Kunst Private Kunstsammlung für zehn Jahre nach Gera geholt

"Nein, ganz alltäglich ist das nicht", sagt Guido Schiffer. Der Mann arbeitet seit zehn Jahren für eine führende Kunstgut-Spedition. Und meint, es sei schon bemerkenswert, wenn ein Museum auf einen Streich 515 Kunstwerke angeliefert bekommt. Und all diese Werke auch noch aus einer Sammlung kommen.

Neue Dauerleihgaben
Zu den Dauerleihgaben gehört auch dieses Dix-Gemälde Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist schon Jahrzehnte her, dass in Chemnitz der Margarine-Fabrikant Fritz Niescher beginnt, Kunst zu sammeln. 1932 erwirbt er eine erste Zeichnung von einem Künstler namens Otto Dix. Später beauftragt er diesen Dix auch mit Arbeiten - in einer Zeit, als die Nazis Dix als entarteten Künstler diffamieren und ihn als Kunst-Professor aus Dresden vertreiben.

Geras Kulturamtsleiterin Claudia Tittel steht vor Gemälden im Dix-Geburtshaus in Gera
Geras Kulturamtschefin vor dem Dix-Gemälde mit Sammlungsgründer Niescher Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Gleich nach dem Kriegsende ist es Kunstsammler Niescher, der sich vertrieben fühlt: Seine Familie wird enteignet. Dix stellt 1946 in einem Brief klar, dass Fritz Niescher ihm während der Nazizeit geholfen hat. Auch der Bruder Max Niescher sei kein "Naziaktivist" gewesen. Aber Fritz Niescher verlässt die DDR 1951 dennoch. Zwei Jahre später erwirkt Otto Dix beim DDR-Kunst-Staatsekretär Helmut Holtzhauer, dass er sechs Kisten mit Sammlungsbildern zu Niescher in den Westen überführen darf.

Geraer Umgang mit Dix-Erbe ermunterte Leihgeber

Fritz Niescher war ein stattlicher Mann. Man kann es sehen auf dem Familien-Bildnis, das Otto Dix 1936 gemalt hat. Auch dieses Bild ist nun im Dix-Geburtshaus in Gera angekommen.

Kunst-Transporteur Guido Schiffer und sein Kollege Werner Münzberger rollen die nächsten Container in den Hausflur: Weitere 186 Gemälde und Zeichnungen, Skizzen und Briefe von Dix können ausgepackt werden. Ein Teil davon soll noch in diesem Jahr als Sonderausstellung gezeigt werden. Anlässlich des 130. Dix-Geburtstages im Dezember. Das erzählt Kulturamts-Chefin Claudia Tittel - und passend dazu tragen die Männer vom Kunsttransport die sperrigste Leihgabe herein.

Eine Spedition liefert Kunstwerke im Dix-Geburtshaus in Gera an
Die sperrigste Leihgabe wird gebracht - im Hintergrund das Christopherus-Bild Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Sie bringen sie vorbei am großen Christopherus-Bild im Geraer Dix-Haus. Wenige Minuten später steht sie dann enthüllt auf dem Fußboden: Eine Version des Christopherus-Bildes aus dem Jahr 1938. Insgesamt sechs Mal hat Dix das Motiv großformatig auf Leinwände gebracht - eines der Gemälde schmückt heute sogar die Vatikanischen Museen.

Gera hat "who is who" der Klassischen Moderne

Die Erben des Sammlungsgründers Niescher hatten in den zurückliegenden Jahren mehrfach einzelne Bilder für Dix-Ausstellungen in Gera ausgeliehen. Mit der Zeit wuchs ein Vertrauensverhältnis zum Team um Holger Peter Saupe, den Leiter der Geraer Kunstsammlungen. Das gab am Ende wohl den Ausschlag, jetzt nicht nur die Dix-Arbeiten als Dauerleihgaben nach Gera zu geben.

Eine Spedition liefert Kunstwerke im Dix-Geburtshaus in Gera an
Und wieder wird ein Container mit Leihgaben ins Dix-Haus gerollt. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Saupe und Kulturamtschefin Tittel sind sich einig: "Das 'who is who' der Klassischen Moderne ist jetzt bei uns." Arbeiten von Paul Gauguin, Auguste Rodin, Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Karl Schmidt-Rottluff, Paul Klee, Ernst Barlach - insgesamt sind mehr als ein Dutzend Künstler vertreten.

