespräche und das Bahnversprechen, 350 neue Fahrdienstleiter einzustellen.
  • April 2019: Nach einem kurzfristigen Krankheitsfall im Rüsselsheimer Stellwerk fielen reihenweise ICE-Züge aus. Die Begründung kommt uns bekannt vor: "Fahrdienstleiter sind speziell für bestimmte Stellwerke und deren Besonderheiten geschult, es gehe beispielsweise darum, das Gleisbild vor Ort bestens zu kennen, denn Sicherheit geht stets vor", wird damals ein Bahnsprecher zitiert.
  • Anfang September 2022: Wegen Krankheitsfällen im Bischofsheimer Bahnhof kommt es auf der S-Bahn-Strecke zwischen Mainz und Frankfurt zu Verspätungen und Ausfällen.
  • Anfang Oktober 2022: Beim Netzbetreiber DB Netz AG kam es erneut zu umfangreichen Störungen und Zugausfällen auf der Strecke zwischen Halle (Saale) und Kassel. Mehrere Stellwerke entlang der Strecke konnten abends und nachts nicht besetzt werden.
  • Und nun also Nordhausen-Erfurt. War es anfangs das Wochenende, so müssen die Pendler nun bis Weihnachten dienstags und mittwochs den Bus nehmen oder eben den Umweg über Sangerhausen oder Halle.

Warum in der Woche, wenn die Leute auf Arbeit müssen?

Die Entscheidung, den Dienstag und den Mittwoch quasi zu vernachlässigen, hat etwas mit der Auslastung der Züge zu tun, so Bahnsprecherin Susan Constantinescu.

In der Vorweihnachtszeit - Stichwort Weihnachtsmarkt und Einkaufsbummel - ist die Auslastung an den Wochenenden relativ hoch,  sodass sich die Bahn, nachdem anfangs noch Wochenenden betroffen waren, nun für die vergleichsweise eher schwachen Tage Dienstag und Mittwoch entschieden als "Schließtage".

Das soll bis Weihnachten so bleiben, wenn alles gut geht. Denn nachhaltig Licht am Ende des Tunnels ist für diese Strecke erst zu sehen, wenn die Modernisierung der Stellwerkstechnik abgeschlossen ist.

Elektronisches Stellwerk der Deutschen Bahn AG
Die Bahnversion von "Tower" - eines der elektronischen Stellwerke. Bildrechte: MDR/Deutsche Bahn AG/Kai Michael Neuhold

Aber, so Bahnsprecherin Susan Constantinescu, das gehe nur schrittweise. Wenn dann mal alles auf elektronische Systeme umgestellt ist, dann können die Fahrdienstleiter größere Streckenabschnitte überwachen, man braucht also weniger Leute und kann solche Engpässe regional besser abfedern.

Und trotzdem werden weiter händeringend Mitarbeiter gesucht. Lokführer und Fahrdienstleiter ganz besonders. Die Ausbildung dauert regulär drei Jahre, es werden aber auch gern Quereinsteiger genommen. Acht Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in die Schulungszentren Südost investiert, so Susann Constantionecu. Die Bedingungen sind also eigentlich ganz gut.

Bahnhof Greußen 1 min
Bildrechte: MDR/ Sabine Cygan
1 min

Mit dem Zug in einer halben Stunde von Greußen nach Erfurt - es könnte so schön sein, würden nicht ständig Züge ausfallen. MDR THÜRINGEN-Reporter Thomas Kalusa über die aktuelle Situation.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 29.11.2022 08:20Uhr 01:28 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-zugverkehr-bahn-nordhausen-greussen-erfurt-weihnachtsmarkt-pendler-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Was bringt der Fahrplanwechsel für Thüringen?

Wenn es denn schon von Erfurt nach Nordhausen nicht so richtig klappen sollte, dann bieten sich als Ausweichrouten ab Dezember die neuen Direktverbindungen von Erfurt nach Prag und Zürich an. In die Schweiz geht’s über Nacht mit Ankunft zum Frühstück, nimmt man den Gegenzug in Richtung Prag, ist sogar ein Tagesausflug möglich.

Ab Leipzig geht es künftig täglich auch im Winter umsteigefrei zur Ostsee und zurück, am Samstag fährt der ICE-Sprinter sogar zwischen Warnemünde und Erfurt. Fahrtzeit: viereinhalb Stunden, wenn es keine Probleme mit den Stellwerken gibt. 

MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. November 2022 | 16:40 Uhr

6 Kommentare

DermbacherIn vor 9 Wochen

Es ist aber das Verschulden der DB Regio Südost, dass beim SEV die Taktung von einem einem Stundentakt auf einen anderthalb bzw zwei Stundentakt verlängert wurde, es ist daher zu hoffen, dass das Land Thüringen als Besteller der Leistung ordentlich Strafzahlungen von der DB Regio Südost einfordert!

DermbacherIn vor 9 Wochen

Sie scheinen nicht verstanden zu haben, das Streckenbetreiber und und der Zugbetreiber ein Unterschied ist, denn Schuld an den Ausfällen ist hier die DB Netz und nicht die DB Regio Südost!

Matthi vor 10 Wochen

Schlechte Nachrichten sind auch eine Art Werbung für die Bahn, mit ihren Problemen macht sie eher Werbung zum Autokauf damit man Pünktlich zur Arbeit kommt und Flexibel ist wenn die Bahn mal wieder nicht kommt. Da hilft auch kein 49 Euro Ticket.

Mehr aus Nordthüringen

Mehr aus Thüringen