Schmalspur Kohlebahn Meuselwitz: Auf neuen Gleisen ins 25. Jubiläum

"Der Laie sieht die Kurve, wir sehen die Herausforderung.“ Karsten Waldenburger lächelt und erklärt: Ein Gleis in einer Kurve zu verlegen, noch dazu auf einem so kurzen Stück von nur 150 Metern, das sei nicht so einfach. Aber seine Leute können das, sagt Waldenburger, der Chef des Vereins Kohlebahnen e.V.

Karsten Waldenburger steht mit dem Gleisbautrupp des Vereins Kohlebahnen an einem Bahnübergang bei Wintersdorf. Hier beginnt die Kurve, die neu geschottert, mit Schwellen ausgelegt und mit Schienen befahrbar gemacht werden muss. Vor ein paar Monaten haben sie hier schon einmal zugepackt – und die 150 Meter Strecke zurückgebaut.

"Unser Verein hat hier Baufreiheit geschaffen“, sagt der Vereinschef. Das Straßenbauamt hatte um die Unterstützung gebeten. Denn Wintersdorf im Altenburger Land soll eine neue Straßenbrücke bekommen, die sich über das Gleis der Kohlebahn spannen wird.

Bauarbeiter auf Baustelle
Für den Brücken-Fundament-Bau mussten zeitweise 150 Meter Gleis ausgebaut werden Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Für die Brücke mussten Fundamente gebaut werden, direkt rechts und links des Gleises. Und da störten die Schienen beim Einsatz der Technik der Straßenbauer. Nun stehen die Brücken-Betonsockel – gerade rechtzeitig, um den normalen Saisonstart der Kohlebahn nicht zu gefährden.

Kein Saison-Start zu Ostern

Am 1. April muss die Strecke bei Wintersdorf wieder befahrbar sein. Das war allen von Anfang an klar. Denn zu Ostern hat die Kohlebahn ihren Saisonstart. Immer. Nur 2020 war das mal anders. Wegen Corona. Dachten sie.

Und nun? Nun passiert es 2021 wieder so.Ausgerechnet im 25. Vereinsjahr. Doch die pandemiebedingte Verzögerung der Jubiläumsaison bremst den Vereins-Gleisbautrupp nicht aus: Sie werden zum ursprünglichen Termin fertig! Und sind bereit, so schnell es geht wieder Fahrgäste auf der Strecke zu begrüßen.

Bauarbeiter entfernen alte Gleisschwellen
Mitglieder des Kohlebahnen e.V. beim Schwell-Auslegen bei Wintersdorf. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Die Kohlebahn ist längst kein Geheimtipp mehr. Eher ein Besuchermagnet in einem Landstrich, der jahrzehntelang umgebuddelt wurde. Zwischen Meuselwitz in Thüringen und Regis-Breitingen in Sachsen wurde Braunkohle aus Tagebauen gebaggert und in großen Fabriken zu Briketts gepresst. Zwischen den Abbaustellen und den Verarbeitungsbetrieben fuhren sie seit 1942 – die Kohlebahnen, Schmalspurbahnen mit Spurweite 900 mm. Zu DDR-Zeiten wurde der Zugbetrieb zwischen Meuselwitz und Regis-Breitingen sogar elektrifiziert und galt als eine der modernsten Grubenbahn-Strecken. Doch nach 1990 wurde alles anders. Die Zeit des "Schwarzen Goldes", der Kohle, war in dieser Region ganz schnell vorbei. Und die Kohlebahn mit all ihren Anlagen wurde nicht mehr gebraucht.

Ein Lokführer schaut aus einer alten Lokomotive heraus.
Die Kohlebahn zwischen Meuselwitz in Thüringen und Regis-Breitingen in Sachsen ist ein Publikumsmagnet. Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Der Traum vom Neuanfang – als Ausflugsziel

Was für Generationen von Einheimischen zum alltäglichen Leben gehörte wie Luft und Wasser, was irgendwie auch ein Stück Heimat war – das können wir doch nicht einfach verschrotten! Mit dieser Überlegung fanden sie sich zusammen, die Gründer des Vereins Kohlebahnen. 1996 übernahmen sie, was sie aus den ehemaligen DDR-Braunkohlen-Betrieben zwischen Meuselwitz und Regis-Breitingen bekommen konnten. Gerade jetzt zahlt sich das aus: Der Kohlebahnverein hat sogar eine eigene Maschine zum Gleise-Stopfen.

Baufahrzeuge auf Gleisen
Mit eigener Technik erneuert der Verein den Gleisabschnitt bei Wintersdorf. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Der fachlich einwandfreie Einbau von Schotter ins Gleisbett – er wäre jetzt bei Wintersdorf ziemlich teuer, müsste der Verein dafür ein Unternehmen mit Technik anheuern. "Na, da müssten wir tief in die Tasche greifen, so um die 50.000 Euro kostet das", sagt Vereinschef Waldenburger und schaut rüber zu den 150 Metern Kurvenbereich, in dem seine Männer gerade die letzten Schwellen verlegen.

Sparsamkeit war immer angesagt seit der Vereinsgründung. Waldenburger ist froh, dass im ersten Pandemiejahr 9000 Euro Coronahilfe flossen, dass eine Bank Kreditraten stundete. Und: Die zahlenden Gäste waren sofort wieder da, als es 2020 verspätet wieder losgehen konnte mit den Fahrten. "Wir haben noch zusätzliche Wagen angekoppelt", erzählen die Kohlebahner. So konnten Abstandregeln eingehalten werden.

20.000 Besucher pro Saison

Karsten Waldenburger erinnert sich an Zeiten, als nur ein, zwei Waggons unterwegs waren. „Mit 2000 Besuchern haben wir mal angefangen, jetzt haben wir zehnmal soviel in jeder Saison“, sagt er. Natürlich ist der Verein erfinderisch, um immer neue Gäste anzulocken. Ein Renner seit Jahren sind Westerntage. Einmal sorgte ein Weltrekordversuch mit drei Badenixen für Aufsehen. Der Verein hatte einen Kessel umgebaut und hoffte, damit die größte Badewanne der Welt zu kreieren. Der Versuch war es wert – die Gäste strömten in Scharen herbei. Und Hunderte Besucher kamen trotz miesen Wetters, als vor 20 Jahren MDR THÜRINGEN zum Osterspaziergang an die Strecke eingeladen hatte.

Inzwischen haben die rund 60 Vereinsmitglieder regelmäßig ein halbes Dutzend Höhepunkte in der Saison für ihre Besucher: Zu Männertag, Kindertag, am Tag der Industriekultur, bei den Westerntagen, mit Advents- und Weihnachtsfahrten. Die Fahrtstrecke zwischen Thüringen und Sachsen ist 15 Kilometer lang. Und nun schließen sie also die letzte zeitweilige Lücke wieder, die 150 Meter in der Kurve bei Wintersdorf. Damit es sofort rollen kann, wenn die Saison im Jubiläumsjahr starten darf.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. März 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

nl aus jena vor 6 Wochen

"Zu DDR-Zeiten wurde der Zugbetrieb zwischen Meuselwitz und Sachsen sogar elektrifiziert und galt als eine der modernsten Grubenbahn-Strecken."
Meuselwitz lag im Bezirk Leipzig, also in Sachsen.

MDR-Team vor 6 Wochen

Vielen Dank für Ihren Hinweis, wir haben den Abschnitt im Text präzisiert.

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