Diese Fülle des Kunstschatzes zwingt aber auch, ganz nüchtern über den Umgang damit nachzudenken.

Fünf Museen - aber noch zu wenig Platz für die Kunst

Noch sind auch in Gera Ausstellungen zugesperrt, um Besucher und Mitarbeiter vor Infektionen zu schützen. Doch wer zuvor irgendwann einmal Gast einer Vernissage war, erlebte es: Die Stadt zieht eine kleine, aber feine Szene von Kunstfreunden an. Und es gibt höchst engagierte Mitarbeiter im Kulturbereich. Fünf Museen hat Gera - und doch nicht genug Platz für Kunst: Nicht genügend Räume für die Restaurierung, nicht genügend hochwertige Depots, nicht genügend Schaufläche...

Barlach-Skulptur und Gemälde im Dix-Geburtshaus in Gera
Auch Ernst Barlachs "Stehende Bäuerin" ist gerade im Dix-Haus angekommen. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

"Es wird fleißig an einem Museumskonzept gearbeitet. Es wird an einem Kulturentwicklungsplan gearbeitet. Und ich hab' da eine Vision", verrät Claudia Tittel. Sie meint damit die Gedankenspiele, wie künftig alle Kultur-Gebäude der Stadt genutzt werden sollen. Auch, um Kunst mitten in der City ausstellen zu können. Solche Ideen müssen nun schnell auf den Punkt gebracht werden. Weil der neue Kunstschatz vorerst nur für zehn Jahre vertraglich für Gera gesichert ist. Wer die Dauerleihgaben darüber hinaus behalten will, der muss etwas tun - damit die 515 Werke und all die anderen Geraer Kunstbestände noch besser erhalten, erforscht und präsentiert werden können.

Der Leiter der Geraer Kunstsammlung Holger Peter Saupe begutachtet ein Dix-Bild aus der Niescher-Sammlung
Der Leiter der Geraer Kunstsammlung Holger Peter Saupe begutachtet ein Dix-Bild aus der Niescher-Sammlung. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. April 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Leander vor 27 Wochen

Zwar sollte man das Kunstgut schützen, aber Ihr Verweis auf den Staatsschatz klingt, als seien die Museen schuld. Man konnte aber sehr lange darauf vertrauen, dass sich die Bevölkerung nicht an einem solch überragenden Kulturgut, ihrem kulturellen Erbe, vergreifen würde. Da täten Sie es besser daran, die Verbrecher anzuklagen und die Behörden aus der Verlorenen Stadt, die sie so lange haben gewähren lassen. Und ja, die Bürokratie auch in Thüingen mag ihre Mängel haben, aber Corona ist eben auch eine neue Situation für alle. Hinterher ist man immer schlauer. PS: Gera kann das.

Elsburg vor 27 Wochen

Kunst zu sammeln kostet Geld; ebenso sie sorgfältig geschützt magazinieren oder zur Schau zu stellen +zwar nicht so diletantisch klauen lassen wie sächsischen royalen Staatsschatz nach 100'Depokratur völlig veraltet +ungenügend geschützt aus grünem Gewölbe klauen lassen, nachdem derselbe über mehrere Jh'te als Pfand +Sicherheit mit Pferdefuhrwerken nach Amsterdam, Paris, pp sicher verreiste +zurück kehrte!

Braucht nun Gera eine zusammenfassende Ausstellung aller Objekte der Moderne mit einer Museums-insel, Burg, Schloß oder Gewerbekomplex, die dafür hergerichtet wird +der 10.jährigen Leihgabe gerecht werdenden Präsentation [vgl.zB Meißner Porzellan-Slg.Schneider, Schloß Lustheim in Oberschleißheim/Obb vor München uam].

Was Kultusbürokratie bzgl (Aus~) Bildung an Schulen, Unis etc. in Planung +Vollzug bewies, nichts rechtzeitig zu starten +zu erbringen in den 15'Mo lang (Fehl~!) Leistungsfähigkeit bewies läßt kaum gutes, schon gar nicht erfolgreiches erwarten; kann's Gera allein?!

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