Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben

Vor 20 JahrenDie Jahrhundertflut im Altenburger Land: Das fast vergessene Hochwasser

von Andreas Kehrer, MDR THÜRINGEN

Stand: 12. August 2022, 05:00 Uhr

Im Altenburger Land fließt die Pleiße auf etwas mehr als 20 Kilometern von Süd nach Nord. Sie ist die Lebensader der Region und verbindet, genau wie die B93, unter anderem die Gemeinden Gößnitz und Treben miteinander. In den Jahren 2002 und 2013 wurde aus dieser Fluss- eine Schicksalsgemeinschaft, als das Wasser der Pleiße über die Ufer ging. Auch wenn viele Thüringer die Hochwasser längst wieder vergessen haben, beschäftigen sie die Region bis heute.

"Hochwasser hatte die Stadt Gößnitz schon immer: 1920, in den 30er- und in den 50er-Jahren", sagt Wolfgang Scholz (parteilos), der seit 2001 Bürgermeister der Kleinstadt im Altenburger Land ist. Anfang der 1960er-Jahre hatte man in Gößnitz ein Hochwasserschutzkonzept umgesetzt, dass der Pleiße Ausweichmöglichkeiten gab. "Das hatte eigentlich die ganzen Jahre immer funktioniert", erzählt Scholz heute, 20 Jahre nach der Katastrophe. Am 12. August 2002, als Tief "Ilse" in großen Teilen Ostdeutschlands und der Tschechischen Republik die "Jahrhundertflut" verursachte, funktionierte der jahrzehntealte Hochwasserschutz nicht mehr.

Millionenschaden durch Hochwasser innerhalb weniger Stunden

In den frühen Morgenstunden war die Pleiße, die sonst kaum mehr als einen halben Meter Wasser durch Gößnitz führt, über die Ufer getreten. Die Niederschläge, die "Ilse" rund um das Erzgebirge niederregnen ließ, hatten den Fluss auf 3,70 Meter ansteigen lassen. Spielend leicht hatte das Wasser die alten Dammanlagen genommen und sich Sportplätze, Gärten und Straßen einverleibt. Trotz aller Bemühungen von Feuerwehr und Bürgern, die Sandsäcke stapelten, lief die Innenstadt knöchelhoch mit Wasser voll. Etwas weiter nördlich des Stadtkerns überschwemmte die Pleiße die neu errichteten Sozialwohnungen am Flussufer und das Parkareal der Firma SAT. Das Logistik-Unternehmen hatte hier rund 2.500 Fahrzeuge geparkt, die dem Wasser zum Opfer fielen. Mehr als 50 Millionen Euro Schaden entstanden allein in Gößnitz.

Flussabwärts erreichte das Wasser wenige Stunden später Treben im Norden des Altenburger Landes. "Seit den 50er-Jahren ist ja hier nichts gewesen", erinnert sich heute Klaus Hermann (CDU), der seit 1994 Bürgermeister ist und von dem Ausmaß überrascht wurde. Laut Feuerwehr erreichte die Pleiße um 11:39 Uhr ihren Höchststand in Treben: 3,69 Meter. "Wir hatten zwar einen Anruf erhalten, aber was da genau auf uns zurollte, konnte niemand sagen. Das war eine völlige Überraschung", sagt Hermann. In Treben überspülte das Wasser Gärten, lief über Straßen und in Keller und zerstörte den Kindergarten völlig. "Da war alles weg", erinnert sich der heute 67-Jährige. Auch in Treben entstand ein Sachschaden in Millionenhöhe.

Einem Bürgermeister platzt der Kragen

Und dass, obwohl es "2002 ja gar kein Hochwasser in Thüringen gab", wie Klaus Hermann ironisch sagt. "2002 war es ja Sachsen." Tatsächlich spielte das Hochwasser in Thüringen in der öffentlichen Wahrnehmung damals fast keine Rolle. Regionale Medien berichteten zwar, aber davon abgesehen, schaute alles auf Sachsen und den Untergang Dresdens. Wenn mal nicht von der Elbe, sondern von der Pleiße die Rede war, dann war es "der Fluss in Sachsen", erinnert sich auch Scholz an diese Zeit zurück. Selbst Thüringer schienen damals zu vergessen, dass das Altenburger Land nicht zu Sachsen gehörte.

