DDR-Geschichte "Aktion Kornblume": Zwangsaussiedlung traf auch zehn Familien in Faulungen

Vor 60 Jahren werden mehr als 3.000 DDR-Bürger ohne Vorwarnung aus ihrer gewohnten Umgebung im damaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet gerissen. Oftmals weit entfernt im Landesinneren müssen sie ein neues Leben aufbauen. So eine Zwangsaussiedlung hat auch Familie Mühr aus Faulungen im Unstrut-Hainich-Kreis erlebt.

Ein Mann steht auf einer Wiese und zeigt auf ein Dorf
Sein Heimatdorf Faulungen musste Dieter Mühr am 3. Oktober 1961 verassen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Es ist 6 Uhr am 3. Oktober 1961. Dieter Mühr, damals 18 Jahre alt, steht auf der Straße im Mühlweg in Faulungen, als er je zwei Männer von Stasi, Kampfgruppe und Volkspolizei kommen sieht. "Ich wusste sofort, jetzt holen sie uns", erinnert er sich noch heute.

Einige Tage vorher hatte es im Dorf ein Gerücht über bevorstehende Zwangsaussiedlungen gegeben. "Zu ihrer eigenen Sicherheit haben Sie einen Wohnungswechsel vorzunehmen", liest Mühr ein Volkspolizist von einem vorbereiteten A4-Blatt vor. "Verantwortungsbewusstes Handeln und Verständnis für diese Maßnahme ist der beste Ausdruck für eine patriotische Gesinnung", stand ebenfalls auf dem Papier.

Ein altes Foto von einem Wohnhaus in Faulungen.
Das Haus am Mühlweg in Faulungen Anfang der 60-er Jahre. Bildrechte: MDR/privat

Vier Stunden hätten sie Zeit gehabt, um ihre Sachen zusammen zu packen. Bei Mühr dauert es mehr als sechs Stunden, bis Vater Mühr seinen Widerstand aufgab und sich seinem Schicksal beugte. Seine landwirtschaftlichen Geräte wie Dreschmaschine und Jauchepumpe werden beschlagnahmt.

Herber Schlag für die Dorfgemeinschaft

Allein aus Faulungen werden an diesem Morgen zehn Familien abtransportiert; bei insgesamt 500 Einwohner ein herber Schlag für die Dorfgemeinschaft. Die Betroffenen galten für die DDR als ideologisch unzuverlässig. Dieter Mühr ist überzeugt, dass die Bevölkerung mit den Zwangsaussiedlungen eingeschüchtert werden sollte.

Zwangsaussiedlungen in der DDR


Wer in der DDR dem SED-Regime als politisch unzuverlässig galt, hatte Verfolgung und Verhaftung zu befürchten. Während der Zwangsaussiedlungen an der Innerdeutschen Grenze, insbesondere durch die "Aktion Ungeziefer" 1952 und die "Aktion Kornblume" 1961, wurden Menschen aus dem Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze gezwungen, ins Landesinnere umzuziehen. Ihre Höfe und Häuser wurden teilweise geschleift.

Quelle: Point-Alpha-Stiftung

An diesem Tag werden mehr als 3.000 DDR-Bürger in Orten nahe der Grenze aufgefordert, sofort ihr Haus zu verlassen. Eine Vorwarnung gab es nicht, sagt Mühr, "nur dieses Gerücht." Er, seine Eltern und seine Schwester kommen nach Eschenbergen bei Gotha - in ein Haus ohne fließendes Wasser. Andere Faulunger Familien landen in Mannstedt, Kranichfeld oder Kleinromstedt.

Altes Foto eines jungen Manns
Dieter Mühr mit 18 Jahren in Eschenbergen, kurz nach der Zwangsaussiedlung. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Dieter Mührs Eltern haben die Zwangsumsiedlung nicht verkraftet. Ihr 1936 erbautes Haus hat nur die Mutter bei einem heimlichen Besuch Anfang der 70-er Jahre wiedergesehen. Der Traum des Vaters hingegen erfüllt sich nicht. Die Eltern waren bereits verstorben, als sich 1989 die Grenze öffnete.

Traum vom offenen Schlagbaum an der Grenze

1965 zogen die Mührs ohne Umzugsgenehmigung nach Mühlhausen, kauften dort 1969 sogar ein Haus. Dieter Mühr arbeitete als Baggerfahrer auf vielen Baustellen, auch im Grenzgebiet, sogar in Faulungen, wo der Abwasserkanal gebaut wurde. Immer wieder sei er "mit einem Sehnsuchtsblick" an seinem Elternhaus vorbeigefahren. Oft habe er mit seinen Kollegen am Schlagbaum gestanden und davon geträumt, dass sich dieser hebt und der Albtraum vorbei ist. Gedacht habe er aber, dass das so schnell nicht passieren würde.

All die Jahre sei die Stasi sein Begleiter gewesen, er habe sich immer beobachtet gefühlt. Auch bei den ersten Demonstrationen in Mühlhausen Ende 1989. Da sei er mit der Kerze in der Hand von der Martini-Kirche losgezogen. Ende 1989 war es dann soweit. Als die DDR bereits Geschichte war, schloss er sich dem neu gegründeten "Bund der Zwangsausgesiedelten" an. Bereits 1952 gab es eine Aktion “Ungeziefer“; die Aktion vom 3. Oktober 1961 ging als "Aktion Kornblume" in die DDR-Geschichte ein.

Altes Foto eines Wohnhauses
Kurz nach der Grenzöffnung sah es in Faulungen so aus. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Gemeinderat beschließt Rückgabe

1993 beschloss der Gemeinderat Faulungen, dass Familie Mühr ihr Haus zurückkaufen kann. Bis dahin war 19 Jahre lang der Kindergarten in dem Gebäude untergebracht. Als die alte Schule hergerichtet war, konnte der Kindergarten dorthin ziehen. Dieter Mühr, der 1970 geheiratet hatte und sich mit seiner Frau eine Existenz in Mühlhausen aufgebaut hatte, wollte nicht zurück nach Faulungen. Sein Elternhaus am Mühlweg hat er saniert und umgebaut; seitdem vermietet er es.

Dieter Mühr hat inzwischen seinen Frieden gefunden. Emotionale Moment gebe es dennoch immer wieder, dann fließen auch Tränen. "Die Freiheit, die wir haben, muss noch mehr geschätzt werden", sagt der 78-Jährige. Dass bei den letzten Wahlen rechts- und linksextreme Parteien "aus Frust" gewählt wurden, stimme ihn sehr traurig. "Den Leuten geht es so gut, die Mülltonnen sind voller Lebensmittel, sie fahren große Autos und mehrmals im Jahr in den Urlaub", sagt er. Das Thema 40 Jahre SED-Diktatur müsse allerdings noch mehr Platz im Unterricht erhalten - damit die Kinder erfahren, was in der DDR alles passiert ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Graf von Henneberg vor 8 Wochen

Das war seinerzeit eine Riesensauerei, was die Kommunisten da gemacht haben.

Atheist vor 8 Wochen

Auch die die bleiben durften hatten gelitten, keine Besuche, keine Feiern bzw. nur 2 Stunden, kein Einheiraten …
War nun mal so.

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