Handwerk Stempel nach wie vor begehrt: Mühlhäuserin übernimmt fast 100-jährige Traditionsfirma

In Thüringen suchen viele Handwerksbetriebe einen Nachfolger. Schwer wird es, wenn die eigenen Kinder nicht in die Fußstapfen der Eltern treten wollen. In Mühlhausen gibt es eine andere Lösung: Eine Medien­gestalterin übernimmt ab Oktober die fast einhundertjährige Firma "Stempel Mock"; zur Freude von Firmenchef Andreas Mock, der in den Ruhestand geht.

Ein älterer Herr und zwei Frauen stehen an einem alten Holzschrank, auf dem ein Setzkaste mit alten Drucklettern steht
Rollentausch: Katja Böttcher (rechts) ist die neue Chefin vom Traditions­unternehmen "Stempel Mock". Sie tritt in die Fußstapfen von Andreas Mock. Ihr zur Seite steht Isabell Lück. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Vor 80 Jahren Handsatz mit einzelnen Buchstaben - heute per Tastatur am Computer. Bei der Traditionsfirma "Stempel Mock" in Mühlhausen hat die Technik einen großen Sprung gemacht. Trotzdem gibt es die Stempel immer noch mit Holzgriffen wie früher, in dutzenden Größen und Varianten.

Zu DDR-Zeiten mussten Kunden acht Monate auf einen Stempel warten. Heute ist er innerhalb einer Stunde lieferbar. Mittlerweile wird der "Selbstfärber" aus Kunststoff als weitaus bequemere Variante deutlich bevorzugt.

Verschiedene Holzstempel im Regal
Stempel in allen Größen sind immer noch begehrt. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Kunden zahlen pünktlich

Zehn Leute waren zu DDR-Zeiten bei Mock beschäftigt. Jetzt sind es noch drei. Moderne Technik hat inzwischen viel Handarbeit abgelöst. Weil fast alle Kunden pünktlich zahlen und die Rechnungsbeträge oft überschaubar sind, hält sich das Geschäftsrisiko in Grenzen.

"Wir beraten die Kunden ganz anders", sagt Andreas Mock zum Thema Internet. Die richtige Schrift, die passende Größe und vorab ein Blick auf den Entwurf. Die Kosten für den Stempel aus der Werkstatt und die Einladungskarte seien nicht viel höher, weil im Internet die Versandkosten dazukommen. Viele Kunden seien nach schlechten Erfahrungen zu ihnen zurückgekommen.

Der 62-Jährige hat die Entwicklung in den letzten fünf Jahrzehnten erlebt. Schon als Kind war er oft in der Werkstatt seines Vaters und Großvaters, hat dann den Beruf des Schriftsetzers gelernt und 1991 die Firma vom Vater übernommen.

Drucklettern aus Metal im Setzkasten
Druck-Matrizen aus DDR Zeiten. Inzwischen ist moderne Lasertechnik in die Firma eingezogen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Neue Chefin hat im Unternehmen gelernt

"Ein gewisser Stolz ist da", blickt Andreas Mock zurück. Sein Großvater hatte die Firma 1928 gegründet. Bis zum 100. Firmenjubiläum wollte er aber mit der Geschäftsübergabe nicht warten. Handwerk habe große Probleme, Nachwuchs zu finden.

Deswegen sei er froh, dass sich mit Katja Böttcher eine junge Mediengestalterin für die Nachfolge gemeldet hat. Diesen Beruf hat die 40-Jährige nach dem Abitur ab 1999 hier im Unternehmen gelernt. Dass sie die Firma ab Oktober übernimmt, macht Andreas Mock glücklich.

Ein älterer Mann zeigt seinen DDR Meisterbrief als Schriftsetzer
Andreas Mock mit dem Meisterbrief des Vaters Paul Mock. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Der 62-Jährige hat in seiner Familie keinen Nachfolger gefunden. Stempel-Mock kennen alle älteren Mühlhäuser schon von früher. Vater Paul und Großvater Paul versorgten mit drei, vier anderen Firmen die Region mit Druckerzeugnissen - immer als privates Einzelunternehmen. Bei den Stempeln war die Firma immer allein auf weiter Flur. Das ist auch noch heute so.

Katja Böttcher freut sich auf die neue Aufgabe. Es habe ihr immer Spaß gemacht, in der Firma zu arbeiten. "Genau das will ich machen", sagt die 40-jährige Chefin über ihre neue Aufgabe. Natürlich springe sie ins kalte Wasser, sei aber gespannt. Stempelwünsche und einige Drucksachen wiederholen sich, sind oftmals gleich.

Eine junge Frau im Büro am Schreibtisch
Ab Oktober Firmenchefin: Katja Böttcher. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Bei anderen Kundenwünschen wie Visiten- und Einladungskarten, Logos, Broschüren, Plakate, Briefbögen oder Einladungskarten sei viel Kreativität gefordert. Den Leuten, einen besonderen Wunsch zu erfüllen, sei eine Aufgabe, die Spaß macht. Und der Kundenkontakt, sagt sie. Sie wolle mehr mit Laser arbeiten und Werkstoffe wie Textilien, Acryl, PVC, Edelstahl und Stein.

Stempel sind nach wie vor heiß begehrt.

Katja Böttcher, neue Firmenchefin von Stempel-Mock

Firmen, Schulen und Ämter brauchen regelmäßig Nachschub für ihre Stempelkarussells. Täglich verlassen mehrere Stempel die kleine Firma. Die Qualität des Stempeldrucks ist die gleiche. Sie unterscheiden sich nur durch verschiedene Stempelkissen.

Ein Regal voller Boxen mit verschieden großen Stempeln
Vor allem Schulen, Firmen und Ämter bestellen regelmäßig Stempel-Nachschub. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Das Unternehmen arbeitet mit der Werbebranche zusammen und kann so auch Autobeschriftungen oder Schaufenstergestaltungen übernehmen. Im Druckbereich werden auch die Vorlagen für große Auflagen wie Bücher, Blocks und Broschüren gestaltet und dann woanders gedruckt.

Katja Böttcher hat sich einiges vorgenommen: Den Verkaufsraum will sie verändern, das Schaufenster moderner machen mit Blumen und neuer Deko. Die neue Lasermaschine kommt Mitte Oktober. Damit können Textilien und andere Stoffe individuell beschriftet und gestaltet werden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 30. September 2021 | 18:00 Uhr

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