Dialog in Nöbdenitz Nachwuchssorgen beschäftigen Evangelische Kirche Mitteldeutschland

In Nöbdenitz im Altenburger Land ist die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) zusammengekommen, um ihre Zukunft zu diskutieren. Landesbischof Friedrich Kramer beantwortete dabei Fragen auf dem "heißen Stuhl".

"Ich glaube, wir sind noch immer mit Kurs auf den Eisberg". Mit dem Satz begründet Harald Schilbock, warum er nicht ganz zufrieden ist. Er gehört zu rund 100 engagierten Christen, die aus verschiedenen Teilen Deutschlands extra nach Nöbdenitz gekommen sind. Denn hier im Altenburger Land wird sie geführt: Die Diskussion, ob die evangelische Kirche, wie einst die berühmte Titanic, auf den Untergang zuschippert …

Bischof Kramer auf dem "heißen Stuhl"

Die Idee für diesen Workshop hatte die Altenburger Superintendentin Kristin Jahn, die mittlerweile Generalsekretärin des evangelischen Deutschen Kirchentags ist. Sie holte sich eine Pfarrerin von der Nordkirche ins Boot, Emilia Handke. Die beiden waren sich sicher: Es ist an der Zeit, etwas neu zu machen. Denn Kirche funktioniert heute nicht mehr so wie vor ein-, zweihundert Jahren.

"Damals war klar: Du wirst geboren, getauft und bist einfach Kirchennachwuchs. Aber so läuft das heute ja nicht mehr", sagt Kristin Jahn. Deshalb seien Leute mit Visionen so wichtig, brauche es Gedankenspiele, was anders laufen könnte. Aber was wird der Landesbischof Friedrich Kramer von solchen Anstößen halten? Er sagte zu, sich zu äußern - bei einer Fragerunde auf dem "heißen Stuhl".

Landesbischof Friedrich Kramer auf dem "heißen Stuhl" in Nöbdenitz - rechts neben ihm Kristin Jahn
Landesbischof Friedrich Kramer auf dem "heißen Stuhl" in Nöbdenitz – rechts neben ihm Kristin Jahn, die Ideengeberin des Treffens. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Kirche hat Nachwuchssorgen

In Nöbdenitz kommt zur Sprache, was wohl überall ein bisschen stimmt: Die Kirche hat Nachwuchssorgen. Eine Statistik der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM) belegt es: In den vergangenen 20 Jahren ist die Zahl der Gemeindemitglieder von über einer Million auf weniger als 700.000 gesunken. Angestiegen sind seit zehn Jahren dagegen die Kirchenaustritte.

Und in ihrer bisherigen Struktur konnte die Kirche das nicht bremsen. Woran es liegt? Pfarrer Christoph Herbst aus dem Kirchenbezirk Chemnitz stellt fest, auch heute noch "ist die Kirche um das Hauptamt gebaut". Den Gedanken spitzt Christoph Backhaus aus Schleiz noch zu: "Wir sind in der EKM an einem Punkt angelangt, wo wir mehr an Ruhestandsgehältern bezahlen, als für den Aktiven. Und ich möchte als junger Pfarrer nicht in einer Kirche arbeiten, die eigentlich eine Pensionskasse mit angeschlossener Kirche ist."

Damals war klar: Du wirst geboren, getauft und bist einfach Kirchennachwuchs. Aber so läuft das heute ja nicht mehr.

Kristin Jahn Altenburger Superintendentin

Die Frage, ob es heute noch zeitgemäß ist, dass Pfarrer als Beamte der Kirche beschäftigt werden - sie wird in Nöbdenitz mit Leidenschaft diskutiert. Der junge Landpfarrer Backhaus will nach seiner Zeit als Beamter auf Widerruf seine Arbeit fortsetzen - aber als Angestellter.

"Das ist mutig", sagt Kirchentags-Generalsekretärin Kristin Jahn. Und das gehe nur, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrer Ausbildung auch noch zusätzliche Kompetenzen erlernen können. Damit sie nicht wegen Einkommen und Altersversorgung im Amt bleiben müssen, selbst wenn sie von ihrem Dienst im Laufe der Jahre ausgebrannt sein sollten. Also - auch über die Ausbildung müsse gesprochen werden.

Ein Mann spielt Akkordeon vor Publikum
Zu den Teilnehmern des Workshops gehörten auch Musiker, die neue Angebote fürs Singen in der Kirchgemeinde mitbrachten. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Pro und contra rund um den "heißen Stuhl"

Landesbischof Kramer auf dem "heißen Stuhl" meldet Widerspruch an. Er verweist darauf, dass es in der EKM ja längst die Möglichkeit gebe, sich als Pfarrer anstellen zu lassen. Das Berufsbeamtentum abzuschaffen - das sehe er aber nicht als seine Priorität an. Er möchte allerdings die Arbeit der Ehrenamtlichen im Kirchenalltag würdigen.

