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Symmetrische, sich vielmals wiederholende Muster im Altenburger Land zeigen Bilder bei Google Maps. Bildrechte: Google Maps

Der Redakteur | 24.01.2022Mysteriöse Rechtecke auf Feldern im Altenburger Land

von Thomas Becker, MDR THÜRINGEN

Stand: 24. Januar 2022, 22:09 Uhr

Christian Ziegler aus Erfurt hat beim Surfen bei Google Maps ungewöhnliche Rechtecke auf Feldern im Altenburger Land entdeckt. Und zwar in der Nähe von Heukewalde. Aufgereiht am Feldrand, wie an einer Perlenschnur. Was steckt dahinter? Drogenanbau? Unterirdisches? Außerirdische? Redakteur Thomas Becker ermittelt.

Es ist wie so oft im Leben. Kaum fragt man jemanden, der sich auskennt, schon fügt sich alles zu einem logisch korrekten Bild. Dabei waren sich am Montag viele Beobachter sicher, etwas anderes gesehen zu haben als nichts. Denn letztlich war es genau das: fehlendes Getreide im Rechteck, ein lückenhaft bestelltes Feld quasi.

Die anderen "Sichtungen" des Tages waren Zuckerrübenberge oder Heuballen. Auch Insektenhotels wurden als des Rätsels Lösung vermutet oder Bienenstöcke und - da wurde es richtig interessant: Lerchenfenster. Diese gehören zur Kategorie der Natur-Oasen wie auch Hecken oder Blühstreifen. Die Lerchenfenster sind kleine "Landebahnen" im Ackerschlag, rund 20 Quadratmeter groß und rund drei Meter breit.

Sie sind Futterplatz und Ausgangspunkt für Bodenbrüter, ihre Nester zu bauen. Dafür muss der Landwirt beim Bestellen des Feldes, also hier bei der Aussaat, nur mal kurz die Drillmaschine pausieren lassen. Solche Projekte fördert und begleitet die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und hat wissenschaftliche Erkenntnisse, dass das auch wirklich etwas bringt. Die Idee stammt übrigens aus Großbritannien.  

Man kann nachweisen, dass sich die Bestände erholen und wenn die Rahmenbedingungen gut sind, auch ansteigen.

Dr. Volker Wachendörfer | Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Wenig Lebensraum für die Feldlerche

Und gerade die Feldlerche - einst ein häufiger Vogel - hat es schwer. Endlose Felder, die wenig Fressbares und Lebensraum bieten, sind ein Grund dafür, dass ihre Bestände in Deutschland zuletzt rapide gesunken sind. So brütet die Feldlerche gewöhnlich nicht in Maisfeldern, die aber zuletzt gerade als Energiepflanze häufig angebaut wurde.

Hinzu kamen der Ausbau von Verkehr, Siedlungen und Gewerbeflächen, während Raine und Brachen abnahmen. Nach einer Bestandsabnahme von 1980 bis 2005 verringerten sich die Bestände in diesem Zeitraum um etwa 30 Prozent. Plötzlich stand die Lerche sogar in Kategorie 3 auf der Roten Liste, bedeutet: gefährdet.

Hat hier also ein Vogelfreund richtig viel für Lerche & Co. tun wollen und einige Felder bei Heukewalde und Thonhausen mit Dutzenden Lerchenfenster versehen? Unwahrscheinlich, sagen die Naturschutzexperten, zumal die Platzierung der Fenster eher kontraproduktiv ist. Teilweise liegen sie direkt an der Straße, mindestens aber am Feldrand. Und auch an den Fahrspuren der Landwirtschaftsmaschinen haben die Lerchenfenster nichts zu suchen, das wäre wie eine Einladung zum Frühstück für Fressfeinde.

Wenn ein Fuchs an einer solchen Fahrspur entlangläuft, soll er nicht einfach sehen: 'Da ist ja eine offene Fläche, da gehe ich mal schauen.'

