Corona-Pandemie Patienten mit Long-Covid: "Wir fühlen uns manchmal minderwertig"

In Gera ist nun die erste Selbsthilfegruppe für Long-Covid-Patienten gegründet worden - eine Gruppe für Personen, die an Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung leiden. Drei Betroffene erzählen, wie ihr Alltag so aussieht.

Ein junger Mann läuft auf einem Laufband, seine Hände umfassen eine Stange vor ihm. Neben ihm steht eine Frau mit Mundschutzmaske.
Viele Long-Covid-Patienten brauchen nach der Reha pflegerische Unterstützung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es tut ein bisschen gut. Ich habe jetzt das Gefühl, hier versteht mich jemand." Der Satz sprudelt fast heraus. Stephan Oertel ist spürbar erleichtert. Eine Dreiviertelstunde zuvor war er sich noch unsicher: Würde das etwas bringen, sich hier zu treffen? Aber einen Versuch ist es wert, sagte er sich.

Neben Stephan Oertel haben sich noch fünf Frauen aufgerafft, an diesem Vormittag in die Ehrenamtszentrale in Gera zu kommen. Die Stadt hatte veröffentlicht, dass sie eine Selbsthilfegruppe unterstützen würde - für Menschen, die auch Monate nach einer Corona-Erkrankung noch immer nicht wieder fit sind. Und jetzt ist die Stunde, in der sich diese Selbsthilfegruppe gründet.

Reden über Unangenehmes

Long Covid oder Post Covid - so werden die Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen genannt. Aber beide Begriffe sagen eigentlich nichts über die Leiden der Betroffenen aus. Denen ist es oft unangenehm, darüber zu sprechen. Denn häufig haben sie erlebt, dass ihnen sogar Freunde und Kollegen zu verstehen gaben, es könne doch alles nicht so schlimm sein - sie hätten Corona schließlich hinter sich.

Stephan Oertel beim Gründungstreffen der Long Covid Selbsthilfegruppe in Gera
Stephan Oertel beim Gründungstreffen der Selbsthilfegruppe in Gera. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Stephan Oertel hat so etwas auch zu hören bekommen. Oertel ist selbständig tätig, mit einem Ingenieurbüro. Und natürlich sagte er sich "ja, ich drücke einfach die Pobacken zusammen, dann wird es schon gehen". Aber da hatte er sich zu viel vorgenommen. Auch neun Monate nach seiner akuten Corona-Erkrankung ist er nicht arbeitsfähig. Oertel erzählt, was ihn quält: Er habe Wortfindungsschwierigkeiten. Er könne sich nur schwer konzentrieren. Er sei froh, wenn er es schafft, mit dem Staubsauger einmal durch die Wohnung zu kommen - ehe er sich wieder hinlegen und ruhen muss.

Behandlungskonzepte noch am Anfang

Carolin Adler bringt es in der Gesprächsrunde auf den Punkt: "Wir fühlen uns selbst manchmal minderwertig." Sie versucht dagegen anzukämpfen. Gerade hat sie ihre zweite Reha hinter sich. Wieder war sie wochenlang in der Klinik am Rennsteig. Dort ist ein erstes Grundgerüst für eine gezielte Behandlung von Long-Covid-Patienten erarbeitet worden. Dr. Evgenya Balabanova, die Chefärztin der Reha-Klinik in Bad Tabarz meint allerdings, Ärzte und Therapeuten müssten dieses Krankheitsbild Long Covid mit den Patienten gemeinsam noch gründlicher erleben und erlernen.

Therapieleiterin Nancy Zaar trainiert Carolin Adlers Laufkondition bei der Reha in Bad Tabarz
Therapieleiterin Nancy Zaar trainiert Carolin Adlers Laufkondition bei der Reha in Bad Tabarz. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Schon jetzt sei aber klar, dass die Therapien wegen der Ermüdungsphasen viel mehr Zeit brauchen. Und, dass in den meisten Fällen eine Reha nicht ausreicht, um die Leistungsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern.

Schwierigkeiten, Hilfe zu bekommen

Evelyn Jaskosch hat in der deutschlandweit bekannten Reha-Klinik in Heiligendamm eine Reha gemacht. Sie spricht über 30 Symptome, die mit Long Covid in Verbindung stehen - die aber eigentlich mehr sind, als nur Symptome. "Das geht über Herzprobleme, Bauchspeicheldrüse. Was in deinem Körper schon angegriffen ist, wird dort weiter in Mitleidenschaft gezogen." Deshalb brauchen Patienten gute Facharztbetreuung, sagt Frau Jaskosch. Aber wie es um schnelle Terminchancen bei Kardiologen, Pneumologen oder anderen Experten aussehe, das wüssten ja wohl alle in der Runde.

