Gemeinschaftsprojekt Elektro-Scooter: Wie in Gera Senioren mobiler werden

Bärbel Müller ist 74. Und war anfangs noch etwas ängstlich. Das gibt sie unumwunden zu. Nachdem sie den E-Scooter getestet hat, ist sie begeistert. Bärbel Müller war eine der ersten Neugierigen, die in Gera-Lusan das neue Mobilitätsangebot ausprobierten.

Zwischen den Häuserblocks liegt der Eichenhof. Hier sind sie an diesem Mittag verabredet: Mitarbeiter von Vermieter TAG Wohnen, von der Fahrschule Fischer Academy, vom Scooter-Anbieter ELMO und von der Caritas, die im Eichenhof eine Begegnungsstätte betreibt.

Gemeinsam haben sie die Einwohner rundum eingeladen zu einem Test: Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, der kann mal einen ELMO ausprobieren. Die Sitzroller mit vier Rädern sind nicht gerade zum Schnäppchenpreis auf dem Markt, sagt Claudius Oleszak vom Wohnungsunternehmen. Um die 6.000 Euro kostet so ein Roller - aber soviel muss man nicht ausgeben, weil man im Eichenhof ab sofort ELMOs ausleihen kann.

ELMO macht mobil

Einige Senioren sind dann auch pünktlich vor Ort - und lassen sich nicht lange bitten. Fahrlehrer Mike Fischer von der gleichnamigen Acadamy in Gera macht ihnen Mut: "Probieren Sie ruhig einmal schneller zu fahren." ELMOs schaffen eine Höchstgeschwindigkeit von sechs Stundenkilometern. Das Gefühl von Beschleunigen und Bremsen soll jeder beim Probefahren bekommen. Und Bärbel Müller, die 74-Jährige, ist überrascht. Angenehm überrascht, wie leicht das Gefährt zu steuern ist.

Mit ELMO darf man auf Wegen fahren und erreicht maximal sechs Stundenkilometer
Mit ELMO darf man auf Wegen fahren und erreicht maximal sechs Stundenkilometer. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Oleszak und Fischer waren schon Partner, als Gera im Dezember 2020 den kleinen, automatisiert fahrenden Bus EMMA nach Lusan holte. EMMA rollte durch Wohngebietsstraßen, in denen große Busse nicht fahren. Die Idee war, die Lücke zu schließen, die es zwischen Straßenbahnhaltestelle und Haustür gibt, also die sogenannte "letzte Meile" zu überbrücken.

Hunderte Lusaner nutzen EMMA, um zur Apotheke, zum Einkauf oder zum Arzt zu fahren - andere fuhren einfach zum Vergnügen mit. Und fast ausnahmslos fanden sie es gut, ein Stückchen mobiler zu werden - mit EMMA.

Leihen statt teuer kaufen

Claudius Oleszak sagt, in den Wohnungen seines Unternehmens im Stadtteil Lusan seien die Mieter im Durchschnitt 56 Jahre alt. Die meisten sind noch fit. Aber manchem fällt das Laufen trotzdem nicht mehr leicht. Viele hätten keine Chance, sich einen Elektroroller per Rezept über die Krankenkasse zu beschaffen.

Für sie ist das Angebot gedacht, das jetzt mit den ELMOs im Eichenhof getestet wird. Dort gibt es eine ELMO-Garage, in der die Fahrzeuge über Nacht mit Strom aufgetankt werden - die Kosten dafür trägt das Wohnungsunternehmen. Bärbel Müller findet das Spitze. Denn in den Hauseingängen gäbe es nicht so viel Platz, um eine wachsende Zahl privater Roller abzustellen. Außerdem reichte es für viele Interessenten, wenn sie den Roller nur bei Bedarf nutzen können, sagt sie.

Claudius Oleszak und Mike Fischer (1. und 2. von links) erklären des Testangebot mit den E-Scootern.
Claudius Oleszak und Mike Fischer (1. und 2. von links) erklären des Testangebot mit den E-Scootern. Aufmerksame Zuhörerin ist auch Bärbel Müller (2. v. rechts) Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Für eine halbe Fahrstunde müssen ELMO-Ausleiher 2,50 Euro bezahlen. "Ich finde das in Ordnung", sagt Bärbel Müller. Eine andere Frau wünscht sich, dass die ELMOS vielleicht noch nachgerüstet werden: "Vielleicht ein kleiner Safe unterm Sitz, damit man was verstauen kann." Die Anbieter des Fahrzeuges denken selbst darüber nach, ob es künftig ELMOS mit einer Art Faltdach geben könnte. Das würde Fahren an Niesel-Tagen wie diesem angenehmer machen.

Gera als Beispiel zur Nachahmung

"Wir haben 20.000 Wohnungen in Thüringen", sagt Claudius Oleszak. Er findet gut, wie die Stadt Gera Mobilitätsangebote unterstützt. Das ist für ihn ein Beispiel zur Nachahmung, sagt der Immobilien-Experte. Wenn der Versuch im Eichenhof in Gera Erfolg hat, dann würde TAG Wohnen auch an anderen Standorten so ein Angebot machen, heißt es an diesem Tag.

Indessen haben weitere Senioren sich auf eine kleine Runde gewagt. Mit dem ELMO darf man ohne Fahrerlaubnis fahren. Sogar auf dem Fußweg. Natürlich mit Rücksicht auf andere. Und sollte man einmal zu heftig einlenken oder eine sehr steile Strecke befahren, dann bremst der E-Scooter sogar selbst ab. "Ich bin froh, das mal ausprobiert zu haben", sagt Bärbel Müller. Es sei ein gutes Gefühl, auch später mobil bleiben zu können, wenn sie mal nicht mehr so fit sein sollte.

Quelle: MDR THÜRINGEN/gh

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

Deimos vor 1 Wochen

Die Idee klingt ja ganz gut. Aber wo endet die Nutzung des E-Scooters? Sie führt dazu, dass sich die Nutzer noch weniger bewegen, sie noch mehr "rosten" und sich noch schlechter fortbewegen können. Der Scooter verursacht zu Ende gedacht, dass die Menschen schneller bettlägrig werden. Bewegung ist das A und O. Auch eine beschwerliche Bewegung ist immer noch gesünder als nur zu rollen.

hansfriederleistner vor 1 Wochen

Eine prima Idee. Da werden die Bürgersteige für Kinder aber ganz sicher zur Gefahrenquelle.

Pattel vor 1 Wochen

Tolle Idee .

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