Weltalzheimertag Zu wenige Beratungsstellen für Alzheimer-Angehörige in Thüringen

Zwei von drei der rund 46.000 Demenzkranken in Thüringen werden zu Hause von Angehörigen betreut. Weil es zu wenig stationäre Heime und Verhinderungshilfen gibt, stellen sich viele Angehörige dieser Herausforderung und müssen ihren Alltag komplett umstrukturieren. Am Welt-Alzheimer-Tag am 21. September soll auf deren 24-Stunden-Einsatz aufmerksam gemacht werden.

"Man merkt plötzlich, dass sich der Mensch verändert. Er vergisst seine Brille oder das Portmonee, die Schlüssel sind weg. Und wenn er merkt, dass er selbst schuld ist, sucht der Kranke einen Schuldigen", so beschreibt Petra Schilling aus Mühlhausen die Situation vor elf Jahren, als ihre Mutter an Alzheimer erkrankte.

28 Alzheimer-Selbsthilfegruppen in Thüringen

Acht Jahre hat sich Petra um ihre demenzkranke Mutter gekümmert; die letzten drei Jahre bis zum Tod der Mutter gemeinsam mit ihrer Schwester. Die heute 64-Jährige betreut mit Dana Koselack eine Alzheimer-Selbsthilfegruppe für Angehörige im Unstrut-Hainich-Kreis.

In Thüringen gibt es nach Angaben der Alzheimer-Gesellschaft 28 Selbsthilfegruppen für Angehörige. Die Gruppe im Unstrut-Hainich-Kreis musste wegen Corona die monatlichen Treffs ausfallen lassen, weil diese in einem Pfelegeheim stattfinden. Derzeit gebe es nur telefonische sowie individuelle Gespräche; die beiden Frauen kümmern sich jeweils um den Altkreis Mühlhausen und Bad Langensalza.Diese Beratung ist kostenlos und hat vor allem Hilfe zur Selbsthilfe zum Ziel, sagt Petra Schilling.

Ein kleines Mädchen flüstert der Oma etwas ins Ohr. 5 min
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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 21.09.2021 12:30Uhr 04:42 min

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Kleine Lügen sind erlaubt

"Wir beraten den Angehörigen, wie er in speziellen Situationen reagieren kann, welche Hilfen es gibt. - Wir warnen vor Überforderung", sagt Schilling. Jeder denke zunächst, er schaffe es allein. "Kleine Lügen" seien erlaubt, nur so lasse der Demenzkranke beispielsweise Untersuchungen und Arztbesuche zu.

Man müsse unbedingt lernen, sich rechtzeitig aus dem 24-Stunden-Alltag herausnehmen, eigene Grenzen zu stecken und Hilfen in Anspruch zu nehmen. Bei den Gruppen in Thüringen machen zwischen zwei und 20 Angehörige mit. Es gibt nach Angaben der Thüringer Alzheimer Gesellschaft große Probleme, neue Koordinatoren zu finden. Durch Corona ruhen in vielen Gruppen die regelmäßigen Treffs, die überwiegend in Pflegeheimen oder auch selbstorganisierten Treffpunkten stattfinden.

Der Alptraum: am Ende unseres Lebens auf einer Pflegestation für Demenzkranke zu landen. Was wirklich in der Abgeschiedenheit solch einer Einrichtung geschieht, wissen wir oft nicht. - Kleine Augenblicke der Lebensfreude – das ist auch mit Demenz möglich. 29 min
Der Alptraum: am Ende unseres Lebens auf einer Pflegestation für Demenzkranke zu landen. Was wirklich in der Abgeschiedenheit solch einer Einrichtung geschieht, wissen wir oft nicht. - Kleine Augenblicke der Lebensfreude – das ist auch mit Demenz möglich. Bildrechte: mdr/rbb

Nah dran Do 22.04.2021 22:40Uhr 29:12 min

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900 Neuerkrankungen pro Tag

Bei der 2002 gegründeten Alzheimer-Gesellschaft Thüringen gibt es trotz steigender Patientenzahlen nur 1,5 Stellen für Beratungen. Laut Alzheimer-Beraterin Nadja Braun kann man sich auch an die fünf Pflegestützpunkte im Thüringen wenden. Oftmals übernehmen auch Hausärzte diese Aufgabe. Nach der Erstberatung finden viele Angehörige zu den thüringenweit 28 Selbsthilfegruppen für betroffene Angehörige.

Wie Beraterin Nadja Braun von der Thüringer Alzheimer-Gesellschaft sagte, erkranken bundesweit pro Tag 900 Menschen neu. Die betroffenen Angehörigen brauchen nach der ersten Diagnose dringend auch eine erste Beratung und werden über alle Hilfen, unter anderem auch in den Selbsthilfegruppen, informiert.

Seitenansicht in warmen Licht: Ältere Frau sind auf einem Sofa in einem Wohnzimmer und schaut leicht nach unten. Im Hintergrund Wohnzimmerschrank,, Tisch und Stühle aus Holz.
Frauen sind deutlich häufiger von Alzheimer betroffen als Männer. Bildrechte: IMAGO / Addictive Stock

Mehr Frauen als Männer betroffen

Alzheimer ist die weltweit häufigste Form der Demenz. Die Patienten verlieren nach und nach ihr Gedächtnis und ihr Urteilsvermögens. Die Krankheit kann bereits vor dem 50. Lebensjahr auftreten, ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter aber erheblich zu. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Nur in sehr wenigen Fällen spielt eine erbliche Disposition eine Rolle. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist eine Heilung von Alzheimer noch nicht möglich.

Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Alzheimer Gesellschaft Thüringen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 21. September 2021 | 18:35 Uhr

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