Und noch eine bittere Erfahrung gibt es da, wo für solchen Patienten Behandlungsangebote gemacht werden: Viele Betroffene brauchen auch nach der Reha pflegerische Unterstützung, um ihren Alltag zu meistern. Manche werden sogar eine Rente beantragen müssen. "Wenn man das mit 38 machen soll - das tut weh", sagt Carolin Adler. Sie, die als Ergotherapeutin jahrelang selbst Patienten geholfen hat, kennt zumindest viele Fallstricke beim Umgang mit Krankenkassen und Ämtern. Trotzdem sagt auch sie, der Paragraphen-Dschungel und das Formular-Deutsch bei irgendwelchen Anträgen sei kaum zu ertragen, wenn man ohnehin Schwierigkeiten habe, sich zu konzentrieren.

Stadt bietet Unterstützung an

Was tun, in so einer Lage? "Fragen Sie bei uns an, wir versuchen zu helfen", sagt Rene Soboll. Zu seinem Verantwortungsbereich im Rathaus in Gera gehört auch die Ehrenamtszentrale. Sie ist regelmäßig ein kostenloser Treffpunkt und die Koordinierungsstelle für Selbsthilfegruppen.

Rene Soboll (3. v. r.) erläutert, wie Selbsthilfegruppen unterstützt werden
Rene Soboll (3. v. r.) erläutert, wie Selbsthilfegruppen unterstützt werden. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Eine SHG, eine Selbsthilfegruppe also, ist kein Verein. Es fällt kein Mitgliedsbeitrag an. Aber es gibt Unterstützung, sagt Rene Soboll. "Wenn wenigstens sechs Personen eine Selbsthilfegruppe gründen, dann ist Förderung möglich. Um vielleicht mal einen Fachberater einladen zu können. Oder einen Vortrag zu einem Thema organisieren zu können." Mehr als 70 Selbsthilfegruppen gibt es inzwischen von und für Menschen in Gera und aus dem städtischen Umland. Die Anregung, auch eine Gruppe für Long-Covid-Patienten zu gründen, kam übrigens aus dem SRH Waldklinikum.

Das Krankenhaus in Gera regte die Gründung einer Long-Covid-SHG an.
Das Krankenhaus in Gera regte die Gründung einer Long-Covid-SHG an. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Dort in der Notaufnahme landeten auch Stephan Oertel und Carolin Adler, nachdem sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Das war im Frühjahr 2021. Damals sei für sie noch nicht vorstellbar gewesen, dass sie ein Dreivierteljahr später eine Selbsthilfegruppe mitgründen würden. Eben weil sie noch immer an den Covid-19-Folgen leiden und komplette Heilung nicht absehbar ist.

Quelle: MDR(mw)

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 02. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Jedimeister Joda vor 6 Wochen

Ist euer Gesundheitssystem wirklich so weit fertig? Jetzt müssen sich die von Covid betroffenen in der Selbsthilfegruppe selbst helfen. Der Staat zieht sich zurück die Krankenkassen pokern um jede Rechnung. Was soll das? Ist die soziale Marktwirtschaft so kaputt? Sollte sie nicht besser Geldmachwirtschaft heißen? Geld machen ob privat oder staatlich ist kein Unterschied. Mit Not und Elend und Krankheit läßt sich trefflich Geld verdienen. Ihr dauert mich. Die Armen müssen zur Tafel gehen und der deutsche Staat will bestimmen wie das alles abläuft. Ne bei euch ist doch was kaputt. Bessert euch. Ich hab wenig Hoffnung. Joda Jedimeister aus dem Dagobasystem

knarf2 vor 6 Wochen

Ralf G: Übrigens kann ich es nicht so exakt wiedergeben wie die Wissenschaftler!Ich bin froh daß diese sich darum kümmern!Und ehe ich etwas falsches sage wo dann Leute wie Sie drauf reinhacken,überlasse ich es den Experten.Nun können Sie weiter Ihr arroganter Spiel weiter machen 🥴

Tpass vor 6 Wochen

Es ist ein teures Unterfangen für die Krankenkassen. Selbst Fachärzte sind Mangelware. Das Gesundheitssystem ist am wackeln..wenn man sich anschaut für was alles Gelder verschwendet werden, dann können wir auch nicht erwarten das das Personal vernünftig finanziell besser gestellt wird. Ich habe noch von keinen Arzt gehört der hungert..Sie machen einen tollen Job als Ärzte und trotzdem müßte das Personal besser ausgestattet und unterstützt werden..aber wenn es an allem fehlt und wir müssen uns zweimal am Tag testen weil der Arbeitgeber keine offizielle Bestätigung heraus gibt! Dann verstehe ich das einfach nicht.. Für den privaten Gebrauch nicht geeignet?? Wenn ich dann in der Stadt oder zum Sport möchte muss ich nochmals testen..Halejulia

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