Gutes Gehör und digitale Akten Steffen Humenda ist einziger blinder Richter in Thüringen

Der weiße Stock ist wichtig für Blinde. Auch für Steffen Humenda. Der 56-Jährige ist schon seit 25 Jahren Richter am Landgericht Mühlhausen. In den 1980er Jahren hat er Jura studiert, weil es für Blinde damals keine Alternativen gab. Etwas anderes hätte er damals nicht studieren können. Wegen seiner Blindheit darf er nur Zivilsachen - keine Strafsachen - verhandeln.

Ein Richter steht mit schwarzer Robe und Blindenstock im Gerichtssaal.
Steffen Humenda arbeitet seit 25 Jahren als Richter in Mühlhausen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Sicher läuft Richter Steffen Humenda durch die Flure des Justizzentrums Mühlhausen. In der Hand einen weißen Stock. Seit 25 Jahren ist er hier tätig, kennt jede Treppe und jede Tür. Nach dem Studium in Leipzig hat er bis Anfang 1990 als Justiziar in Sachsen-Anhalt gearbeitet. Nach einem Übergangsstudium kurz nach der Wende und einem Referendariat hat er sich als Richter in Thüringen beworben. Erblindet ist er seit dem 13. Lebensjahr.

20 blinde Richter in Deutschland

In ganz Deutschland gibt es 20 blinde Richter und Staatsanwälte; auch zwei Strafverteidiger. Warum Humenda der einzige in Thüringen ist, dafür hat er keine Erklärung. Er würde vielleicht wieder Jura studieren, sagt er. Die Angebote seien mittlerweile aber besser, sagt er. Es gebe blinde Psychoanalytiker, Physiotherapeuten sowie Informatiker. Er habe in den 1980er Jahren Jura studiert, weil es damals keine Alternativen gab. Es war der einzige Studiengang, der für blinde Studenten offen war.

Mindestens einmal pro Woche verhandelt Humenda - als Einzelrichter oder als Mitglied einer Berufungskammer. Dabei geht es um Urteile der Amtsgerichte in Nordthüringen, die vom Kläger oder Beklagten angefochten wurden. Humenda ist außerdem noch für Verfahren zum Familienrecht, zur Unterbringung, Abschiebehaft und Betreuung sowie zum Insolvenzrecht zuständig.

1963 hat der Bundesgerichtshof zum letzten Mal entschieden, dass Blinde keine Strafrichter sein dürfen - weil sie die Angeklagten nicht sehen. Tatsächlich passiert Kommunikation zu 80 Prozent über die Augen weiß Humenda. Er müsse diese ausschließlich mit seinem Gehör erledigen. Wenn in der Beweisaufnahme jemand sein Gesicht verzieht oder aufgeregt aussieht, dann bekommt er das nicht mit, eine unsichere Stimme bemerkt er natürlich.

Arbeitsplatz-Assistenz scannt Akten ein

Humendas Arbeitsalltag unterscheidet sich mittlerweile nur noch wenig von dem seiner Kollegen. Nur, dass er nicht zur Akte greifen und darin blättern kann. Seine Prozessakte geht erst einmal zu seiner Arbeitsplatz-Assistenz. Petra Anhalt schaut gemeinsam mit ihm die Akte durch und scannt dann alle notwendigen Blätter ein. Danach kann Humenda die Akte am Computer bearbeiten. Die Zeiten, in denen Akteninhalte vorgelesen, auf Kassette aufgenommen, wieder abgehört und geschrieben werden, sind längst vorbei.

Digitale Akten für Humenda lesbar

Seit 15 Jahren hilft Petra Anhalt ihm bei allen anderen Fragen im Richteralltag. Vor einigen Jahren hat sie ihm noch aus Gesetzesbüchern und Entscheidungen vorgelesen. Mittlerweile gibt es Urteile, Dokumente, Gesetzestexte aus den letzten 50 Jahren online. Damit sind sie für Steffen Humenda mit einem speziellen Programm lesbar. Wenn nicht, sucht Petra Anhalt die Textpassagen und scannt sie ebenfalls ein.

Die Word-Datei liest Steffen Humenda dann wie ein Sehender. Und er kann sie am Computer bearbeiten. Mit digitalen Notizzetteln bearbeitet er jede Akte: ein "X" für Kläger, ein "Y" für Beklagte. Auch Zeugen bekommen ein Kürzel. Diese Markierung ist notwendig, weil Humenda nicht in der Akte blättern kann.

Ein älterer Mann und eine Frau sitzen in einem Büro.
Seit 15 Jahren unterstützt Petra Anhalt (r.) den Richter. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Alltag außerhalb des Gerichts stresst

Seine Lebensauffassung ist von Optimismus geprägt. "Sonst wäre ich in manchen Lebenssituationen verzweifelt", sagt der Vater zweier erwachsener Kinder. Außerdem sei er ein "kommunikativer Typ", sagt Humenda. In Mühlhausen gehört er zum Stadtbild. Er spielt Gitarre, liest und wandert gern. Er liebt das Meer und ist gern im Garten. "Viel Familie" ist ihm wichtig, genau wie der Bachchor in Mühlhausen.

Im Alltag denkt man nicht über die Blindheit nach. Das würde ihn unzufrieden machen. "Ich muss gucken, dass das Glas halb voll ist und nicht halb leer", sagt er und fügt hinzu: "Es gibt genug Sachen, die ich nicht machen kann". Außerdem stresse ihn der Alltag außerhalb des Gerichtsgebäudes, beispielsweise im öffentlichen Verkehr. Der fordere "Höchstkonzentration" von ihm. Denn sein Blindenstock erfasst nicht alles. Mobile Verkehrsschilder, Mülltonnen und Fahrradfahrer werden da schnell zum Ärger- und Hindernis. 

Ein Richter sitzt mit schwarzer Robe im Gerichtssaal.
Bei Verhandlungen muss sich Steffen Humenda auf sein Gehör verlassen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Elektronische Akte könnte Quantensprung sein

Mit der Einführung der elektronischen Akte erhofft Humenda sich einen weiteren Quantensprung. "Das klappt aber nur, wenn sie barrierefrei ist", sagt er. "Ich glaube erst daran, wenn ich selbst die Software testen kann."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

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