Corona-Pandemie Volle Kindergärten in Thüringen: Notbetreuung oder schon Regelbetrieb?

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

In Thüringen ist die Zahl der Familien, die die Notbetreuung für ihre Kinder in Anspruch nehmen, gestiegen. Berechtigt sind dazu Eltern, die aus beruflichen Gründen keine Alternative haben. Das sei zu schwammig, kritisieren die Kitas. Im Grunde könne jeder die Kinder bringen, von einer tatsächlichen Kita-Schließung könne keine Rede sein.

Kinder machen Lernspiele mit der Erzieherin.
Manche Kindergärten sind zur Hälfte voll. Tendenz steigend. Bildrechte: Colourbox.de

Wenn ich in den Nachrichten höre, dass die Kitas geschlossen bleiben, macht mich das wirklich wütend. Das ist einfach eine Lüge! In Thüringen sind die Kitas offen. Bei diesen Zahlen kann man doch nicht von Notbetreuung reden!

Es ist eine Kita-Leiterin aus Erfurt, die das sagt. Ihren Namen möchte sie nicht nennen. Von der Politik veralbert fühlt sie sich, sagt sie. Dazu bekommt sie noch den Frust, die Verzweiflung und den Ärger der Eltern ab. Und die verhalten sich sehr unterschiedlich. Während manche nicht mehr weiter wissen, weinend mit ihr telefonieren, kommen andere ohne Maske in den Kindergarten und beleidigen die Kolleginnen und Kollegen.

Auch Jörg Vetter ist Erzieher im Kindergarten und macht solche Erfahrungen: "Wie sollen wir dann mit den Eltern pädagogisch arbeiten, wenn wir uns gleich morgens über Hygieneregeln streiten müssen?"

Bedingungen weniger streng als im Frühjahr

Die Kita-Leitungen sind angehalten, Anträge auf Notbetreuung "wohlwollend“ zu prüfen. Das heißt, wenn beispielsweise der Arbeitgeber unterschrieben hat, dass die betreffenden Eltern im Betrieb gebraucht werden, muss nicht weiter nachgefragt werden. "Es ist praktisch egal, ob es dabei um einen Supermarkt oder beispielsweise einen Farbenhersteller geht“ berichtet die Kita-Leiterin. "Die Arbeitgeber unterschreiben alles, sie wollen ja ihre Leute im Betrieb haben.“

Gewerkschaft kritisiert Kriterien für Notbetreuung

Auch Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen, kritisiert das: "Die sehr offene Regelung, wer Zugang zur Notbetreuung hat, verhindert den notwendigen Weg der Kontaktvermeidung. Auch wenn viele Eltern unter der Mehrfachbelastung von Arbeit, Kinderbetreuung, Sorgetätigkeit und Geldproblemen leiden, eine restriktivere Notbetreuung ist notwendig, damit die Berufsgruppen entlastet werden, die für unser aller Schutz arbeiten müssen."

Bildungsministerium verteidigt die Regelungen

Vom zuständigen Ministerium heißt es dazu, dass man die Kita-Leiterinnen und -Leiter entlasten wolle. Sie sollen keine "Richter im Erzieherstand“ sein. "Dafür, dass die Bescheinigungen korrekt sind, sind vor allem die Arbeitgeber und die Eltern verantwortlich. Es kann nicht sein, dass hier Dinge erklärt werden, die nicht zutreffen. Es kann aber auch nicht sein, dass die Einrichtungen das mit hohem bürokratischen Aufwand noch überprüfen und in Frage stellen müssen. Gerade zwischen den Eltern und Erziehern ist ja ein Vertrauensverhältnis wichtig“, heißt es weiter.

Es soll kein Unfrieden in die Einrichtungen getragen werden. Im Frühjahr, als die Regeln für die Notbetreuung strenger waren, musste vor Ort viel mehr kontrolliert werden. Deshalb appelliert das Ministerium auch immer wieder an die Eltern, selber Verantwortung zu übernemen und solidarisch zu sein. "Denn oberstes Ziel ist es doch, dass das Virus besiegt werden kann, gerade damit schnell wieder alle Kinder in den Kindergarten gehen können. Natürlich ist uns bewusst, dass die Zerreißprobe für die Eltern jetzt viel größer ist als im Frühjahr, weil ja die Wirtschaft oft weiterläuft“, so Felix Knothe, Sprecher des Bildungsministeriums.

Trotzdem soll jeder Arbeitgeber Rücksicht auf Familien nehmen, soll jeder Vater, jede Mutter überlegen, ob man die Notbetreuung wirklich braucht oder ob es nicht auch andere Möglichkeiten gibt.

Felix Knothe Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums

Derzeit kann in Thüringen jeder, der seine Kinder tatsächlich oder mutmaßlich nicht anderweitig betreuen kann, die Kleinen in die Notbetreuung geben. Im Frühjahr war das nur den Angehörigen sogenannter systemrelevanter Berufe möglich – also etwa medizinischem Personal, Mitarbeiterinnen von Supermärkten und Polizisten.

