Trinkwasserversorgung Wasser aus der Tiefe: Noch 26 "Brunnendörfer" in Thüringen

Nach der Wende hatten in Thüringen 65.000 Menschen keinen Anschluss an eine zentrale Trinkwasser-Versorgung. Diese Lücke ist deutlich kleiner geworden. Doch noch immer müssen manche Menschen ihr Wasser über eigene Brunnen nach oben pumpen. Und können das längst nicht überall dann auch trinken. Die meisten "Brunnendörfer" gibt es im Altenburger Land.

Sven Sachsenröder am Tiefbrunnen vor seinem Haus
Wasserversorgung lange Zeit nur durch den eigenen Brunnen: Sven Sachsenröder in Hartha. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sven Sachsenröder braucht Kraft, um den Schachtdeckel aus Beton in der Öffnung so zu drehen und aufzuklappen, dass man in die Tiefe schauen kann. Fast neun Meter geht es nach unten, im Halbdunkel ist die Wasseroberfläche zu erkennen.

Als Trinkwasser nicht geeignet

Heute braucht er das Brunnenwasser nicht mehr, doch nach dem Umzug der Familie in den heutigen Schmöllner Ortsteil Hartha lief die Versorgung etwa 20 Jahre lang über den Brunnen, wenn auch mit Einschränkungen: "Durch den hohen Nitratwert haben wir das nie benutzen können - außer wirklich als Brauchwasser zum Abwaschen oder für den Garten." Das Gesundheitsamt habe regelmäßig gewarnt, das Wasser nicht zu trinken und Speisen damit zuzubereiten. "Dieser Zustand war lange ganz normal." Das sieht auch anderswo so aus, Schuld seien Rückstände aus der Landwirtschaft oder aus Sickergruben, sagt Verbandsgeschäftsführer Lars Merten.

Tiefbrunnen am Haus von Sven Sachsenröder
Etwa zehn Meter tief: der Brunnen von Sven Sachsenröder Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor allem den neu zugezogenen Einwohnern sei das sauer aufgestoßen. "Und dann kam die Eingemeindung durch Schmölln." Ein engagierter Bürger habe die Verantwortlichen aus dem Zweckverband und den Bürgermeister eingeladen. Die haben sich dann beim Umweltministerium um Fördermittel bemüht. Das Problem: Im ländlichen Raum kommt es oft vor, dass in einem Ortsteil nur wenige Menschen wohnen.

Wenn die erst noch an die Wasserversorgung angeschlossen werden müssen, sei das richtig teuer, erklärt Marcel Greunke, Vorsitzender des Zweckverbands Wasserversorgung und Abwasserentsorgung Altenburger Land (ZAL). "Und wenn zu wenig Wasser abgenommen wird, müssen regelmäßig die Leitungen gespült werden." Das macht den Unterhalt teuer - und manchmal auch unmöglich, wenn es in einer Siedlung nur noch zwei oder vier Abnehmer gibt. Dann ist ein eigener Brunnen mit Filteranlagen billiger als eine eigene Leitung.

Lange Leitungen, wenige Abnehmer

Das Land Thüringen hat für die nötigen Arbeiten zur Erschließung eine längst beendete Förderung wieder aufleben lassen, denn in den Dürre-Jahren 2018 bis 2020 versiegten etliche Hausbrunnen, auch der der Sachsenröders in Hartha. "Wir hatten dann fünf Monate kein Wasser. Es gab auch Leute, die hatten ein oder anderthalb Jahre kein Wasser. Ohne klare Aussicht, wie das in Zukunft wird."

Grundwasserbrunnen 3 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 28.10.2021 19:00Uhr 02:34 min

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Manche hätten sich dann Tiefbrunnen für viel Geld bohren lassen. Die Sachsenröders sind jetzt an die zentrale Wasserversorgung angeschlossen. In ganz Thüringen sind nach Angaben des Umweltministeriums noch 26 sogenannte Brunnendörfer übrig, 1.600 Menschen sind betroffen. Direkt nach der Wende waren es mehr als 65.000, der Anschlussgrad ist also deutlich verbessert worden.

