Rückkehr nach 21 Jahren Ex-Asylbewerber auf Spurensuche im ehemaligen KZ-Außenlager

Der ehemalige Asylbewerber Elhan Gasimow ist nach Mühlhausen und dort an den Stadtwald zurückgekehrt. Hier hat der Wahl-Erfurter Jahre seiner Kindheit verbracht - mit bitteren und schönen Stunden. Gut vier Jahre hat er in Baracke 2 gelebt, mit Eltern und Schwestern auf 20 Quadratmetern in einem Raum.

Ein Mann steht vor einem großen Metalltor.
"Es hat sich kaum etwas verändert. Ich habe das Gefühl, es sei alles erst gestern gewesen", sagt Elhan Gasimov bei seiner Rückkehr in dieser Woche. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Es war Mitternacht und sehr kalt. Wachleute mit Hunden empfingen im November 2000 den damals zehnjährigen Elhan Gasimov und seine Familie in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) am Mühlhäuser Stadtwald. Fünf Jahre war das frühere KZ-Außenlager und der spätere Standort der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR seine Heimat. Heute lebt der gebürtige Aserbaidschaner mit seiner Familie in Erfurt; der studierte Sozialarbeiter ist in der Getränkeautomaten-Firma seines Vaters angestellt.

Die Rückkehr nach Mühlhausen hat einen Grund: Als vor zwei Jahren über das Areal als Standort für das Bratwurstmuseum und über die Historie des Geländes diskutiert wurde, fühlte er sich als ehemaliger Asylbewerber als Teil der Geschichte vergessen. "Warum durften wir bei der Vorgeschichte hier als Asylbewerber nicht sein?", habe er sich gefragt.

Ein Mann steht mit einem Foto in einem Zimmer.
In diesem Zimmer hat die Familie damals gelebt, jetzt sucht Gasimov nach Spuren für sein Buch. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Nach Mühlhausen kehrte er zurück, weil er ein Buch über diesen Lebensabschnitt und seinen Weg in Deutschland schreiben will. Dafür brauchte er Fotos und fand viele Erinnerungen.

Langer Weg nach Deutschland

Elhas Familie stammt aus Aserbaidschan. Wegen der Auseinandersetzungen um Berg-Karabach floh sie nach Russland; nach Surgut. Auch dort wollte sie aber nicht dauerhaft bleiben und kam nach Deutschland. Über Berlin ging es weiter nach Thüringen in die Erstaufnahmeeinrichtung am Mühlhäuser Stadtwald. Damals lebten hier 500 Menschen aus 27 Nationen: mittendrin der zehnjährige Elhan, seine sechs Jahre jüngere Schwester und die Eltern. Ihr neues Zuhause war ein Zimmer in Baracke 2, gerade 20 Quadratmeter groß. Die eine Dusche und die eine Küche konnten die Bewohner der Baracke nur mit Termin benutzen.

Schulbesuch war eine große Hilfe

Elha war schnell im gesamten Gelände zu Hause. Auf dem Fußballplatz mit den beiden Holztoren ohne Netze, an den Baracken, im Speisesaal und draußen vor den Toren. Obwohl es keine Schulpflicht gab, ging er zur Thomas-Müntzer-Schule. Dass die Sozialarbeiterin sich darum gekümmert hat, dafür ist der 31-Jährige sehr dankbar. Auch dafür, dass sie damals den Kindern die Zeit so angenehm wie möglich gemacht hat.

Wir sind dankbar gewesen damals, wir hatten ein Dach über dem Kopf und konnten zur Schule gehen.

Elhan Gasimov

Weil er damals schnell Deutsch sprechen konnte, war er wie viele andere Kinder in der EAE nicht nur für die eigenen Eltern wichtig. Er dolmetschte für alle, begleitete die Bewohnerinnen zum Frauenarzt, half den Sozialarbeitern bei Gesprächen und den Bewohnern bei Formularen. 2005 zog die Familie in eine Gemeinschaftsunterkunft in Aschara bei Bad Langensalza und später in den Mühlhäuser Ortsteil Felchta. "Mit dem Umzug nach Erfurt waren wir dann richtig in Deutschland angekommen", erinnert sich Elhan.

Ein Mann steht mit einem Foto vor einer alten Baracke.
Hier zwischen den Baracken hat Elhan Gasimov als Kind gespielt. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

"Es hat sich kaum etwas verändert. Ich habe das Gefühl, es sei alles erst gestern gewesen", sagt der 31-Jährige bei seiner Rückkehr in dieser Woche. "Es ist alles so geblieben wie es war. Es fehlen eigentlich nur die Menschen", stellt er schon am Eigangstor fest.

Integrieren, anpassen und die Sprache lernen

"Nicht jeder ist reich oder bequem geboren", sagt Elhan aus heutiger Sicht. "Wir sind dankbar gewesen damals, wir hatten ein Dach über dem Kopf und konnten zur Schule gehen." Er ist sicher: "Man muss sich in einem fremden Land integrieren, sich anpassen, die Sprache lernen - ohne die Herkunft zu vergessen". In seiner Heimat sei er "der Deutsche", hier "der Ausländer". In den nächsten Wochen werde er hier in Deutschland eingebürgert.

Denkmal mit kompletter Geschichte

Für das Areal am Mühlhäuser Stadtwald wünscht er sich ein Denkmal, das an die ganze Geschichte erinnert. An die 700 weiblichen Häftlinge, die hier 1944/45 als Zwangsarbeiterinnen im KZ-Außenlager Martha II inhaftiert wurden. Und, dass hier nach 1945 Polizei, Armee und später Asylbewerber untergebracht waren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 19. September 2021 | 18:00 Uhr

9 Kommentare

Sigrun vor 1 Wochen

@Harka2: Merken Sie, dass Sie das Leid der einen gegen das Leid der anderen ausspielen? Er möchte, dass an die gesamte Geschichte erinnert wird. Was ist daran falsch?

Harka2 vor 1 Wochen

@Sunshine
Da haben wir wohl verschiedene Artikel gelesen. Es geht nicht darum, dass Deutschland inzwischen hundertausende ehemalige Flüchtlinge erfolgreich ins Berufsleben integriert hat. Das will zwar keiner hören ist aber wahr und gerade dieser Flüchtling arbeitet in einem Beruf, der dringend mehr Leute (und bessere Bezahlung) braucht.
Ich lese aber aus dem Artikel, dass er die Nutzung dieser Gebäude als Flüchtlingsunterkunft und die Probleme der Flüchtlinge nicht ausreichend verarbeitet sieht und er stellt dies in einen Kontext mit den unfassbaren Verbrechen der Nazis, mit dem Leid und der Not der Zwangsarbeiter. Gerade in Nordhausen spielte sich eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte im Kohnstein ab. Daran muss man erinnern, dafür bedarf es Mahnmale. Die Schicksale der Flüchtlinge sind sicher auch schwer, aber sie stehen in absolut gar keinem Verhältnis zum Schicksal der Zwangsarbeiter, denen jede Hilfe verweigert wurde.

Sunshine vor 1 Wochen

Ganz starker Beitrag MDR!!!

Respekt Hr. Gasimov! Solche Menschen stärken uns doch irgendwie alle. Das sind Geschichten die das Leben immer wieder schreibt. Menschen wie Hr. Gasimov sind inzwischen überall zu finden. Man muß nur die Augen aufmachen: der Lokführer aus Russland, der Zugbegleiter aus dem Irak. Die beiden laufen mir im Alltag mindestens regelmäßig über den Weg und sind mir durchaus angenehmer als mancher "Urdeutscher".... .

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