Seven Summits Auf Eis gelegte Pläne: Thüringer Extrembergsteiger bricht zu Antarktis-Expedition auf

Isabelle Fleck
Bildrechte: MDR/Flo Hossi

Eine Wüste aus Eis und ein knapp 5.000 Meter hoher Berg erwarten Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf bald. Am Donnerstag startet der Extrembergsteiger aus Ostthüringen zu seiner Tour in die Antarktis. Es ist sein zweiter Versuch, den letzten der "Seven Summits" zu besteigen.

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf vor dem Mount Vinson in der Antarktis 2018. 2 min
Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

An dem Morgen, an dem Jürgen Landmann und ich uns treffen, fahre ich Roller. Es ist etwa ein Grad Celsius kalt. Der eisige Fahrwind bläst mir ins Gesicht. Ich trage eine Winterjacke und bin nach einer Viertelstunde total durchgefroren. Es ist Zeit, die Roller-Saison zu beenden, denke ich - und ich denke an Jürgen Landmann. Da, wo der Extrem-Bergsteiger hinfliegt, sind es im Jahresdurchschnitt -55 Grad Celsius. Jetzt - im "Sommer" auf der Südhalbkugel - ist es in der Antarktis deutlich wärmer. Jürgen Landmann stellt sich auf Temperaturen zwischen -30 und -25 Grad ein. Während unseres gesamten Gesprächs friere ich.

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf beim Interview
Interview mit Gänsehaut: Jürgen Landmann erzählt von seinen eisigen Plänen. Bildrechte: MDR/Isabelle Fleck

Jürgen Landmann macht auf mich den Eindruck, dass er in sich ruht. Er erzählt bescheiden über das, was er schon erreicht hat. Ein angenehmer Mann. Den drahtigen Handwerker aus Langenwetzendorf zieht es seit Jahren ins Gebirge. Er war nach eigenen Angaben der erste Thüringer auf dem Mount Everest - das war 2016. Er hat sich die "Seven Summits" vorgenommen. Also die höchsten Berge der sieben Kontinente.

Seven Summits

Der Bezeichnung "Seven Summits" lag ursprünglich eine geographische Vorstellung zugrunde, nach der die Landmassen der Erde aus sieben Kontinenten bestehen: Afrika, die Antarktis, Asien, Australien, Europa, Nordamerika und Südamerika. Andere mögliche Einteilungen führen zu einer anderen Zahl. Wegen unterschiedlicher Interpretationen der Kontinentalgrenzen - unter geographischen und geopolitischen Gesichtspunkten - gibt es mehrere mögliche Definitionen der Seven Summits. Relevant sind dabei die Grenzen Europas und Australiens. (Quelle: Wikipedia)

6.962 m Aconcagua
6.193 m Denali (früher Mount McKinley)
5.895 m Kibo im Kilimanjaro-Massiv
4.897 m Mount Vinson
8.848 m Nord. Mount Everest
4.884 m Puncak Java
5.642 m Elbrus

Der "Mount Vinson" der Antarktis fehlt ihm noch. Dabei war er schon fast oben. "Beim letzten Mal, vor drei Jahren, als ich dort war, mussten wir weniger als 150 Meter unterm Gipfel umkehren, weil sich eine Kameradin die Nase und Teile vom Gesicht schwerst erfroren hat. Ja, und da überlegt man nicht lange - da bringt man sie zurück und die Gruppe kehrt um", erinnert sich Landmann.

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf Expedition in der Antarktis
Er weiß, was ihn erwartet: 2018 war Jürgen Landmann schon einmal in der Antarktis. Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

Damals war er mit einer Gruppe Freunden unterwegs. Diesmal wollte er alleine ins Eis, doch das wurde nicht genehmigt. Das Risiko ist zu groß. "Dieses Mal wollte ich gern alleine reisen. Das wird mir aber leider nicht gestattet, mich allein in der Antarktis zu bewegen. Zu groß ist die Gefahr, dass man in eine Spalte stürzt oder bei schlechtem Wetter einfach verloren geht. Ich reise von Langenwetzendorf aus allein über Frankfurt nach Paris, nach Santiago de Chile, weiter nach Punta Arenas gegenüber von Feuerland und muss mich dann einer Gruppe anschließen. Die Leute kenne ich nicht. Aber generell wird es so sein, dass wir eine Gruppe von acht bis zehn Leuten sein werden."

