Schwul, lesbisch, trans LGBTQ: Queer in der Provinz

Die Queere Community kämpft mit Paraden zum Christopher Street Day (CSD) weltweit um Anerkennung. Während solche bunten Veranstaltungen in Berlin, Leipzig oder Köln meist ohne weitere Zwischenfälle stattfinden, ist das auf dem ostdeutschen Land anders. In Altenburg hat gerade der erste CSD stattgefunden. Initiert und mitorganisiert hat ihn Torge – über Monate und entgegen allen Hürden, Widerständen und bitteren Anfeindungen.

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"Wir haben heute Geschichte geschrieben", jubelt Torge unmittelbar nach dem ersten CSD in Altenburg. Doch zuvor hatte er mit vielen Problemen zu kämpfen. Bildrechte: MDR exactly

"Ein Schwuchtelfest in Altenburg. Das hätte es mit Hitler nicht gegeben. Dich hätte man damals vergast." Es ist eine der vielen schockierenden Nachrichten, die der 22-jährige Torge in den Sozialen Netzwerken lesen musste. Im Oktober vergangenen Jahres erschien ein Zeitungsartikel, in dem angekündigt worden war, dass in der Kleinstadt am Rande von Thüringen ein CSD stattfinden soll. "Mit einem Foto von mir", sagt Torge. Seitdem hatte die rechte Szene gegen die Demo mobilisiert – und Torge stand im Fokus.

Torge ist schwul und nichtbinär, das heißt, er kann und will sich nicht als Mann oder Frau einordnen. "Manchmal bin ich "the Queen" und manchmal bin ich auch "der Coole", So oder ich bin derjenige, der einen Purzelbaum macht", sagt er, der sich manchmal auch als sie bezeichnet. Für ihn ist es okay, mit männlichem Pronomen angesprochen zu werden. Vor anderthalb Jahren ist Torge wegen der Arbeit nach Altenburg gezogen und betätigt sich seitdem als Wahlkreis-Mitarbeiter bei einem Linken-Politiker. Das Organisieren des CSDs sei aber partei-unabhängig, sagt er. Und vom Zeitaufwand her, noch mal ein Job für sich.

Anfeindungen gegen Mann mit Nagellack

Altenburg – das ist eine Kleinstadt in Thüringen mit 36.000 Einwohnern. Sie liegt 40 Kilometer südlich von Leipzig. So etwas wie eine Queere Szene gibt es dort aber nicht. Keine Cafés, keine Bars, fast keine Orte, an denen es nicht auffällt, wenn man queer ist.

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"Manchmal trage ich gern Nagellack", sagt Torge. Doch manchmal fühle er sich damit unwohl - nach einigen Erlebnissen in Altenburg. Bildrechte: MDR exactly

Als queerer Mensch in Altenburg, dass ist "nicht ganz so geil", sagt Torge. Es habe von Anfang an Anfeindungen gegeben. Manchmal trage er gern Nagellack, doch aufgrund der Ereignisse fühlt er sich manchmal damit unwohl. "Wenn jemand kommt, der mich irgendwie angreift, beleidigt oder so…" Eines seiner Erlebnisse in einer Drogerie: Da habe ein junge Mutter mit ihrer Tochter hinter ihm gestanden. Das Mädchen habe gesagt: Guck mal, der Mann trägt Nagellack. "Dann hat die Mutter gesagt: Schau weg, der ist krank." Niemand im Laden habe reagiert, obwohl es viele Leute mitbekommen hätten.

Ziel des CSD: Queeren Menschen Mut machen

"Es ist noch mal ein Ticken schärfer", sagt Torge. Schärfer als er es zuvor erlebt habe. Etwa in Schleswig-Holstein, wo er ursprünglich herkommt. Dort habe niemand – ganz offen – laut "Schwuchtel" gerufen. Dennoch mag er die Stadt. "Ich liebe Altenburg. Ich mag die Stadt, ich mag irgendwie die Energy."

Mit dem CSD will Torge queeren Menschen Mut machen, zu sich selbst zu stehen. "Also wir müssen die Menschen quasi rauslocken", sagt er wenige Tage bevor die Veranstaltung starten soll. Die Community soll das Gefühl bekommen, dass sie einen Ort hat – wenigstens an diesem Tag. Vielleicht lernen sich so auch ein paar Menschen kennen. Die ganze große Hoffnung:

Das wir es irgendwie so hinkriegen, dass man hier einfach frei und angstfrei leben kann.

Torge CSD-Organisator in Altenburg

Hoffnung auf eine freiere Gesellschaft

Dabei ist Torge nicht allein. Er hat Verbündete gefunden. Elaine ist 16 Jahre alt und pansexuell. Das heißt, Geschlechterrollen spielen für sie überhaupt keine Rolle. Als sie mitbekommen hatte, dass ein CSD organisiert wird, wollte sie sofort mitmachen: "Ich kann einfach absolut nicht tolerieren, dass Menschen mit einer anderen sexuellen oder Geschlechtsidentität weniger Rechte haben sollten oder auf der Straße diskriminiert werden."

Auch Fabian ist dabei. Er ist hetero und überzeugt davon, dass in einer freieren Gesellschaft alle Menschen glücklicher wären. Er hofft, dass durch den CSD "schwules Leben normalisiert und akzeptiert wird. Was ein langer Prozess ist".

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