NSU-Prozess Gutachter der Verteidigung: Zschäpe nur vermindert schuldfähig

Der NSU-Prozess drehte sich zuletzt vor allem um die Psyche der Angeklagten. Jetzt stellte der Gutachter der Verteidigung sein Ergebnis vor. Wenig überraschend: Er kommt zu einem anderen Schluss als der Gerichtsgutachter.

Die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe ist nach Einschätzung eines von der Verteidigung beauftragten Gutachters nur vermindert schuldfähig. Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer bescheinigte Zschäpe am Mittwoch im NSU-Prozess in München eine schwere abhängige Persönlichkeitsstörung. Damit widerspricht Bauer dem Gerichtsgutachter Henning Saß. Der hatte Zschäpe volle Schuldfähigkeit attestiert.

Laut Bauer soll Zschäpe hochgradig abhängig von ihrem Freund und Komplizen Uwe Böhnhardt gewesen sein. Er bescheinigte ihr deshalb eine "erheblich beeinträchtigte Steuerungsfähigkeit". Zschäpe habe es daher nicht geschafft, das Trio mit Böhnhardt und Uwe Mundlos zu verlassen - trotz der Verbrechen, die ihre Freunde verübt haben sollen. Böhnhardt soll sie zudem immer wieder körperlich schwer misshandelt haben. Dennoch habe sie ständig Angst davor gehabt, von Böhnhardt verlassen zu werden. Der Psychiater spricht von einem "krankhaften Abhängigkeitsverhältnis".

Saß bescheinigte Zschäpe "gesundes Selbstbewusstsein"

Zschäpes Vertrauens-Verteidiger Mathias Grasel hatte Bauer im sogenannten Selbstladeverfahren in den Prozess gebracht. Mit dem Bauer-Gutachten will die Zschäpe-Verteidigung zentrale Thesen des vom Gericht bestellten Sachverständigen Henning Saß widerlegen. Saß hatte unter anderem Zeugen zitiert, laut denen Zschäpe über ein "gesundes Selbstbewusstsein" verfüge und ihre Freunde "im Griff gehabt" habe. Das spreche für "Stärke und Selbstbewusstsein nach außen und gegenüber männlichen Partnern". Sie sei durchweg als "energisches, wehrhaftes und anerkanntes Mitglied in der rechtsextremen Szene" beschrieben worden. Da Zschäpe ein persönliches Gespräch mit Saß verweigerte, stützte dieser sein Gutachten auf Beobachtungen im Prozess sowie auf Zeugenaussagen.

Bauer hatte Zschäpe im NSU-Verfahren sieben Mal für jeweils zwei Stunden in der Untersuchungshaftanstalt besucht und befragt. Dabei habe sie ihm Einzelheiten berichtet, die sie vor dem Oberlandesgericht nicht oder nur am Rande erwähnt habe. Beispielsweise soll es um ihre schwierige Beziehung zu ihrer alkoholkranken Mutter und zu den Prügelattacken von Uwe Böhnhardt gegangen sein. Darüber hätten bislang nicht einmal ihre Verteidiger Bescheid gewusst. Verschweigen und Verdrängen sei ein typisches Verhaltensmuster für Opfer von Gewalt, insbesondere für missbrauchte Frauen, so Bauer. Nach dem Abtauchen des Trios in den Untergrund habe Zschäpe dann beständig Angst gehabt, Böhnhardt könnte sich erneut von ihr trennen. Deshalb habe sie ihm auch immer wieder verziehen.

Bauer verfolgte bislang keinen Verhandlungstag

Gutachter Bauer hatte keinen einzigen Verhandlungstag im NSU-Prozess verfolgt. Er stützte sich bei seiner Untersuchung lediglich auf eine kleine Auswahl an Zeugenaussagen, auf Zschäpes schriftliche Einlassungen vor Gericht - und unter anderem auch auf die polizeiliche Vernehmung von Zschäpes Mutter. Richter Manfred Götzl wies am Mittwoch darauf hin, dass Zschäpes Mutter jeglicher gerichtlichen Verwertung ihrer Aussagen widersprochen hatte. Vor allem aber stützte Bauer sich auf seine Gespräche mit Zschäpe. Bauer musste sich am Verhandlungstag am Mittwoch noch keinen kritischen Nachfragen der Prozessbeteiligten stellen. Das wird erst Mitte Mai der Fall sein. Dann ist er wieder als Zeuge im NSU-Prozess geladen.

Zschäpe ist wegen Mittäterschaft an allen Verbrechen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" angeklagt. Sie hatte fast 14 Jahre mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund gelebt. Während dieser Zeit sollen die beiden Männer zehn Morde aus überwiegend rassistischen Motiven und zwei Sprengstoffanschläge verübt haben.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | 09.01.2017 | 19:20 Uhr
MDR aktuell | 09.01.2017 | 21:20 Uhr

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