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Catrin Baudisch kämpft mit den Spätfolgen ihrer Corona-Erkrankung. Bildrechte: Catrin Baudisch

PandemiefolgenLong Covid: "Corona hat mein Gehirn geklaut"  

von Katrin Tominski, MDR SACHSEN

Stand: 18. Januar 2022, 20:08 Uhr

Lange sind die Spätfolgen einer Covid-Erkrankung wenig beachtet worden, das ändert sich gerade. Mediziner warnen, dass viele hunderttausend Menschen an Spätfolgen leiden können. Catrin Baudisch ist 48 Jahre und kann schon seit knapp einem Jahr nicht mehr arbeiten. MDR SACHSEN hat mit der zweifachen Mutter aus Bad Langensalza gesprochen, wie sich Long Covid auf Ihr Leben auswirkt.

Frau Baudisch, wie geht es Ihnen heute?

Aktuell geht es mir wieder schlechter. Hauptsächlich leide ich unter dem Fatigue-Syndrom. Ich bin ganz oft erschöpft, muss mich ständig ausruhen und habe das Gefühl, mein Körper läuft nur auf Minimalflamme. Noch immer kann ich nicht richtig atmen, es gibt Tage, da muss ich beim Reden und Treppensteigen ständig Pause machen. Eigentlich hat sich mein ganzes Leben verändert.

Was ist der Unterschied zwischen dem Long-Covid-Syndrom und dem Post-Covid-Syndrom?

Long-Covid bezeichnet alle Spätfolgen einer Covid-Erkrankung, die vier Wochen und später nach den ersten Symptomen auftreten. Das Post-Covid-Syndrom bezeichnet die Folgen, die mehr als zwölf Wochen nach Erkrankung noch vorliegen und nicht anderweitig erklärt werden können. Das Post-Covid-Syndrom ist also Teil von Long Covid. Weitere Informationen gibt es hier.

Viele Long-Covid-Betroffene haben Augenprobleme...

Das kenne ich sehr gut. Ich habe auch das Gefühl, dass sich meine Augen nicht mehr richtig scharf stellen und ich bin extrem lichtempfindlich. Meine Sehstärke ist aber in Ordnung, das habe ich abklären lassen. Es fühlt sich an, als ob mein Gehirn und der ganze Körper nicht mehr richtig mit Sauerstoff versorgt werden. Bis heute kann ich nur kurz auf Bildschirme schauen, egal ob am Computer oder am Handy, auch Lesen funktioniert nur eingeschränkt.

Können Sie noch arbeiten?

Nein, ich bin jetzt leider schon knapp ein Jahr krank geschrieben. Die ersten Monate habe ich gar nicht mitbekommen, so schlecht ging es mir. Ich habe enorme kognitive Einschränkungen. Mein Gedächtnis hat so gelitten, dass ich noch heute, knapp ein Jahr später, mehrmals wöchentlich in die Ergotherapie zum Gedächtnistraining gehe. Mittlerweile kann ich wieder etwas schneller reden und mich zumindest auf eine Aufgabe konzentrieren. Doch Multi-Tasking funktioniert immer noch nicht. Das Ziel bei der Ergotherapie ist es 18 Punkte zu erreichen, ich bewege mich seit Monaten noch immer auf einem Level von sechs bis acht Punkten.

Man sieht es den Menschen nicht an: "Luftholen, Gedächtnis, Augen - nichts funktioniert mehr richtig". Bildrechte: Catrin Baudisch

Das klingt dramatisch!

Ja, das war es und ist es immer noch. Ich hatte mein Kurzzeitgedächtnis verloren. Es war einfach weg, ich konnte mir nichts mehr merken, von der Küche bis zum Bad. Es gab auch gefährliche Situationen, als ich den Wasserkocher entkalken wollte, ihn mit Essig füllte, aber alles gleich wieder vergaß. Zum Glück merkte meine Tochter rechtzeitig, dass der Tee komisch schmeckte. Man kann es so sagen: Corona hat mein Gehirn geklaut.

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Was sagen Ihre Ärzte?

Ich bin in guter Behandlung bei meiner Haus- und auch Augenärztin, sie unterstützen mich fachlich sehr kompetent. Wir haben von Anfang an alles genau abgeklärt, bis wir zur Diagnose Long Covid gekommen sind. Ich war beim MRT, weil mir so schwindlig war. Ich war beim Lungen-Röntgen, weil ich mit enormer Luftnot zu kämpfen hatte. Und ich bin seit November in einer speziellen Long-Covid-Praxis in Behandlung. Die Ärzte dort verstehen mich, die muss ich nicht überzeugen. Die haben sofort geglaubt, dass ich Konzentrationsschwierigkeiten habe, dass ich schlecht sehen kann und sie haben auch sofort die Fatigue nachvollziehen können.

