Landgericht Gera Mordprozess von Altenburg: Opferberatung Ezra sieht rechtes Tatmotiv

Die Thüringer Opferberatung Ezra stuft den mutmaßlichen Mord an einem Mann in Altenburg im vergangenen Jahr als rechtsmotiviert ein. Das Opfer soll im Februar 2020 in seiner Wohnung von zwei Männern brutal ermordet worden sein. Auf ein rechtsextremes Tatmotiv legt sich die Staatsanwaltschaft allerdings bislang nicht fest.

Angeklagte und Anwälte 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Fr 02.04.2021 19:00Uhr 02:14 min

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Die Opferberatung Ezra geht davon aus, dass der mutmaßliche Mord von Altenburg rechtsmotiviert war. Das sagte Ezra-Sprecher Franz Zobel MDR THÜRINGEN. Die Auswahl des Opfers, die Art der Tatbegehung und die Einstellung der mutmaßlichen Täter sprächen für ein homophobes und sozialdarwinistisches Tatmotiv. "Bei der Auswahl des Opfers gab es ganz klare rechte Zuschreibungen der Täter, wo es vor allen Dingen um ein schwulenfeindliches Tatmotiv geht", so Zobel.

Die Angeklagten hätten dem Opfer im Prozessverlauf Begriffe wie "Kinderschänder" oder Prostitution zugeschrieben. "Das sind Zuschreibungen, die gegenüber Homosexuellen oft gemacht werden von neonazistischen, rechten Kreisen." Auch würden die mutmaßlichen Täter mit der rechtsextremen Szene sympathisieren.

Staatsanwaltschaft legt sich bisher nicht fest

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Gera sagte dem MDR, dass aus der Tat allein ein rechtes Tatmotiv nicht herzuleiten sei - ungeachtet dessen, ob einer oder beide Angeklagte mit rechtem Gedankengut sympathisieren. Keiner der Angeklagten habe die Tat bisher eingeräumt. "Momentan kann das Tatmotiv allenfalls darin gesehen werden, dass sich die Angeklagten entweder darüber empörten, dass der Geschädigte sie gegen Geld zu sexuellen Handlungen gewinnen wollte oder darin, dass sie vermuteten, der Geschädigte sei pädophil." Letztendlich werde die Feststellung des Tatmotivs dem Ergebnis der Hauptverhandlung vorbehalten bleiben.

Statistiken um Todesopfer seit Jahren unterschiedlich

Seit Jahren zählen die Behörden in Deutschland weniger Todesopfer rechter Gewalt als Nichtregierungsorganisationen. In Thüringen hat die Opferberatung Ezra seit 1990 neun rechtsmotivierte Tötungsdelikte erfasst - der mutmaßliche Altenburger Mord ist darin noch nicht enthalten. Die Polizeistatistik zählt für Thüringen einen Fall. Die Landesregierung hatte 2018 eine wissenschaftliche Überprüfung weiterer Fälle beschlossen. Ergebnisse stehen bisher aus. Wird ein rechtes Tatmotiv im Prozess anerkannt, kann sich das strafverschärfend auswirken.

Ezra: Was sind eigentlich rechte Narrative?

Eigentlich hätten Behörden, Opferverbände und andere Nichtregierungsorganisationen mittlerweile gleiche Grundlagen, nach denen entschieden werde, ob ein rechtes Tatmotiv vorliege, sagte Franz Zobel von der Opferberatung Ezra. In den Behörden gebe es darüber noch viel Unwissenheit, was rassistisch, rechts oder zum Beispiel LGBTIQ-feindlich sei, so Zobel. "Dazu muss man verstehen: Was sind eigentlich rechte Narrative? Also die Zuschreibung von Prostitution oder Pädophilie gegenüber homosexuellen Menschen, dass das da im Hintergrund steht."

Franz Zobel, Projektkoordinator ezra
Frank Zobel kritisiert, dass in den Behörden noch viel Unwissenheit darüber herrsche, was rassistisch, rechts oder zum Beispiel LGBTIQ-feindlich sei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den mutmaßlichen Mord im Frühjahr 2020 an einem 52-Jährigen in Altenburg müssen sich derzeit zwei Männer vor dem Landgericht Gera verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Angeklagten im Alter von 19 und 23 Jahren vor, "gemeinsam einen Menschen heimtückisch ermordet zu haben". Laut Anklage waren die Beschuldigten in die Wohnung des Mannes eingedrungen, um ihm einen "Denkzettel" zu verpassen. Ihrer Aussage zufolge soll das Opfer ihnen Geld für Sex geboten haben.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 01. April 2021 | 18:20 Uhr

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