Nachgefragt Ein Jahr Kassenbonpflicht: Drucken für den Papierkorb

Die Kassenbonpflicht ärgert Händler, Gastronomen, Bäcker und Fleischer in der ganzen Republik. Zu Jahresbeginn 2020 ist das Gesetz in Kraft getreten. Seither wandern täglich Tausende Kassenzettel in ganz Thüringen ungenutzt in den Mülleimer. Kunden verzichten gerade bei Cent-Beträgen meist darauf, das Stück Papier mitzunehmen. Trotzdem wird weiter fleißig gedruckt, auch wenn das Gesetz das nicht unbedingt verlangt.

Michael Möbius fährt einen Gittercontainer um die Ecke vor seiner Verkaufsstätte im Geraer Ortsteil Rubitz. Der Container ist vollgeladen mit schwarzen Müllsäcken. Darin Kassenzettel über Kassenzettel. "Aus den letzten zwei Wochen von unseren sieben Filialen. Gesammelt, um zu zeigen, was für eine Menge da ankommt", sagt er. Er sieht die vielen Kassenzettel als Kostenfaktor und als Papierverschwendung. Doch das Kassengesetz will es so. Seit Anfang 2020 gilt die Kassenbonpflicht. Sprich: Zu jedem Waren- oder Dienstleistungsgeschäft gehört ein solcher Nachweis.

Mann schiebt mit Müllsäcken beladenen Wagen.
Michael Möbius präsentiert die Kassenbon-Müllsammlung von zwei Wochen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Das Bundesfinanzministerium hat insbesondere jene Kassen im Visier, auf denen Kunden beim Verkauf nur "Zwischensumme" angezeigt wurde - oder Gastronomen, die nach erfolgter Speisung nur ein Smartphone vorzeigen, auf dem im Anschluss an eine Kalkulation die zu zahlende Summe steht. Hier ist sich der Finanzminister mitunter nicht sicher, ob diese Einnahmen tatsächlich auch versteuert werden. Etliche Milliarden Euro, so die Vermutung, gehen durch nicht korrekte Meldungen am Fiskus vorbei. Für Bäckermeister Möbius ein Affront: "Damit stehen wir plötzlich alle unter Generalverdacht."

Kassensysteme sollen Manipulation verhindern

Schon vor Jahren hat er für zehntausende Euro in sieben Filialen neue Kassen angeschafft, die jeden Vorgang für das Finanzamt überprüfbar machten - und nun würden die Bons länger und länger, weil zu den Angaben über gekaufte Artikeln, Datum des Verkaufs und der Adresse des Verkäufers auch noch jede Menge Zahlen- und Buchstabenreihen hinzukommen, die das Finanzamt zwar auslesen könnte, für den Kunden aber keine Funktion haben. Es sind Angaben, die mit der technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) zusammenhängen, die Manipulationen verhindern soll und spätestens ab Ende März 2021 in allen Kassen Pflicht ist. "Für mich sind die Bons sinnlos, weil wir ja sowieso vor Jahren die neuen zertifizierten elektronischen Kassen, manipulationssicheren Kassen, anschaffen mussten. Und oben drauf soll nochmal dieser Bon."

Mann hält Kassenzettel
Michael Möbius. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Auch der Thüringer Einzelhandelsverband hält von der Bonpflicht nach einem Jahr nichts. Aufwand und Nutzen stünden in keinem Verhältnis. Schließlich könne das Finanzamt bei Bedarf Einblick in Warenwirtschaftssysteme nehmen - Manipulation über die Kassen bringe da nichts, sagt Verbandsgeschäftsführer Knut Bernsen.

Sonneberger Firma bietet Ausweg aus dem Papierkrieg

Männ halten Kassenzettel
Der kurze Kassenbon von PK Software Solutions im Größenvergleich. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Doch es gibt auch Unternehmen, die rund um die Bonpflicht an Lösungen tüfteln. Zu ihnen gehört das Sonneberger Unternehmen PK Software Solutions. Die Kassensysteme der Firma können auf Wunsch auf den gedruckten Bon verzichten. Auf Wunsch bekommt der Kunde nur einen QR-Code angezeigt, der auf den im Internet abgelegten Kassenbon verweist. Der lässt sich mit dem Smartphone abrufen und bei Bedarf auch abspeichern - persönliche Daten des Kunden finden sich in dem Dokument nicht. "Aus ökologischer Sicht ist es klar, dass man sich Gedanken machen muss. Die beste Variante ist, einen Bon auszudrucken, der wirklich ein Bruchteil von dem ist, was der normale Bon ist. Aber alles das bietet, was er gesetzlich haben muss", sagt Christian Pittroff, Geschäftsführer des Unternehmens.

