Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Oberbürgermeister André Neumann hatte den Bundespräsidenten bei einer Berliner Gesprächsrunde kennengelernt und spontan nach Altenburg eingeladen. Bildrechte: dpa

Altenburger Bürgermeister zieht BilanzSteinmeiers erste Ortszeit war "kein Wohlfühl-Besuch"

von Andreas Franz und Elisabeth Winkler, MDR AKTUELL

Stand: 07. Dezember 2022, 10:29 Uhr

Oberbürgermeister André Neumann hat den Bundespräsidenten nach Altenburg geholt. Im März verlegte das Staatsoberhaupt seinen Amtssitz im Rahmen seiner ersten "Ortszeit" für drei Tage nach Altenburg. Während dieser Zeit wollte Steinmeier mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen und erfahren was sie "umtreibt". Ein dreiviertel Jahr und vier weitere Ortszeiten später, haben wir André Neumann gebeten, Bilanz zu ziehen. Was ist geblieben von dieser ersten Ortszeit?

Wenn Sie zurückblicken auf die Ortszeit des Bundespräsidenten: Wie war die Stimmung in Altenburg?

Neumann: Unser Fazit hat sich über die Zeit gar nicht geändert. Es war ein ganz tolles Wochenende. Vor allem geprägt von einer Atmosphäre des Willkommens – das war und ist ja in der aktuellen Zeit nicht ganz selbstverständlich, dass die Menschen die großen Politiker aus unserem Land wirklich herzlich willkommen heißen.

Der Besuch war wichtig – eben, weil sich der Bundespräsident die Zeit genommen hat, sich die Themen vor Ort anzuhören. Er hat sich mit den Spaziergängern getroffen, hat sich die Meinung von Gegnern der Corona-Maßnahmen angehört, hat sich generell mit all den Themen beschäftigt, die da gerade aktuell waren. Und auch während dieser Gespräche gab es eine sehr wertschätzende Atmosphäre.

Wir sind in das Jahr gestartet mit dem Gefühl 'Wir sind jemand'.

André Neumann | Oberbürgermeister Altenburg

Es ging also auch um die schwierigen Themen?

Genau. Das war kein geschützter "Wohlfühl-Besuch", der nur ein paar schöne Bilder erzeugen sollte. Der Bundespräsident ist in den Dialog gegangen. Und was gut war: Er hat sich angehört, was dort gesagt wurde, hat das aber auch nicht unwidersprochen so stehen lassen. Momentan gibt es den Trend Dialog zu führen und zu sagen: 'Ja, jeder hat ja das Recht auf seine Meinung und jeder hat auch ein Stück weit Recht.' Das ist aber nicht so! Und bei dem Format hat der Bundespräsident eben zugehört, aber auch klipp und klar gesagt, wenn er anderer Meinung war.

Hat der Besuch des Bundespräsidenten etwas daran geändert, wie die Menschen hier in Altenburg auf sie als Kommunalpolitiker zugehen?

Nein. Wir waren vorher schon sehr offen, wir haben eine sehr dialogbereite Kommunikation: Bürgersprechstunden, Bürgerversammlungen. Wir reden sehr viel mit den Bürgern. Und wir wurden sogar gelobt für unseren Umgang mit der Bürgerschaft, da hat sich nichts verändert. Unser Vorgehen hat sich da eher bestätigt.

Was war Ihr persönliches Highlight während des Besuchs?

Mein persönliches Highlight waren die Momente, wenn die Kameras aus waren. Ich konnte mit dem Bundespräsidenten abends im Hotel bei Pizza und Wein mal ganz andere Gespräche führen. Das war für mich besonders: Dass ich mit dem Bundespräsidenten dieses Landes offen über alles Mögliche reden konnte. In solchen Gesprächen versteht man dann auch die Hintergründe vieler Dinge viel besser.

André Neumann hat an Bundespräsident Steinmeier sein ruhige Art und sein umfassendes politisches Wissen zu schätzen gelernt. Bildrechte: dpa

Das heißt Herr Steinmeier hat Sie auch persönlich beeindruckt?

Seine Ruhe hat mich beeindruckt. Und natürlich hat er durch seine politischen Vorerfahrungen einen Rundum-Blick und ein ungeheures Wissen – auch zu Russland zum Beispiel. Und ja, die SPD hat damit ihr Thema, man hat auch bei ihm gespürt, dass er da im Unreinen mit sich ist, was Russland und den Krieg angeht. Aber wirklich, er hat ein so umfassendes politisches Wissen, das war hochinteressant für mich.

Ihr Fazit: Was hat der Besuch der Stadt gebracht?

Die Bürger hat es rausgeholt. Es war ja Frühling, wir sind also ins Jahr gestartet mit dem Gefühl 'Wir sind jemand', Altenburg findet Beachtung. Dass wir vom Bundespräsidenten als erste Stadt für seine Ortszeiten gewählt wurden, das hat Selbstbewusstsein gebracht. Und dann haben wir im Nachgang auch direkt noch die Landesgartenschau bekommen. Da war eben Schwung drin.

Der Besuch hatte für Altenburg tatsächlich auch einen handfesten Vorteil. Wir haben ein Barriere-Thema am Bahnhof. Der wird grad gebaut und da geht’s um einen Fahrstuhl, der den Bahnsteig erreichen soll. Das haben wir nicht richtig hinbekommen mit der Bahn. Als ich ihm das vor Ort erklärt habe, hat sich Herr Steinmeier eingeschalten und jetzt bewegt sich da tatsächlich was.

Das klingt ja rundum positiv. Keine Kritikpunkte?

Ich müsste jetzt echt überlegen. Es gibt natürlich Leute, die sagen: "Das war ein Schaulaufen von ihm". Aber so haben wir es nicht empfunden und deswegen kann ich jetzt eigentlich nichts Negatives sagen.

Wenn andere Politiker und Politikerinnen auch solche Ortszeiten machen würden, wen würden Sie sich als Gast wünschen?

Wenn ich mir jemanden wünschen dürfte, dann Angela Merkel – trotz a.d. Sie hat es in ihrer Amtszeit nicht geschafft – logisch, es kann nicht jede Stadt in Deutschland besucht werden – aber mit ihr würde ich gern über ihre 16 Jahre Politik sprechen.

Mehr zu den "Ortszeiten" des Bundespräsidenten

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR EXTRA | 07. Dezember 2022 | 19:50 Uhr