Klaus Hermann ist seit 1994 ehrenamtlicher Bürgermeister von Treben. Die Pleiße hat dem heute 67-Jährigen wohl so manches graue Haar beschert. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Exemplarisch dafür sei eine Hochwasserkonferenz im Landtag gewesen, meint Scholz. Der Landtagsabgeordnete Wolfgang Fiedler hatte im Dezember 2002 den damaligen Umweltminister Volker Sklenar (beide CDU) und amtierende Bürgermeister in den Plenarsaal eingeladen. Thema der Besprechung war der Hochwasserschutz im Freistaat. Mehr als eine Stunde lang sei darüber diskutiert worden, wie der Schutz im Weimarer Land verbessert werden könnte, wo im Oktober die Ilm über die Ufer gegangen war, erinnert sich Scholz. Erst in der abschließenden Fragerunde kam Scholz zu Wort und fragte, was mit dem Altenburger Land sei. Fiedler aber überging die Wortmeldung. Als er die Sitzung dann schließen wollte, sei Scholz der Kragen geplatzt. "DAS KANN JA WOHL NICHT WAHR SEIN!", rief Scholz in den Plenarsaal und verschaffte sich Gehör. Nochmal schilderte er, was das Hochwasser im August im Altenburger Land angerichtet hatte. Sklenar beschwichtige ihn und sagte Hilfen zu.

Einen 100-prozentigen Hochwasserschutz gibt es nicht.

Wolfgang Scholz | Gößnitz' Bürgermeister

Der Umweltminister hielt Wort und schon 2006 waren die meisten Hochwasserschutzmaßnahmen abgeschlossen. Sowohl in Gößnitz als auch in Treben wurden Brücken erneuert, Dämme erhöht und Spundmauern errichtet. In Treben baute man eine Ufermauer für ein "HQ100 mit einem 20 Zentimeter hohen Freibord", wie Klaus Hermann fachmännisch erklärt. Das heißt: Die Mauer hält laut hydraulischen Berechnungen einem 100-jährigen Hochwasser stand und hat noch 20 Zentimeter zusätzliche Sicherheitshöhe. Zugleich schaffte man Retentionsräume, um dem Wasser natürliche Räume zum Ausbreiten zu geben. In Treben wurden dafür Mulden geschaffen, die das Abfließen über Felder und Wiesen ermöglichen sollte.

Die "HQ100"-Schutzmauer an der Pleiße wurde nach dem Hochwasser 2002 errichtet. 2013 überspülte sie die Flut, weil die Brücke der B93 zu viel Wasser in die Stadt ließ. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

In Gößnitz wurde das Flussbett der Pleiße verbreitert und vertieft, damit der Fluss mehr Wasser führen könnte. Auch hier wurden Retentionsräume geschaffen, die dem Wasser Platz verschafften. Als Gößnitz 2009 eine Umgehungsstraße für die B93 bekam, baute man ein Rückhaltebecken, damit das von der Straße fließende Wasser gesammelt und über einen kleinen Kanal gelenkt werden konnte. Über den Bach "Meerchen" sollte das Wasser parallel zur Pleiße geleitet und später über ein Pumpenhaus in den Fluss gebracht werden. "Eigentlich waren das gute Maßnahmen. Aber einen 100-prozentigen Hochwasserschutz gibt es nicht", sagt Scholz heute - wohl wissend, dass das alles schon 2013 nicht mehr reichte.

Das Jahrtausendhochwasser 2013

Das Hochwasser von 2002 ist heute auch deshalb fast in Vergessenheit geraten, weil das sogenannte "Jahrtausendhochwasser" 2013 viele Erinnerungen überschrieb. Damals stieg der Pegel der Pleiße auf 5,70 Meter. Scholz erinnert sich noch gut, dass er am Vorabend um 23 Uhr den Pegel kontrolliert hatte, der bei nur 1,50 Meter stand. "Es wird eine ruhige Nacht", habe er gedacht und sei schlafen gegangen. Am Morgen des 2. Juni sei er dann schon halb vier wach geworden. Eine düstere Vorahnung habe ihn aus dem Bett getrieben, sagt er heute. Vor seinem Haus in der Südstraße von Gößnitz, wo er normalerweise auf eine weite Wiese und den kleinen Bach "Meerchen" blickt, habe plötzlich ein ausgewachsener See gestanden.