Drucken lässt sich dieser Code auch - und ist dann anstatt 15 oder mehr Zentimeter höchstens zwei Zentimeter lang. Eco-Bon heißt das dann im Thüringer Süden und kann auf manchen Kassen auch nachgerüstet werden. Das Gesetz sieht nämlich vor, dass es einen Bon geben muss. Es sieht nicht vor, dass der gedruckt werden muss.

30 Kilometer täglich bei Thüringer Bäckern

Haken an der Sache: Es braucht einen Drucker, der solche Codes drucken kann - oder Bildschirme für Kunden, auf denen er ausgegeben werden kann. Die Sonneberger bieten entsprechende Miet-Pakete mit ihren Systemen an, doch ganz ohne Investitionen ist der Fortschritt nicht zu haben. Viele Händler oder Bäcker arbeiten vorerst weiter mit den Bons. Bäcker Möbius in Gera etwa hofft, dass es Ausnahmen für geringfügige Beträge unter 5 oder 10 Euro gibt - bisher allerdings vergeblich. So schätzt allein die Thüringer Bäckerinnung, dass täglich mehr als 30 Kilometer Kassenbons ungenutzt in die Papierkörbe wandern - die oft auch durch die enthaltenen Stoffe in der Papiertonne nichts verloren haben.

Möbius setzt inzwischen auf umweltverträglicheres Papier. "Das ist nochmal teurer geworden. Früher hat man die Kassenbons vernachlässigt. Jetzt ist es ein Kostenfaktor, der auch auf die Preise von unseren Produkten umgeschlagen werden muss."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 28. Dezember 2020 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

beyer vor 43 Wochen

Anstelle des rassitischen Mist den sie posten wäre es doch sicherlich besser wenn Sie sich belesen: Offene Ladenkassen sind bisher nicht von der Belegausgabepflicht betroffen. Da in Deutschland noch keine Registrierkassenpflicht besteht, können offene Ladenkassen weiterhin betrieben werden. Bei Kleinbetragsrechnungen können Entgelt und Steuerbetrag in einer Summe stehen. Allerdings muß der angewendete Steuersatz bzw. der Hinweis auf Steuerbefreiung vermerkt werden.

Lothar Thomas vor 43 Wochen

Die Hersteller von Thermopapier für die Kassenrollen freut es auf jeden Fall.

Der einzelne Kunde ist dabei nur genervt.

... und die wirklichen Täter machen trotzdem weiter.

Waren sie schon mal bei so einem vietnamesischen oder chinesischen Händler?

Kann ich nur empfehlen, denn dort schert sich niemand darum.

Garantie gibt es sowieso nicht (trotz EU-Regelung) und wenn man um einen Kassenbeleg bittet, dann wird man in deren jeweiligen Landessprache beschimpft und erhält nur sehr widerwillig einen handgeschriebenen Zettel.
Dort ist weder eine MwSt. noch eine genaue Artikelbeschreibung vorhanden.
Wenn man Glück hat wird man sogar mehr oder weniger freundlich aus dem Laden komplimentiert.
Aber dort schaut kein Finanzamt vorbei.

Ich wollte letztens ein paar Schuhe in solch einem Laden kaufen und habe dann jedoch sehr schnell davon Abstand genommen.

Genau so ähnlich läuft es doch bei den Pizzabäckereien und Dönerbuden.

Die Betreiber wissen längst, wie sie die Ämter austricksen.

G.K. vor 43 Wochen

Ich verstehe das Geschrei betreffs Kassenbon überhaupt nicht. Mir ist es schon öfters passiert das ausgewiesene Preise und Produkt nicht übereinstimmten oder ein anderer Preis auf dem Bon stand als zum Beispiel am Warenregal. Ich kontrolliere deshalb grundsätzlich jeden Kassenbon. Auch beim Bäcker möchte ich nur das bezahlen was ich in der Tüte habe. Ich möchte nicht unbedingt Vorsatz unterstellen, ABER IM EIFER DES GEFECHTS, bezahlt man schon mal ein Brötchen mehr. In jedem Einzelhandelsgeschäft und Lokal bekommt man seit ewigen Zeiten ganz selbstverständlich einen Kassenbon, da regt sich kein Mensch drüber auf. Warum gerade die Bäcker so ein Geschrei machen??? Einzig die für den Kunden unnötigen Angaben, sollten überdacht werden.

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