Online-Shopping Erstes Thüringer Logistikzentrum in Betrieb: So läuft es bei Amazon in Gera

Punkt 4:45 Uhr rollte am Montagmorgen der erste Bus der Expresslinie 23 am neuen Amazon-Logistikzentrum in Gera-Cretzschwitz vor und brachte die ersten Mitarbeiter zur Schicht. Nach einem Jahr Bauzeit geht das erste Thüringer Logistikzentrum des Onlinehändlers in Betrieb - bisher war der Branchenriese nur in Erfurt mit einem kleineren Verteilzentrum präsent. Noch nicht einmal begonnen wurde in Gera allerdings mit dem Ausbau der neuen Zufahrt von der B2.

In Gera-Cretzschwitz hat Amazon etwa 130 Millionen Euro investiert, schon im ersten Jahr sollen hier etwa 1.000 Beschäftigte arbeiten. Und am liebsten mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Das Jobticket wird von Amazon bezuschusst. Für Pkw gibt es gleich neben der Bushaltestelle 700 Parkplätze. Ein kurzer Weg zum Eingang, schon stehen die Mitarbeiter in der 43.000 Quadratmeter großen Halle.

Die Baustelle des neuen Logistikzentrums. In Gera baut der Online-Versandhändler Amazon ein großes Logistikzentrum mit rund 1000 Arbeitsplätzen. (Luftaufnahme mit einer Drohne)
Drohnenaufnahme des Amazon-Logistikzentrums in Gera. Bildrechte: dpa

Wir fahren unseren Betrieb langsam hoch, wollen aber spätestens Anfang November die volle Auslastung erreichen. Zum Start haben wir erst einmal 400 Mitarbeiter im Einsatz.

Thorsten Schwindhammer, Pressesprecher Amazon

Roboter fahren Ware zu den Arbeitsplätzen

Hightech auf drei Etagen: Während im Erdgeschoss der neuen Halle die Lkw andocken, wird im Inneren die Ware verteilt. Bis zu 18 Millionen Artikel finden sich hier. Sie alle lagern in kleinen mobilen Regalen. Der Clou: die Mitarbeiter müssen sich die Ware nicht abholen. Diese Aufgabe übernehmen kleine blaue Flitzer - Roboter, die wie im Ballett über den Betonboden tanzen und die Regale zu den Arbeitsplätzen der Packer fahren. Die neue Technik ist schon in vier anderen Amazon-Lagern in Deutschland im Einsatz.

Die gelben Regale werden  im Amazon-Logistikzentrum Gera von Robotern zu den Arbeitsplätzen gefahren.
Die gelben Regale werden im Amazon-Logistikzentrum Gera von Robotern zu den Arbeitsplätzen gefahren. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Durch die Roboter reduzieren wir die Laufwege für die Mitarbeiter. Dadurch sind wir beim Packen wesentlich schneller. Wir haben 35.000 Regale hier im Lager. In jedem Regal liegen die unterschiedlichsten Artikel.

Thorsten Schwindhammer, Pressesprecher Amazon

Jobs auch für Ungelernte

Scanner erfassen die Ware automatisch, damit ist jederzeit klar, wo sich ein Artikel gerade befindet. Eingegangene Aufträge werden Stück für Stück zusammengeführt. Ein Job nicht nur für Spezialisten. Gerade auch für Ungelernte ergibt sich im neuen Logistikzentrum die Chance auf einen Arbeitsplatz. Beim Start sind schon einige hundert dabei. Seit Juli konnten sie sich in den Arkaden in der Innenstadt von Gera über die neuen Jobs bei Amazon informieren.

Auf einem Transportband werden die Amazon-Pakete im Logistikzentrum Gera gescannt.
Auf einem Transportband werden die Amazon-Pakete gescannt. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Etwa ein Drittel der neuen Mitarbeiter bei Amazon kommen direkt aus der Arbeitslosigkeit. Wir sind froh, dass Amazon hier positive Impulse gibt. Gerade auch für die einfacheren Tätigkeiten fehlte es bisher an genügend Angeboten.