Das Pumpenhaus im Stadtkern von Gößnitz, das das Wasser vom Bach "Meerchen" in die Pleiße überführt. Als 2013 die Pumpen ausfielen, lief von hier das Wasser in die Innenstadt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Das Hochwasserschutzkonzept, das nach 2002 geplant worden war, ging nicht auf. Es scheiterte an zwei Stellen, die nicht bedacht worden waren: Zum einen rissen die Wassermassen am Eingang der Stadt die Lauben einer Schrebergartenkolonie mit sich. Die Trümmer blieben am Freiheitsplatz an einer Brücke hängen und türmten sich hier zu einem Damm auf. Das Wasser staute sich und lief über den Damm am Freiheitsplatz in die Innenstadt. Zugleich sollte das Wasser, das in Massen vom Rückhaltebecken der B93 durch die Stadt geleitet wurde, die zu tief gebaute Elektrik der Pumpenanlage lahmlegen. Als die Pumpen ausfielen, bahnte sich das Wasser über die Goethestraße einen Weg in die Stadt. "Wir liefen praktisch von hinten voll", sagt Scholz heute.

Auch in Treben waren alle Anstrengungen zum Hochwasserschutz umsonst gewesen. Die Pleiße überstieg die "HQ100"-Schutzwand, trotz ihrer zusätzlichen Höhe um gut 30 Zentimeter. "An einem Abschnitt ging das Wasser 2013 einfach über die Mauer hinweg", sagt Klaus Hermann. Das Problem war die Brücke der B93 über die Pleiße, die nach der Errichtung des ersten Mauerabschnittes erneuert wurde. Die neue Brücke ließ mehr Wasser in den Ort, als die Mauern halten konnte. Treben lief voll. An einer anderen Stelle brach ein alter Damm, der 2002 noch standgehalten hatte. Im Norden der Gemeinde mussten 250 Menschen im Ortsteil Serbitz notevakuiert worden.

2013 stand Wolfgang Scholz und den Gößnitzern das Wasser buchstäblich bis zum Hals. Der Putz an einer Hauswand im Stadtkern zeigt, wie hoch das Wasser stand. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Das Warten auf den Hochwasserschutz

Im Jahr 2022 erstrahlen Treben und Gößnitz im alten Glanz. Nur vereinzelt lassen sich die Spuren von 2013 noch ausmachen. Beide Gemeinden haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Hochwasserkonzepte realisiert. Das betrifft Dämme und Retentionsräume an den Gewässern zweiter Ordnung, für die die Kommunen zuständig sind. Doch beide Kommunen warten noch, dass der Freistaat all seine Zusagen erfüllt. Denn das Land ist für Gewässer erster Ordnung zuständig – sprich für die Pleiße.

In beiden Kommunen stehen noch mehrere Projekte aus. So soll in Gößnitz zum Beispiel der Freiheitsplatz umgebaut werden und dem Wasser im Notfall Retentionsfläche bieten. Doch dafür muss der Platz noch mit einer Spundmauer zur Innenstadt hin abgeriegelt werden. In Treben sollen beispielsweise Mulden die Pleiße künftig zwischen dem Ortskern und Serbitz hindurchführen. Hier liegen Felder und die Aue, die bei Hochwasser überflutet werden könnten. Damit das auch passiert, müsste dringend die B93 abgesenkt werden.

Eine Retentionsfläche bei Treben. In die tierfergelegene Wiese soll das Wasser des "Gerstensbachs" fließen, wenn der Bach über die Ufer tritt. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Doch die Projekte liegen derzeit auf Eis und sollen frühestens 2024 Gestalt annehmen. Realistischer ist aber wohl 2025 oder 2026, denn wie das Thüringer Umweltministerium den Kommunen mitteilte, habe der Weggang des Projektingenieurs die Bearbeitung "zunächst für ein Jahr unterbrochen". Weiter heißt es: "Um eine Fortführung des Projektes zu gewährleisten, wurde die offene Stelle ausgeschrieben."

Wann kommt die Flut?

Der Hochwasserschutz im Altenburger Land scheitert derzeit also an einer einzigen Personalie. Den Kommunen bleibt nur zu hoffen, dass das nächste extreme Hochwasser nicht so bald kommt. "2002 hieß es, es war ein Jahrhunderthochwasser, 2013 war es dann das Jahrtausendhochwasser. Beide kamen in knapp zehn Jahren. Noch ein Hochwasser muss ich nicht erleben", sagt Wolfgang Scholz, der sich genau wie Klaus Hermann gerade in seiner letzten Amtszeit befindet. "Das Fazit ist ganz nüchtern und ganz einfach: Es ist in den 20 Jahren viel passiert, aber wenn nicht alles komplett fertig ist, ist das Viele, was getan wurde, zu wenig", sagt Hermann. Denn wo eine Schwachstelle bleibt, so befürchtet er, da findet das Wasser einen Weg.

Mehr zum Hochwasser in Mitteldeutschland

MDR (ask)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 12. August 2022 | 19:00 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen