Wirtschaft Innenstadt-Dilemma: Wie Krieg und Corona dem Einzelhandel in Thüringen schaden

Nach zwei harten Jahren mit Corona-Einschränkungen wollte der Thüringer Einzelhandel endlich wieder in Schwung kommen. Doch infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine sinkt die Verbraucherstimmung. Einzelhändler schaffen sich im Internet ein zweites Standbein und setzen auf Kundentreue. Das zeigen Beispiele aus Mühlhausen und Gotha.

Leere Geschäfte in Gotha.
Eins von mehreren leeren Geschäften in der Fußgängerzone von Gotha. Bildrechte: MDR/Heidje Beutel

Der Einzelhandel in Mitteldeutschland hat es schwer: Bei den Geschäften, die keine Nahrungsmittel verkaufen, lag der Umsatz im April 20 Prozent unter dem im Jahr 2019. Die Häufigkeit der Kundenbesuche sank sogar um rund 25 Prozent. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat das Verbrauchervertrauen nach Angaben von Handelsverband-Landesgeschäftsführer, Knut Bernsen, dann richtiggehend in den Keller gedrückt.

Mehr Dienstleistungen in Innenstädten

Bei der Buchhandlung Strecker in Mühlhausen verläuft das Frühjahr deutlich ruhiger als üblich. "Jetzt merkt man schon massiv, dass die Leute sehr verhalten sind", sagt Inhaberin Heike Strecker. Sie verkaufe nun auch Kaffee und Kuchen, um Kunden in den Laden zu locken.

Nach Angaben von Oberbürgermeister Johannes Bruns (SPD) stehen in Mühlhausen aber nicht mehr Geschäfte leer als vor der Pandemie. Der Verkauf von Bekleidung in Geschäften nehme ab, so Bruns. "Aber was zur Zeit zunimmt, sind Dienstleister der verschiedensten Formen - wie zum Beispiel Blumengeschäfte oder Friseure."

Heike Strecker und Johannes Bruns
Buchladen-Inhaberin Heike Strecker im Gespräch mit Mühlhausens Oberbürgermeister Johannes Bruns (SPD). Bildrechte: MDR/Heidje Beutel

Ukraine-Krieg bringt Verunsicherung

In Gotha ist die Lage ähnlich: In der Stadt sind weniger Kunden unterwegs - und mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine kauften noch weniger Menschen ein. Gerrit Jeron, Inhaber vom Bekleidungsgeschäft Temple of Cult, hat beobachtet, dass die Kunden direkt zu Beginn des Krieges zunächst ausblieben. Für ihn sei das verständlich: "Wir verkaufen Luxus, und die Leute machen sich gerade Gedanken: wie ist die Zukunft, alles wird teurer."

Anders als in Mühlhausen stehen in Gothas Fußgängerzone viele Geschäfte leer. Nach Angaben von Matthias Goldfuß vom Gewerbeverein Gotha waren das Filialen großer Händler, die wegen Corona geschlossen haben: "Wir haben in Gotha den Vorteil, dass wir sehr viele inhabergeführte Geschäfte haben und dass die Kunden ihren Geschäften treu sind."

Online-Handel macht Konkurrenz

Laut Andreas Dötsch, Vorsitzender des Gewerbevereins Gotha, verkaufen viele Händler durch die Corona-Pandemie ihre Waren auch im Internet und werben intensiver auf Social Media. Die Innenstädte seien nach der Pandemie nicht mehr die gleichen wie davor: "Dem Kunden muss ein Erlebnisshoppen geboten und die Innerstädte müssen in Attraktivität und Verweilqualität optimiert werden."

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. April 2022 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 15 Wochen

Es offenbart sich in Kriegs- und Krisenzeiten auch in Thüringens
Innenstädten das, was bereits seit Jahrzehnten stadtbildprägend
war: der Ausverkauf des inhabergeführten stationären Fach-Einzel-
handels zugunsten der „grünen Wiesen“ und des online-Handelns…

…und die Gewerkschafter schauen zu und treiben
mit ihren - teils völlig unsinnigen - Forderungen
nur alles noch mehr in den Ruin…

„Dank“ Euch, Genossen…‼️ 😤 😖

Samowar66 vor 15 Wochen

Schon Ende 2021 fing die Preisspirale an sich zu drehen.
Nachfrage zog an, Angebot war knapp, Preis steigt.
Statt langfristige Lieferverträge zu günstigen Preisen mit GAZPROM abzuschließen, setzte man - wahrscheinlich nach amerikanischem Rat -, auf den Spot-Markt, und auf dem jagt ein Rekord den anderen. Und da guter Rat bekanntlich teuer ist, muß man jetzt tief in die Tasche greifen.
Zieht euch warm an!
Wenn auch noch Personal zu Tausenden entlassen wird, Lohndumping und Niedriglöhne hinzukommen, dann ist das für die Kaufkraft nicht förderlich. Und wenn kein Geld da ist, dann nützt auch kein Erlebnisshoppen.
Wo nix is, da is nix.
Und bei diesem aberwitzigen Sanktionswettlauf ist das vielleicht noch nicht das dicke Ende der langen Fahnenstange. Auch müssen Rüstung und Kriegsunterstützung geschultert werden. Und das geht über Steuern und Abgaben. Und wer die Zeche zahlt, steht schon fest.
Ob nun permanentes Erlebnisshoppen unser erstrebenswerter Lebensinhalt ist…

Mustermann vor 15 Wochen

Als Außenstehender könnte man fast zu der Annahme gelangen, dass das Virus höchstpersönlich in den Amtstuben sitzt (bzw. saß) und dort die C-Regeln mit beschlossen hat... Wenn hier jemand verantwortlich ist, dann sind es die Menschen die die Regeln beschlossen haben.

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