Sie sind in spezieller Long-Covid-Behandlung?

Ja, glücklicherweise. Dort werde ich im Februar auch noch eingehender untersucht. Es werden EEGs gemacht und ich werde in das Schlaflabor aufgenommen.

Die Liste ihrer Symptome ist lang. Auch nach knapp einem Jahr erlebt Catrin Baudisch noch viele Einschränkungen und hat längst nicht ihre ursprüngliche Form gefunden. Bildrechte: Catrin Baudisch

Warum Schlaflabor?

Ich leide unter extremen Schlafstörungen. Das macht mich fertig. Ich schlafe zwar gut ein und dann habe ich auf einmal einen extrem hohen Puls, der mich wach werden lässt. Dadurch bekomme ich Herzschmerzen und mein Körper kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Tagsüber bin ich schrecklich müde und nachts ist mein Gehirn auf "On" geschaltet, was auch typisch für das Long-Covid-Syndrom ist.

Woher kommt der hohe Puls in der Nacht?

Das lasse ich gerade abklären. Erst vergangene Woche hatte ich ein Langzeit-EKG, das fiel nicht so positiv aus. Jetzt werden alle Blutparameter untersucht. Ich hoffe, dass ich nach der Untersuchung im Schlaflabor des Max-Planck-Instituts endlich Hilfe bekomme.

Sie sagen, die Fachärzte verstehen Sie. Haben Sie das Gefühl, andere denken, Sie übertreiben?

Ja, am Anfang schon. Ich glaube, dass kann jeder Long-Covid-Patient bestätigen, da ist viel auf die Psyche geschoben worden. So ungefähr: 'Jetzt ist ein halbes Jahr vorbei, jetzt warst Du bei der Reha, mehr können wir jetzt nicht tun. Schau' doch mal, ob Du nicht vielleicht doch zum Psychiater gehst'. Meine Hausärztin hat mich jedoch immer verstanden. Das Problem ist, viele Leute sehen das nicht. Man sieht relativ gesund aus und kann im Supermarkt einkaufen. Niemand sieht, dass man sich einfach nur schlecht und permanent krank fühlt.

Außer die Spezialärzte?

Long Covid ist ein Thema, mit dem sich alle Ärzte erst neu befassen müssen. Die Long-Covid-Praxen und Zentren sind erst im Entstehen. Doch ja, dort fühlt man sich verstanden. In der Reha gab es Nachholbedarf. Die kannten sich zwar alle mit der Atmung aus, doch die Gedächtnisverluste konnten sie nicht nachvollziehen.

Endlich wieder Luft! Während der Reha halfen viele Fachleute Catrin Baudisch, wieder richtig Luft zu holen. Bildrechte: Catrin Baudisch

Hat Ihnen die Reha trotzdem geholfen?

Teilweise. Meine Lunge wurde intensiv untersucht, ich bin auf Asthma-Spray eingestellt worden und konnte zum Schluss sogar wieder Fahrradfahren. Bei meiner Ankunft war ich noch nicht einmal fähig, Treppen zu steigen, so sehr hat mir die Luft gefehlt. Unsere kognitiven Einschränkungen und der damit verbundene massive Leidensdruck blieben jedoch.  

Sie sprechen von uns?

Ja, wir jungen Long-Covid-Patienten haben uns ausgetauscht, das hat geholfen. Mit einer anderen Patientin, Suse, habe ich mich sofort gut verstanden. Wir hatten den gleichen Leidensweg, das hat unheimlich erleichtert und uns trotz aller Schwierigkeiten schöne Momente am Meer beschert. Schon allein in einer solchen Begegnung lag der riesige Gewinn meine Reha.

Seeluft, Mediziner und eine gute Freundin - damit konnte Catrin Baudisch trotz aller Schwierigkeiten während der Reha auch mal durchatmen. Bildrechte: Catrin Baudisch

Vielleicht kurz ein Blick zurück: Wie sehr waren Sie an Corona erkrankt?

