Unstrut-Hainich-Kreis Hoffnungsanker Bickenriede: Thüringer Hotelier vermittelt Hunderte Geflüchtete aus der Ukraine

Das Landhotel Bickenriede im Unstrut-Hainich-Kreis hat bisher 213 geflüchteten Menschen aus der Ukraine, darunter mehr als 100 Kindern, geholfen. Hotelchef David Groß und seine Frau haben die Kriegsflüchtlinge über Facebook in drei Sprachen nach Bickenriede eingeladen. Die meisten sind nach ein bis zwei Nächten im Hotel im Eichsfeld und im Unstrut-Hainich-Kreis privat untergebracht worden.

Hotelier David Groß steht vor seinem Hotel
David Groß am Eingang seines Hotels. Der 34-Jährige betreibt es seit zwölf Jahren. Vor drei Wochen hat er einen Aufruf gestartet und ukrainische Flüchtlinge in sein Hotel eingeladen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

"Wer Schutz und Hilfe sucht...Wir bieten ein kostenfreies Hotelzimmer...kostenloses Essen und Trinken." Mit diesen Zeilen lädt der Bickenrieder Hotelbesitzer David Groß seit mehr als drei Wochen Flüchtlinge aus der Ukraine nach Nordthüringen ein.

Der 34-Jährige ist erst im Februar Vater von Zwillingen geworden. Die Fernsehbilder von Flüchtlingen in der Ukraine haben ihn nicht mehr losgelassen. "Mütter mit Kindern auf Pappen in Bahnhöfen und das im Winter", ist ihm durch den Kopf geschossen. Gemeinsam mit seiner Frau hat er sein Hotel mit 20 Betten für Flüchtlinge angeboten. Seitdem steht das Telefon nicht mehr still.

Aus der Ukraine über Polen bis nach Thüringen

David Groß legte für alle Anrufer einen Laufzettel an, um den Überblick zu behalten. Danach folgten tagelange Kontakte. Einige Flüchtlinge hat er telefonisch von Charkiw über Polen bis nach Deutschland begleitet. Mit einer Frau sprach er während eines Bombenalarms. Irgendwann standen die "Kontakte" vor ihm in seinem Landhotel. Dort gab es nicht nur ein Bett zum Schlafen, sondern auch Essen und Trinken.

Parallel dazu hat Groß begonnen, nach längerfristigen Unterkünften zu suchen. In Bickenriede, Faulungen, Lengenfeld unterm Stein, in Küllstedt und Dingelstädt ist er unter anderem fündig geworden, inzwischen auch im benachbarten Kyffhäuserkreis. Der Gastronom Groß profitiert nach zwei Jahren Corona-Bedingungen auch von seinem umfangreichen Netzwerk aus Kunden und Freunden. Er hatte in Lockdown-Zeiten Essen ausgeliefert. Das kleine Hotel hat er 2010 eröffnet.

Der Helferkreis wird größer

Auch der Helferkreis wächst und wächst. In der Rezeption sitzt beispielsweise Thomas Neid gemeinsam mit den ukrainischen Schwestern Natalja und Tanja vor dem Laptop. In einer Tabelle haben sie alle Informationen erfasst: Sie wissen, welche Flüchtlinge vermittelt, und welche noch unterwegs sind. Wer wann vom Bahnhof geholt und sich auf welche Unterkunft freuen kann. "Wir helfen alle sehr gern mit", sagt Natalja aus Kiew. Sie und ihre Schwester sind vor zwei Tagen mit drei Kindern geflüchtet und fühlen sich wohl bei ihren Gastgebern und helfen nun Landsleuten.

Wir helfen alle sehr gern mit.

Natalja, Geflüchtete aus Kiew

Drei Menschen stehen, eine Person sitzt an einem Tisch
Freiwillige Helfer in der Hotelrezeption: David Groß, Thomas Neid, Natalja und Tatjana koordinieren die Hilfe aus Bickenriede. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Die erste Familie hat David Groß noch selbst vom Bahnhof abgeholt. Der Vater ist zurückgekehrt in die Ukraine. Die Bilder, die er aus dem Kriegsgebiet schickt, bestärken Groß, nicht aufzuhören. Es ist wie ein Film, sagen die Flüchtlinge. "Und sie sind so dankbar", weiß Groß. "Ich wünsche mir, dass noch viele weitere Menschen Wohnraum zur Verfügung stellen. Es geht um ein Dach überm Kopf und ein Bett."

Unterkünfte für Geflüchtete gesucht

Für die Neuankömmlinge werden weiterhin Unterkünfte gesucht. Wichtig sei ein Bett, eine Matratze zum Schlafen und eine Dusche oder ein Badezimmer zum Mitbenutzen. Auch Gastgeber und Gäste seien vielerorts schon Freunde geworden, die gemeinsam essen, kochen und abends die Spielbretter und Würfel herausholen.

Drei Menschen sitzen vor zwei Laptops an einem Tisch
In einer Tabelle werden alle "vermittelten" und alle "suchenden" Personen eingetragen. Nach wie vor werden Unterkünfte für Geflüchtete gesucht. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Sie wollen alle wieder zurück

Auch im Privathaus von Groß wohnt die Ukrainerin Julia, eine Studentin aus Charkiw. Auch sie hat den Facebook-Post gelesen. "Wir sind ein Hoffnungsschimmer", sagt Groß. Und: Die Ukrainer wollen alle so schnell wie möglich zurück. Trotzdem soll es eine Integrationsklasse für die Kinder geben; regelmäßige Treffs sind bereits entstanden. Groß nennt "seine" Ukrainer "Gäste". "Weil sie unsere Gäste sind." Wenn der Krieg vorbei ist, will er auf jeden Fall in die Ukraine reisen. Von allen Gästen hat er ein Foto gemacht und hofft, sie alle irgendwann einmal wiederzusehen.

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MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 05. April 2022 | 17:00 Uhr

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