Dr. Jannik Beninde | Wirbeltiermonitoring im Projekt "Franz" des Nabu

Genaue Regeln für Lerchenfenster

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft empfiehlt Lerchenfenster ab einer Schlaggröße von fünf Hektar und zwar besonders dort, wo Getreide angebaut wird, ausgenommen Wintergerste, weil der Erntezeitpunkt zu früh ist. Bei der Aussaat entsteht das Fenster durch das kurze Ausheben der Sämaschine auf einer Fläche von etwa 20 Quadratmeter (mindestens drei Meter breit, maximal zwölf Meter lang); je höher die Kultur ist, desto größer sollte das Fenster sein.

Pro Hektar sollten mindestens zwei, aber maximal zehn Lerchenfenster angelegt und ein Mindestabstand von 50 Meter zu Ortschaften, Gehölzen und Straßen eingehalten werden. Zum Feldrand sollten es 25 Meter sein. Damit wäre auch wirklich kaum eine Bedingung erfüllt bei unseren wundersamen Flächen von der Größe zwischen Pkw und Lkw. Übrigens: Den Ernteverlust durch ein Lerchenfenster beziffert die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft mit  2,50 bis 4 Euro.

Wenn es nicht die Lerche war, was dann?

Waren es vielleicht außerirdische oder irdische Scherzbolde? Nein! Es war der Landwirt persönlich beziehungsweise derjenige, der mit der Drillmaschine unterwegs war. Einige Fachkollegen unter unseren Facebook-Usern haben das völlig richtig erkannt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die zu diesem Fehlerbild führen können.

Eine ist, dass der Landwirt beim Einsetzen und Ausheben der Maschine den richtigen Zeitpunkt verpasst hat. Das bedeutet: Vor dem Wenden am Feldrand hat er zu zeitig aufgehört beziehungsweise nach dem Wenden zu spät angefangen zu säen. Andere Variante: Das sogenannte Vorgewende war zu schmal geraten. Das ist der schmale Streifen, der parallel zum Feldrand und nicht im 90-Grad-Winkel bestellt wird. Vergleichbar ist er mit dem Ixel beim Wändestreichen, wo man ja auch einmal quer mit dem Pinsel vorlegt, damit es dann beim senkrechten Rollen keine ausgelassenen Stellen gibt.

Viele Maschinen werden per GPS gesteuert

Genau das ist hier aber passiert. Manchmal lässt auch die Drillmaschine das Saatgut zu spät raus. Und wo nichts gesät wird, kann auch nichts wachsen. Da viele Maschinen heute mit GPS gesteuert werden, kann auch zum Beispiel eine falsche Eingabe dazu geführt haben, dass der Landwirt nicht jede Stelle erwischt hat.

Da sich der Fehler über mehrere Felder mit fast schon beachtlicher Präzision wiederholt, scheint da tatsächlich ein grundsätzlicher Systemfehler vorgelegen zu haben, vermutet auch Michael König vom Thüringer Bauernverband. Das ist bei der Aussaat auf dem Boden kaum zu erkennen, wenn alles in voller Pracht steht, aber umso mehr - und das auch noch bis zur Ernte.

Gerade in der Draufsicht werden solche Missgeschicke zu schönen aber eben trotzdem ärgerlichen Mustern. Und wenn statt der Kästchen Streifen entstehen, sind vielleicht einzelne Auslässe verstopft, sagt Michael König, Stellvertretender Geschäftsführer vom Thüringer Bauernverband. Das ist ungefähr so, als würde beim Drucker der Druckkopf verschmutzt sein.

Mir ist das vor Jahren schon einmal passiert, da waren zwei oder drei der Drillschare verstopft. Da haben ich über das gesamte Feld Streifen verteilt. Und dann kamen auch die Leute und haben gefragt: Was hast du denn da gemacht? So etwas sieht man das ganze Jahr.

Michael König | Thüringer Bauernverband

Und Google sieht es auch und vergisst auch nicht, typisch Internet eben. Bis zum nächsten Überflug der Satelliten und der darauffolgenden Aktualisierung der Ansichten, wird also das wundersame Heukewalder Kunstprojekt noch für jedermann zu sehen sein.

Fragen und Antworten aus anderen Bereichen

Quelle: MDR (mm)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 24. Januar 2022 | 16:00 Uhr

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