Tourismus Von schaurig bis überraschend: Tour "Friedhofs-Geflüster" in Altenburg gestartet

MDR THÜRINGEN-Reporter Marian Riedel
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Manchmal schaurig, mitunter abenteuerlich, immer informativ - so besonders ist das neue Angebot für Touristen in Ostthüringen. Die können dort einen der ältesten, noch heute genutzten Friedhöfe Deutschlands erkunden. Die Touristen-Information Altenburg hat dafür einen ungewöhnlichen Gästeführer - einen der auch da rein darf, wo Türen sonst verschlossen bleiben.

"Kommen Sie rein. Hier liegen keine Toten mehr!" ruft Andreas Stabrey den Gästen zu. Aber die zögern dennoch einen kleinen Augenblick: Da drinnen haben Leichenschauen stattgefunden. Da drinnen wurden Verstorbene noch einmal gewaschen. Und ja - auch ein letztes Mal schick gemacht. Für die Augenblicke, in denen die Hinterbliebenen Abschied nehmen wollten. Das alles zu Zeiten, in denen es für Tote noch keine Kühlkammern gab…

Durch ein großes buntes Fenster scheint Licht in einen kleinen Raum.
Auf diesem Platz wurden früher Leichen gebettet. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Das alles hat Andreas Stabrey hier erlebt. Als sein Großvater verstarb. Damals ahnte er nicht, dass er selbst an genau diesem Ort einmal Touristen führen und Filmcrews und Fotografen aus aller Welt zu Gast haben würde. Die alte Leichenhalle auf dem Friedhof in Altenburg ist heute zum Beispiel bei Location Scouts, also den Schauplatz-Suchern, der Mitteldeutschen Filmförderung gelistet.

Morbider Charme zieht Gäste an

Aber auch die Fans von "lost places", von sogenannten verlorenen Orten, wissen vom morbiden Charme, der gleich mehrere Orte auf dem Altenburger Friedhof reizvoll macht. Nicole Gies aus Dortmund ist extra deshalb angereist. Sie hat ihren Fotoapparat dabei, ist froh, dass sie hier Bilder machen kann. "Ich finde es toll, dass ich nicht heimlich einsteigen muss, um fotografieren zu können, was übriggeblieben ist", sagt sie. Sie meint damit die Art und Weise, wie in Altenburg über fünf Jahrhunderte hinweg mit dem Tod umgegangen wurde.

Ein Grabstein ist in einen Baumstamm eingewachsen.
Ein Hingucker für die Besucher: Ein im Baum eingewachsener Grabstein Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Andreas Stabrey führt seine Gäste gleich an mehrere Orte, die eigentlich für Fremde verschlossen sind. Gerade greift er zu einem alten Bartschlüssel. Der passt am großen Tor zur Gottesackerkirche. Die ist im 30-jährigen Krieg erbaut worden. Mit Geld, das ungehorsame Gläubige zahlen mussten. Als Strafe.

Kirch-Bau mit Strafgeldern

Weil sie in den damals sehr langen und manchmal offenbar langweiligen Gottesdiensten… Karten spielten! Ja, so war das in Altenburg, der Stadt, die für Kartenspiele weltberühmt ist. Auch der Erfinder des bis heute beliebten Spiels "Schwarzer Peter" fand seine letzte Ruhestätte auf diesem Friedhof.

Im Normalfall ist Andreas Stabrey mit seinen Gästen zwei Stunden unterwegs. Vier Euro kostet das. Und ohne Aufschlag wird die Tour manchmal auch etwas länger - wenn die Besucher noch etwas mehr erfahren möchten. Zum Beispiel über dubiose Geschehnisse zu DDR-Zeiten. "Friedhofs-Geflüster" nennen sich die Führungen. Und "geflüstert" wird da über aktenkundige Geschichte. Und über seit Generationen weitergegebene Geschichten.

Ein altes Gebäude mit großen Fenstern.
Seit 1964 ohne Dach – die Fürstengruft. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Ein Beispiel: 1964 stürzte auf dem Friedhof das Dach einer Fürstengruft ein. Irgendwann gab es sogar einen amtlichen Bescheid, dass das Gemäuer mit seinen Bleiglasfenstern abgerissen werden durfte.

Gruft ohne Dach und Gebeine

Soweit kam es aber nicht. Aber die Zinksärge in der Gruft - die soll ein Friedhofsverwalter damals einfach zu Geld gemacht haben. "Beim VEB Sero, also Sekundärrohstoffe". So sei es erzählt worden in der Stadt, sagt Andreas Stabrey. Und führt seine Gäste zu einem Familiengrab, in welches damals die Gebeine von 15 fürstlichen Damen und Herren aus der Gruft umgebettet sein sollen.

Spannendes erzählen. Verbürgtes an Jüngere vermitteln. Den Kulturort Friedhof bekannt machen. Andreas Stabrey findet das wichtig. Das hilft zum Beispiel dabei, Käufer für alte Wandgräber zu gewinnen. Die können dann solche Grabstätten irgendwann für ihre Familie nutzen - aber sie sorgen schon jetzt dafür, solche Ruhestätten zu erhalten und zu pflegen.

Grabsteine auf einem Friedhof
Historische Grabsteine gibt es auf dem Friedhof zahlreiche. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Überraschungen - auch als Anreize

So alt wie er ist - der historische Gottesacker ist bis heute für Überraschungen gut. "Gucken Sie sich mal den Baumstamm an! Da oben, die kleine Aushöhlung im Stamm! Das habe ich auch erst vor Kurzem entdeckt!" - Wie Stabrey das sagt, klingt es glaubhaft. Auch wenn es rätselhaft ist. Denn im Baum-Loch steht eine kleine Skulptur einer Madonna. Wie sie da hinkam? Noch so ein Geheimnis, dass durchaus wieder Neugierige anlocken dürfte.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/jni

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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