Diane Wogara, Agentur für Arbeit

Kritik an den Amazon-Gehältern - die in Gera aber über dem Schnitt liegen

Immer wieder kommt Kritik von der Gewerkschaft Verdi zu den Arbeitsbedingungen beim Versandhändler. Verdi bemängelt vor allem, dass sich Amazon tariflichen Vereinbarungen verweigert. Für die neuen Mitarbeiter erhöht Amazon nach MDR-Informationen die Einstiegsgehälter auf 12,60 Euro pro Stunde. Spezialisten erhalten entsprechend mehr, die Zuschüsse zum Jobticket und zum Mittagessen in der hauseigenen Kantine kommen hin. Oberbürgermeister Julian Vonarb rechnet jedenfalls damit, dass sich durch Amazon der Geraer Arbeitsmarkt verändert - zugunsten der Beschäftigten und Arbeitssuchenden:

Wenn man sich die durchschnittlichen Löhne in unserer Stadt anschaut, da sind wir bei 2.000 bis 2.500 Euro brutto. Insofern zieht das den Markt bei uns schon mal nach oben.

Julian Vonarb, Oberbürgermeister Stadt Gera

Die Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum Gera nehmen die Ware aus kleinen gelben Regalen.
Die Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum Gera nehmen die Ware aus kleinen gelben Regalen. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Vor der Tür muss die Zufahrt ausgebaut werden

Die größte Herausforderung auf den Versandhändler wartet allerdings vor den Lagertoren. Dort sollte eigentlich die neu gebaute Ampelkreuzung für Entspannung auf der Bundesstraße 2 sorgen. Mit steigender Auslastung werden dort auch immer mehr Fahrzeuge zum Logistikzentrum abbiegen - und auch wieder zurück auf die B2 fahren. Ohne Ausbau sind Staus programmiert. Doch bis zum ersten Spatenstich wird es dauern. Noch läuft das Planfeststellungsverfahren. In ein paar Wochen soll nun erst einmal eine Baustellenampel das Problem in den Griff bekommen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 26. Januar 2021 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

emlo vor 7 Wochen

Auch wenn Sie Herrn Diener angesprochen haben, erlaube ich mir einmal zu antworten. Es gibt eben in und um Gera nicht so viele Flächen, die sich für so ein Lager eignen. Alles, was näher an oder gar in der Stadt liegt, würde zu einer ungleich höheren Verkehrsbelastung der betroffenen Anwohner führen. Die Anbindung an die Autobahn beträgt am gewählten Standort nur wenige Kilometer und führt durch weitgehend unbewohntes Gelände. Was die Anfahrtswege für das Personal betrifft: Mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt nicht das ganze Personal aus der Stadt Gera, sondern auch aus den umliegenden Landkreisen. Für diese Leute ist eine Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln ohnehin kaum möglich (auch nicht, wenn das Lager mitten in Gera wäre). Und daher ist die gute Erreichbarkeit über die A4 und B2 auch für das Personal von Vorteil.
Zur Bezahlung: Die ist sicher relativ niedrig, aber der geforderten Qualifikation durchaus nicht unangemessen.

Harka2 vor 7 Wochen

@Theodor Dienert
Warum wird das Zentrum so weit weg von Gera gebaut? Es gibt in und um Gera genug verfügbare Gewerbeflächen. Wie viele Busse bedarf es, um die Leute ranzukarren? Warum so lange Arbeitswege? Um schneller per Achse in Leipzig zu sein? Verdi ringt schon seit Jahren mit Amazon um faire Bezahlung und Amazon schaltet auf stur, nicht zuletzt auch deshalb, weil die zumeist ausländischen Arbeiter in diesen Verteilerzentren sich nicht organisieren können und bei deutschen Angestellten eine Gewerkschaftsmitgliedschaft praktisch ein Kündigungsgrund ist. Der Chef macht Kohle wie blöde, aber seine Angestellten bekommen bestenfalls den Mindestlohn und wissen nicht, ob sie in vier Wochen dort noch arbeiten.

emlo vor 7 Wochen

zu Punkt 2: befristete Arbeitsverhältnisse sind bei einem ausgeprägten Saisongeschäft zunächst nicht zu beanstanden. Kein Unternehmen kann es sich leisten, Leute ganzjährig anzustellen, wenn sie nur 2 oder 3 Monate wirklich benötigt werden. Anders sieht es mit den aneinander gereihten Befristungen aus. Das ist eigentlich arbeitsrechtlich unzulässig. Ich kenne die aktuelle Rechtslage nicht, aber ich meine nach spätestens 3 Befristungen müsste da ein unbefristetes Arbeitsverhältnis daraus werden. Leider tricksen die Arbeitgeber dann wahrscheinlich und schicken die Leute erst einmal für ein paar Wochen nach Hause, bevor sie sie wieder einstellen.

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