Zahlen sagen etwas anderes

Die Eltern setzen das sehr unterschiedlich um. "Viele sind sehr solidarisch und verständnisvoll, auch wenn die Situation zu Hause schwierig ist“, erzählt die Kita-Leiterin. "Aber wir haben auch Eltern, die sind mit dem kleinen Kind zu Hause und bringen das große in die Einrichtung.“ Nur in Kindergärten, die wegen Corona schon komplett geschlossen waren, verhalten sich die meisten Eltern diszipliniert, auch in Bezug auf die jeweiligen Hygienekonzepte.

Das Bildungsministerium ermittelt regelmäßig die Zahlen zur Inanspruchnahme der Notbetreuung. Demnach waren am 14. Januar dieses Jahres 34.024 Kinder n der Kindergartennotbetreuung. Das sind 36,03 Prozent. Erzieher Jörg Vetter beobachtet allerdings, dass es von Tag zu Tag mehr werden: "Bei der nächsten Erhebung werden die Zahlen deutlich höher ausfallen. Zum Jahreswechsel hatten viele Eltern noch Urlaub. Inzwischen sieht das ganz anders aus."

Das bestätigt auch Kathrin Vitzthum (GEW): "Durchschnittliche Belegungszahlen sagen nichts über die konkrete Situation vor Ort. In vielen Kindergärten sind 50 Prozent und mehr Kinder in der sogenannten Notbetreuung. Das ist im Grund ein eingeschränkter Regelbetrieb.“

Organisation im Alltag schwierig

Erschwert wird das Ganze dadurch, dass die Kinder ja nicht "gemischt“ werden dürfen, sie bleiben in ihren Gruppen. Dann kann es passieren, dass zwei Erziehrinnen drei Kinder in der einen Gruppe betreuen, während in einer anderen zehn Kinder da sind, aber nur eine Erzieherin. "Die kann dannim Grunde nicht mal Pause machen, weil sie ja keiner vertreten darf“, so Jörg Vetter. Denn wegen Krankheit und Urlaub (der nicht angesammelt werden darf) fehlt in manchen Gruppen die zweite Erzieherin.

Auch die Dienstplanung ist schwierig. Denn viele Eltern entscheiden von Tag zu Tag, ob sie die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Und während in manchen Gemeinden über Kurzarbeit im Kindergarten geredet wird, nutzt man anderenorts die freie Zeit, um zu malern, und versucht, mit den Eltern wenigstens per Video-Konferenz oder E-Mail in Kontakt zu bleiben.

Kein Schutz für Erzieherinnen und Erzieher

Das größte Problem ist aber, dass die Erzieherinnen und Erzieher im Grunde absolut schutzlos sind. "Sie können keinen Abstand halten zu Kindergartenkindern. Und gerade bei den kleinen Kindern sind Mimik und Gestik wichtig. Wie soll das mit Maske funktionieren?“, fragt die Leiterin.

Wir haben ja auch ältere Kolleginnen, die haben einfach Angst.

Kita-Leiterin

Entsprechend hoch ist der Krankenstand. Kathrin Vitzthum von der GEW: "Familien brauchen Unterstützung, ohne Frage. Aber wir bekämpfen die Pandemie nicht, wenn wir immer noch Bereiche haben, wo es keine Kontaktminimierung gibt.“

Als eine Lösung sieht die GEW, dass es mehr Kinder-Krankentage gibt, damit Eltern eben nicht mehr nebenbei arbeiten müssen. "Denn die Lösung kann nicht sein, quasi allen Notbetreuung zu gewähren.“

Im Grunde ist also nur der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung ausgesetzt, von Schließung kann keine Rede sein. Jörg Vetter rechnet in den nächsten Wochen mit einem "Volllaufen“ der Kindergärten. Und anders als erwartet, scheint die Wertschätzung für die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher nicht gestiegen zu sein. Weder in der Politik, noch bei den gestressten Eltern. "Ich kann absolut nichts für den Kabinettsbeschluss“, sagt die Kita-Leiterin, "aber ich kriege die Prügel dafür."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 23. Januar 2021 | 14:00 Uhr

119 Kommentare

Storch Heiner vor 20 Wochen

Familien in Afrika rutschen in die Armut. Die Kinder leiden Hunger. Krieg, Dürre, Überschwemmungen, eine Heuschreckenplage und die Corona-Pandemie. Wohlstands-Jammern liest sich auch gegenüber den Flüchtlingen auf Mittelmeerinseln, sarkastisch + ironisch.

Sachsin vor 20 Wochen

gestern wurde berichtet das es in Deutschland mehr Hunde als Kinder gibt, coronabedingt legten sich viele Hund zu und die Züchter können die Nachfrage nicht befriedigen

Kiel_oben vor 20 Wochen

"... mir fällt schwer, ihre geschriebenes Ernst zu nehmen! !

so wird es vielen beim Lesen ironischer Kommentare mit gespielter Ernsthaftigkeit gehen; Humor ist wenn man trotzdem lacht, stimmt Pessimisten lustig und lässt Realisten Schmuzeln

Mehr aus Thüringen