Jena Corona-Rassismus: "Guck mal, da ist 'ne Asiatin"

Für Sinbi Lee aus Jena sind rassistische Beleidigungen eine traurige Normalität. Fast wöchentlich erlebt sie verbale Angriffe, mehrmals wurde sie sogar körperlich angegangen. Durch Corona ist es noch schlimmer geworden. Hautnah erlebt Sinbi, wie das Virus den Hass auf asiatisch aussehende Menschen verstärkt. Experten sprechen von Corona-Rassismus.

Eine junge Frau mit Regenschirm steht vor einem Gebäude.
Die Studentin Sinbi Lee wird immer wieder rassistisch angefeindet. Bildrechte: Sinbi Lee

"Guck mal, da ist 'ne Asiatin", "Reisfresser!", "Schlitzauge!", "Verpiss dich aus Deutschland!" - rassistische Beleidigungen wie diese hörte Sinbi Lee schon vor Corona nahezu wöchentlich. Die 22-Jährige, die vor 16 Jahren mit ihrer Familie aus Korea nach Deutschland kam, studiert in Jena Erziehungs- und Religionswissenschaften. Es sind wildfremde Menschen, die hinter Lees Rücken tuscheln, auf offener Straße mit dem Finger auf sie zeigen, ihr am helllichten Tag ins Gesicht schreien.

Asiaten als Sündenbocke für Corona

"Es verletzt mich", sagt Sinbi Lee, "es ist nicht schön, einfach so beleidigt zu werden. Und es hat mich sehr wütend gemacht." Mehrmals sei sie schon körperlich angegriffen worden. In der Zeit danach habe sie Angst gehabt, allein unterwegs zu sein. Sinbi Lee betreibt seit ihrer Kindheit Kampfsport und hat die Angriffe bis jetzt immer abwehren können. "Einmal ist es wirklich knapp gewesen", erzählt sie. "Da hat jemand nach der Fußballweltmeisterschaft 2018 eine Glasflasche nach mir geworfen."

Schon vor Beginn der Corona-Pandemie in Europa, als das Virus in China grassierte, habe sie gespürt, wie die Menschen begonnen hätten, sie zu meiden und sich ihr gegenüber aggressiver verhalten hätten, erzählt Lee. "Ich hab häufiger Dinge gehört wie "Corona", "Guck mal, da ist ne Asiatin", "Virenschleuder"." Manche Leute hätten sie direkt angesprochen, warum sie nicht in Quarantäne sei, wo sie doch Corona hätte. Alle paar Tage sei das zu Beginn der Pandemie passiert.

Rassistische Übergriffe mit Corona-Bezug

Einheimische ruhen sich auf den Stufen des Holzmarktes aus
Der Holzmarkt in Jena: Einer der Angriffe auf Sinbi Lee ereignete hier - mitten in der Innenstadt. Bildrechte: imago/F. Berger

Jena gilt als studentisch geprägt, weltoffen und multikulturell. Trotzdem gibt es auch hier immer wieder rassistische Übergriffe. Sinbi Lee berichtet von einem Angriff im März auf dem Holzmarkt mitten in der Innenstadt. Zuerst habe ihr der Mann gedroht und sie angebrüllt, sie solle mit ihren Viren aus dem Land verschwinden, dann packte er sie am Arm. Es gelang ihr, den Angreifer abzuwehren. "Ich verstehe, dass Menschen Angst haben", sagt Sinbi Lee. Die Krankheit sei mit großer Unsicherheit verbunden. "Aber ich finde es nicht verständlich, dass man sich einen Sündenbock sucht."

Corona-Rassismus heißt das Phänomen, das in den vergangenen Monaten mit dem Virus in die Gesellschaft eingedrungen ist.

Corona-Rassismus Der Bundesverband der Opferberatungen hat von Februar bis April bundesweit über 100 rassistische Anfeindungen und Angriffe mit Corona-Bezug registriert. Sie richteten sich überwiegend gegen Menschen, die die Täter als „asiatisch“ definierten und seien mit der Dauer der Pandemie gewalttätiger geworden. Das Thüringer Landeskriminalamt sieht im ersten Quartal 2020 bisher keine Veränderung in der vorläufigen Statistik fremdenfeindlich motivierter Straftaten. Der Thüringer Opferberatung ezra sind während der Corona-Zeit einzelne Fälle von antiasiatischem Rassismus mit Corona-Bezug in Thüringen bekannt geworden. Die Dunkelziffer sei vermutlich hoch.

Opferberater: "Gerade in Krisen brauchen Menschen Schutz"

Franziska Schestak-Haase von der Thüringer Opferberatung Ezra betreut Sinbi Lee aus Jena. Antiasiatischer Rassismus habe eine lange Tradition in Deutschland, nicht erst seit den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen, erzählt die Opferberaterin. Ezra berät Betroffene von rechtsextrem motivierten und diskriminierenden Angriffen.

"Wir gehen davon aus, dass antiasiatischer Rassismus die betroffenen Menschen gezielt trifft. Dennoch kommen sie nicht auf uns zu und fragen Unterstützung an. Wir müssen uns mehr um Kontakte und Netzwerkarbeit mit den bestehenden Communitys bemühen." Auch brauche es in Thüringen wie in anderen Bundesländern endlich eine staatlich unabhängige Allgemeine Antidiskriminierungsberatung, sagt die Ezra-Mitarbeiterin. "Gerade in gesellschaftlichen Krisen brauchen Menschen Schutz vor Diskriminierung und Gewalt."

Ein brennender Wohnblock in Rostock-Lichtenhagen
Die Ausschreitungen in Rostock- Lichtenhagen 1992 ereigneten sich zwischen dem 22. bis 26. August. Mehrere hundert Rechtsextreme zündeten dabei ein Asylbewerberheim an. Rund 3000 Schaulustige applaudierten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Aufmerksamkeit für antiasiatischen Rassismus

Die Plattform ichbinkeinvirus.org sammelt im Netz Erfahrungsberichte von Corona-Rassismus-Betroffenen. Es sind vor allen Dingen junge Menschen in den sozialen Medien, die auf die antiasiatischen Anfeindungen aufmerksam machen, die seit Beginn der Pandemie eine neue Dynamik bekommen. Auch Sinbi Lee will Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Antiasiatischer Rassismus würde nicht ernst genommen. "Ich habe das Gefühl, das wird nur als halber Rassismus wahrgenommen", sagt sie.

Die junge Frau hat viele Freunde, ein Umfeld, das sie unterstützt, ihr die Erlebnisse glaubt und zuhört. Sie selbst will über das Erlebte nicht schweigen. Es brauche Aufklärungsarbeit für Betroffene, aber auch für die Menschen auf der Straße. "Man muss den Leuten, sagen: ob mit oder ohne Corona - das gibt es, ihr müsst es nicht zulassen."

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 14. Juni 2020 | 06:00 Uhr

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