Alles begann am 14. Februar 2021. Innerhalb weniger Stunden wurde ich krank. Schlimmer Husten, Schwindel, Herzrasen, unbeschreibliche Gliederschmerzen. Vier Wochen lag ich akutkrank zu Hause. Ins Krankenhaus wurde ich nicht eingeliefert, wofür ich sehr dankbar war. Ich hatte Angst, man kannte ja die Bilder. Allein dort liegen - das erschien mir wie ein Albtraum. Zu ganz krassen Zeiten dachte ich: 'Da sterbe ich doch lieber zu Hause'. Es gab viele Nächte, in denen ich Todesangst hatte. Viele Nächte keine Luft bekommen und überlegt, was mein Mann noch mit den Kindern machen muss.

Bekamen Sie da Panik?

Ja, natürlich. Ich habe mit offener Zimmertür im Bett gelegen, weil ich wirklich Angst hatte, dass es keiner mitbekommt, wenn ich ersticke. Ich hatte das Gefühl, mir sitzt jemand auf dem Brustkorb und versucht mein Herz rauszureißen. Es waren unbeschreibliche Schmerzen. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt Atemnot zu haben. Es ist nicht dieses Gefühl, es drückt jemand von außen die Luft ab, sondern als ob jemand ganz tief im inneren den Hahn zudreht. Dann bekommt man Panik.

Das klingt so ein bisschen wie ein Horrorfilm, ehrlich gesagt…

Ja, das war es. Ich schlafe heute noch mit offener Tür. Im Unterbewusstsein spielt das sicher noch lange eine Rolle. Glücklicherweise habe ich damals schnell Cortison-Medikamente bekommen, mit denen ich besser atmen konnte. Das war dringend, denn ich konnte noch nicht einmal essen, ohne Atemnot zu haben.

Wie geht es weiter?

Ich habe noch immer schwer zu tun, obwohl es zwischendurch schon einmal besser war. Die Atmung funktioniert noch immer nicht, das Gedächtnis ist schlecht, die Augen verschwimmen. Ich vermeide, Auto zu fahren, weil ich das Gefühl habe, zu spät zu reagieren. Ich habe noch Muskelschmerzen und wie gesagt, diese elenden Schlafstörungen. Es ist wirklich frustrierend und es gibt Momente, da bin ich sehr verzweifelt – weil man nicht richtig gesund ist und wird.

Wie kommt Ihre Familie mit Ihrer Erkrankung klar?

Meine Familie unterstützt mich. Am Anfang war es schwierig, weil die Kinder gemerkt haben, dass ich gar nicht mehr richtig zuhören kann und alles wieder vergesse. Oft saßen wir im Auto und ich musste fragen: 'Wo wollten wir jetzt noch einmal hinfahren'?  Meine Töchter und auch mein Mann haben sich mit an das Long-Covid gewöhnen müssen. Das war für sie nicht einfach.

Die ganze Familie hängt also mit drin?

Ja. Für mich war es auch schwer, dass ich meinen Opi ins Altersheim geben musste. Vor der Erkrankung habe ich ihn versorgt und jeden Tag besucht. Das ging dann einfach nicht mehr. Ich konnte seine Pflege nicht mehr stemmen.

Eine enorme Belastung, auch seelisch…

Das stimmt. Ich bin sehr dankbar, meiner Familie und auch meinen Freunden. Besonders meine Freundin Michaela hat mich vom ersten Tag immer unterstützt. Sie motivierte mich ununterbrochen, schleifte mich zu Spaziergängen, zur Notaufnahme und zu kilometerweit entfernten Untersuchungen. Vor allem hat sie mir bei den Anträgen für die Krankenkasse und Reha geholfen und mich immer bestärkt, dass ich wieder "die Alte" werde.

Was hilft Ihnen – neben Familie, Freunden und den Ärzten?

Ich habe bei Facebook eine gute virtuelle Selbsthilfegruppe gefunden, in der sich mehr als 8.000 Long-Covid-Patienten austauschen. Das hat mir über die vielen Monate das Gefühl gegeben, dass ich nicht allein bin.

Wie ist Ihr persönliches Resümee dieser Zeit?

Ich musste mein Anspruch herunterschrauben und akzeptieren, dass viele Sachen nicht mehr gehen. Doch ich bin optimistisch, dass mir in den nächsten Wochen und Monaten geholfen werden kann. Das Positive daran ist, man bekommt einen anderen Blick auf viele Dinge. Man kann sich an Kleinigkeiten mehr erfreuen. Was vorher nur an mir vorbeiflog, nehme ich jetzt mit einer ganz anderen Intensivität wahr.

Frau Baudisch, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 18. Januar 2022 | 20:00 Uhr