Es sei einfach so, dass eine Pfarrstelle heute mehrere Gemeinden betreuen muss. Und dann passiere es eben: Zu Weihnachten, wenn die Kirchen voller sind, schafft es der Pfarrer nicht, persönlich in jeder seiner Kirchen da zu sein. Aber wo er nicht hinkomme, da solle doch ein Ehrenamtlicher zumindest die Grüße des Pfarrers übermitteln.

Was hier passiert, das ist Kirchentag im Kleinen.

Kristin Jahn Altenburger Superintendentin

An dieser Stelle regt sich Protest: Genau da zeige es sich wieder - alles werde um die Amtsperson organisiert. Das sei eben gerade nicht nah an den Menschen, für die die Kirche da sein will, wird in der Debatte angemerkt. Und der Bischof auf dem "heißen Stuhl" bemerkt, dass der Wunsch nach Veränderungen stark ist. "Wir haben den synodalen Weg. Da kann es ja beschlossen werden", merkt er im Disput gleich zweimal an.

Moderator Tobias Kirchhof, Pfarrerin Ulrike Schulter, Landesbischof Friedrich Kramer (v.l.n.r.)
Nicht jede Idee im Disput löste ungeteilt Begeisterung aus - Moderator Tobias Kirchhof, Pfarrerin Ulrike Schulter und Landesbischof Friedrich Kramer (v.l.n.r.) Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Jugend will mitgestalten

Die Mitorganisatorin des Treffens, Emilia Handke, stellt fest, eine Spur Aufmüpfigkeit brauche jede Generation, wenn sie Kirche gestalten will. "Viele von denen finden sich hier zusammen. Und das ist toll." Wie ernst es ihnen ist? Sie haben ihre Teilnahme an der Zukunftsdebatte der Kirche aus der eigenen Tasche bezahlt. Egal ob ehrenamtliches Mitglied in einem Kirchgemeinderat, ob Student, Gemeindepädagogin, Musiker, Kantorin, Diakon, Vikar, Sozialarbeiterin oder Pfarrer.

Am Ende des dreitägigen Workshops sagt Ideengeberin Kristin Jahn: "Was hier passiert, das ist Kirchentag im Kleinen. Weil es davon lebt, dass Menschen sagen: Ich will noch etwas!"

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Juni 2022 | 22:00 Uhr

15 Kommentare

Denkschnecke vor 3 Wochen

Mit dem Unsinn des Ehegattensplitting stimme ich Ihnen ja (obwohl dvon profitierend) uneingeschränkt zu. Aber wann haben sich im laufenden Jahrzehnt die Kirchen in irgendeiner Weise für dessen Erhalt eingesetzt? Ich finde da aber auch gar nichts. Prügeln Sie da eventuell die Falschen?
Im Übrigen bezweifle ich, dass die Mehrzahl der Abgeordneten von Bund-/Landtagen und Bürgerschaften kinderlos sind.

Erichs Rache vor 3 Wochen

@Der Beobachter

Nix "???". Isso!
Die Art und Weise der Besteuerung von Einkommen ist für die MEHRZAHL aller Ehen und eingetragenen Lebensparterschaften KEINE am Schutz- und Förderauftrag nach Art. 6 Abs. 1 GG orientierte Besteuerung. Damit haben sich vornehmlich nur KINDERLOSE angebliche Volksvertreter die Taschen voll gemacht.
Oder können Sie mir erklären, warum die kinderlose Ehe der Frau Bundeskanzlerin a. D. Merkel MEHR WERT ist als eine kinderreiche ostdeutsche Ehe, in der sich die Ehepartner die Sorgearbeit gleichberechtigt untereinander aufteilen??? (s. Prof. Dr. Wrase, "Ehegattensplitting auf dem verfassungsrechtlichen Prüfstand")

DER Beobachter vor 3 Wochen

Wie können Liedblätter durchgegendert werden? Mal abgesehen davon, dass ich auch kein Freund des beliebigen Genderns aus Prinzip bin, ist Ihr Kommentar gewohnt dümmlicher, boshafter Müll. Zunächst ist das Beschriebene nicht "die" Kirche, und der Glaube zwingt qua gebot nachgerade zum Einsatz für den Nächsten und die Schöpfung. Ich halts da übrigens mit dem noch kurz vor Kriegsende auf Hitlers persönlichen Befehl hingerichteten Dietrich Bonhoeffer: "Wenn die Kirche den Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausüben sieht, kommt sie in die Lage, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen..."

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