Seit 2019 hat das Land an mehrere Zweckverbände etwa 1,9 Millionen Euro Fördermittel gezahlt, damit die sich die Erschließung verbliebener Ortsteile auch leisten können. Neun Orte oder Ortsteile sind so erschlossen worden.

Die Lücke sei teils auch historisch gewachsen, sagt Verbandsvorsitzender Greunke. "Oft haben die Leute relativ billig ihr Wasser gehabt, der Verband wollte ja auch Gebühren haben, um das Netz zu betreiben." Durch die Dürre habe es da ein Umdenken gegeben, als Brunnen versiegt seien und nichts mehr geliefert hätten. "Bei uns war zwar noch Wasser da, aber der Stand war so niedrig, dass man nichts mehr hochpumpen konnte", berichtet Sven Sachsenröder.

Mehr Sicherheit, bessere Qualität

Seine und andere Familien haben nun eine Sorge weniger - aber die Anschlüsse haben natürlich Gebühren gekostet. Weil das Haus der Sachsenröders recht weit abseits der Straße steht, war der Anschluss zur Leitung unter der Fahrbahn recht lang und entsprechend teuer. Dafür müssen sie jetzt kein Trinkwasser mehr bei Verwandten holen oder anderweitig kaufen.

Das Trinkwasser kommt im Verbandsgebiet nun entweder aus der Thüringer Fernwasserversorgung oder aus eigenen Wasserwerken, etwa in Merlach.

Im Wasserwerk Merlach
Das Wasserwerk Merlach versorgt das Verbandsgebiet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hier sprudelt die Quelle in 100 Metern Tiefe. "Da hatten wir auch in den Dürrejahren nie Probleme", sagt Wassermeister Rocco Burkhardt. Zudem würden Verunreinigungen herausgefiltert, die Qualität sei besser. Für Verbraucher gebe es mehr Sicherheit, heißt es auch vom Umweltministerium: "Problematisch erwiesen sich in den zurückliegenden Jahren insbesondere oberflächennahe Quellschüttungen, welche lokal zum Teil stark in ihrer Ergiebigkeit nachließen oder vereinzelt ganz trocken fielen."

Wassermeister Rocco Burghardt vom Wasserwerk Merlach
Wassermeister Rocco Burghardt vom Wasserwerk Merlach Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Förderprogramm soll deshalb mindestens bis 2022 fortgeführt werden. Damit mehr Menschen, so wie die Sachsenröders, ihren Brunnen außer Betrieb nehmen können.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 29. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Jedimeister Joda vor 5 Wochen

Grundsatz eins wo nix zu verdienen ist wird auch keine Leitung hingelegt. War bei Wasser so und heute bei Breitband Glasfaser oder egal wie ihrs nennen wollt. Ach ja bei Mobilfunk auch ich weiß es genau weil ich von Anfang an in einem 748 m tiefen Funkloch wohne. Eine Autoladesäule ist statistisch hier in etwa 23 Jahren zu erwarten. Da bin ich tot. Hurra alles für die Städter! Die eingeborenen Dorfis stehen zur Disposition. Nicht meine Worte. Das äußerte ein Bayerischer Landrat am Mittwoch im Fernsehen. Ich denk ihr habt noch scheißviel zu tun. Also auf und arbeiten. Recht viel Hoffnung hab ich nicht. Wenn es nicht mal mehr Handwerker gibt. Ärzte auch nicht. ÖPNV nicht. Beamte gibts-doch... Joda von ganz weit draußen

part vor 5 Wochen

Brunnenwasser war noch besonders schmackhaft, da in der Regel nur eine Tiefe von 10 Metern vorherrschte und der geologische Untergrund entscheidend war. Lehm- oder Schluffuntergrund war dabei verheerend. Wasser aus Talsperren oder Gebirgsgegenden dagegen etwas schmackhafter. Heutige Mineralbrunnen kommen zumeist aus Tiefengestein oder gesunder Umgebung. Der Kalkgehalt ist dabei mit entscheidend, ob ein Wasser schmeckt oder nicht. In Berlin oder Brandenburg schmeckt das Wasser dagegen sehr fade, in Fachingen besonders gut. Und wenn der Brunnen versiegt, dann hilft nur noch eine Zisterne.

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