NSU-Prozess Mitangeklagter schildert Treffen mit untergetauchtem Trio

Unter den Angeklagten im NSU-Prozess gilt Ralf Wohlleben als Organisator. Er bestreitet aber, die Tatwaffe beschafft zu haben. Am Donnerstag ging es um eine Begegnung ein halbes Jahr nach dem ersten der angeklagten Morde. Gleichzeitig beschäftigte sich in Erfurt der Untersuchungsausschuss des Landtags mit dem Fall - und bekam Rätsel und Kritik von Brand- und Computerexperten serviert.

Im NSU-Prozess hat der aus Jena stammende Mitangeklagte Ralf Wohlleben nur knapp ein Treffen von 2001 mit dem damals seit drei Jahren untergetauchten mutmaßlichen Terror-Trio geschildert. Es könnte darum gegangen sein, ob der als V-Mann aufgeflogene Neonazi Tino Brandt dem Verfassungsschutz etwas über das Versteck der drei erzählt habe. Wohlleben sagte, er könne aber nicht mehr genau angeben, was bei dem Treffen in Zwickau besprochen worden sei. Zu diesem Zeitpunkt lag der erste dem Trio zur Last gelegte Mord vom September 2000 in Nürnberg schon ein halbes Jahr zurück.

Tino Brandt zählte zu den Führungsfiguren des Neonazi-Netzwerks "Thüringer Heimatschutz". In seinen nach dem Auffliegen des NSU bekanntgewordenen Informationen an den Verfassungsschutz schilderte Brandt unter anderem einen Telefonkontakt, sowie Unterstützungsaktionen und diverse Hinweise aus der Szene, aber keine konkreten Aufenthaltsorte oder Aliasnamen der drei. Wohlleben sagte, er habe bei dem Treffen in einem Zwickauer Park möglicherweise auch über eine Flucht von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ins Ausland gesprochen sowie über Pläne von Beate Zschäpe, sich der Polizei zu stellen.

"Ich wollte ja so wenig wie möglich wisssen"

Das Trio war im Januar 1998 nach dem Auffliegen einer Bombenwerkstatt in Jena zunächst in Chemnitz untergetaucht. Ein halbes Jahr nach der Flucht hatte sich Wohlleben dort nach eigenen Angaben schon einmal mit den drei getroffen. Insgesamt habe es drei Treffen gegeben. Bei seinen Antworten auf Fragen des Gerichts erklärte er aber, er könne sich an viele Details nicht mehr erinnern und vieles habe ihn auch nicht interessiert. "Ich wollte ja so wenig wie möglich wissen."

Wohlleben gilt als Orqanisator von Hilfe für die drei in der ersten Zeit nach dem Untertauchen. Schwerster Tatvorwurf ist, dass er mit Hilfe eines weiteren Angeklagten die bei neun der Morde genutzte Tatwaffe in Jena beschafft haben soll. Wohlleben bestreitet aber diese von dem Mitangeklagten geschilderte Version. Die drei hätten die Pistole der Marke "Ceska" auf anderen Wegen bekommen, nach seiner Ansicht vermutlich über Brandt.

Insgesamt werden dem "Nationalsozialistischen Untergrund" NSU zehn Morde vorgeworfen sowie zwei Sprengstoffanschläge und zahlreiche Banküberfälle. Zschäpe ist die einzige Überlebende des Trios. Wohlleben und drei weitere Männer sind als mutmaßliche Helfer angeklagt. Er hatte ebenso wie die Hauptangeklagte Beate Zschäpe jahrelang geschwiegen und ebenso wie sie erst vor kurzem im Prozess ausgesagt. Nach Zschäpes Aussage hatte ihr das Gericht mehr als 50 Fragen gestellt. Ihre schriftlichen Antworten sollen nun am kommenden Mittwoch bei der Fortsetzung des Prozesses verlesen werden.

Rätsel um Brand in Untersuchungsausschuss

Am Donnerstag hat außerdem in Erfurt wieder der NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags Zeugen zum Auffliegen des NSU am 4. November 2011 in Eisenach vernommen. Nach einem Banküberfall entdeckte dort die Polizei Böhnhardt und Mundlos in einem Wohnmobil, das dann in Brand geriet. In dem Fahrzeug fanden Feuerwehr und Polizei die Leichen der beiden Männer. Mundlos soll zunächst Böhnhardt erschossen haben, dann das Wohnmobil angezündet und schließlich sich selber getötet.

Wie der Brand genau entstand, bleibt aber nach wie vor unklar. Es gebe keine Spuren von Brandbeschleuingern wie Benzin oder andere brennbare Flüssigkeiten, sagte der Brandgutachter. Der Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg hatte das Wohnmobil einige Zeit nach dem Brand untersucht.
Offenbar sei in einer Ecke des Wohnmobils ein Gegenstand mit einem Feuerzeug oder einem Streichholz entzündet worden und habe dann das Wohnmobil in Brand gesetzt, sagte der Sachverständige. Vermutlich sei die Ausbreitung des Feuers noch dadurch unterstützt worden, dass Mundlos oder Böhnhardt den Gasherd des Wohnmobils so eingestellt habe, dass dort Gas ausgeströmt sei. Welcher Gegenstand genau als erster in der Ecke angezündet worden sei, sei aber unklar, sagte er.

Kritik an Entschlüsselungsarbeit

Kritik an einem Teil der Ermittlungen übte ein früherer Computerexperte des Thüringer Landeskriminalamtes. Kurz nach dem Auffliegen des NSU-Trios war Wohlleben verhaftet und seine Wohnung durchsucht worden. Dabei wurde eine Menge an Technik mitgenommen. Vor allem Festplatten - allesamt so verschlüsselt, dass sie nur teilweise zu knacken waren. Der Ermittler schilderte, dass er erst den Auftrag zur Auswertung erhalten habe. Doch mitten in seiner Arbeit sei "in einer Nacht- und Nebel-Aktion" Wohllebens Technik zum Bundeskriminalamt gebracht worden. Dort jedoch sei es auch nicht vorangegangen - wochenlang sei diskutiert worden, wie die Technik ausgewertet werden sollte. Bis heute sei es nicht gelungen, die Daten Wohllebens zu entschlüsseln.

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