Eingeschworene Gemeinschaft der Extremsportler

Wer zu seiner Reisegruppe gehört, weiß Landmann nicht. Doch: "Alle ticken gleich. Alle haben dasselbe Ziel. Da ist es ganz selten, dass man auf Leute trifft, mit denen man nicht 'kann'. Es ist meist eine kleine Gruppe von Leuten, mit denen man öfter zu tun hat." Bei -30 Grad einen Berg zu besteigen und tagelang in einem handelsüblichen Zelt halb eingegraben im Schnee auf ein kleines Schönwetter-Fenster für einen Bergaufstieg zu warten - das wollen und können nicht viele. Für mich absolut undenkbar! Bewundernswert, was Landmann vorhat und auch schon geschafft hat.

Aufstieg Mount Everest über die Nordseite

Nach viel Felskletterei in Thüringen merkte er, dass er es "schneller, höher, weiter, anspruchsvoller" vertragen kann, und fängt an, "in die größeren Berge zu fahren". Sein Bruder bringt ihn auf die Idee, den Kilimandscharo zu besteigen. Rückblickend nennt er diese Tour eine "Initialzündung zum Höhenbergsteigen". Landmann steigt eine Zeit lang auf freistehende Vulkane, meist alleine. Er fängt an, auf 6.000er zu gehen, dann 7.000er, schließlich drei 8.000er - darunter der Mount Everest. Von dieser Tour berichtet er - wenn Corona es zulässt - auch bei Vorträgen. "Es ist der Vortrag, der am meisten gebucht wird. Alle kennen den Mount Everest. Und wenn ich die Bilder sehe, darüber erzähle, dann kriege ich Gänsehaut, dann bin ich wieder dort."

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf Expedition am Berg mit vereister Nase.
Erfrierungen kommen schleichend. Besser, man hat Bart und Nasenschutz. Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

2016 war der Everest im wahrsten Sinne ein "Höhepunkt", so Landmann. "Zu dem Zeitpunkt war es auch das Schwerste, was ich gemacht hatte - bis dahin. Aber es gibt immer wieder neue Erlebnisse, neue Herausforderungen. Ich kann nicht einen Berg hervorheben. Es ist immer wieder irgendwo anders auch anders schön."

Den Berg hochtragen lassen

Mir kommen Bilder von langen Schlangen am Berg in den Sinn. Menschen, die denken, sie müssten den Mount Everest besteigen, ohne je in Deutschland einen Hügel hochgegangen zu sein. Landmann lacht. "Ganz so easy ist es nicht. Aber die Bilder gibt es - das sind Menschen auf der Südseite, die sich 'hochziehen' lassen. Wir waren auf der Nordseite. Sie ist anspruchsvoller, kälter. Es gibt praktisch keine Möglichkeiten, gerettet zu werden - etwa mit einem Hubschrauber. Deshalb ist der Großteil von den Leuten, die ein wenig Plan von Bergsteigen haben, auf der Nordseite."

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf einem Gipfel.
Gipfelglück: Jürgen Landmann ist oben angekommen. Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

Von seiner Gruppe damals schaffte es fast jeder. Ein Gefährte hatte allerdings schon einen Muskelabriss im Tal. "Alle anderen haben es wirklich geschafft, einen Gipfel zu erreichen mit mehr oder weniger Eigenleistungen. Sechs Leute hatten einen 'Sherpa' - der natürlich den allergrößten Teil der Arbeit macht, die ganzen Lasten trägt. Aber nichtsdestotrotz muss man selber noch dort hochlaufen und auch wieder runter. Da führt kein Weg vorbei." Wenn Landmann allerdings irgendwo liest, dass er den Berg "bezwungen" habe, reagiert er allergisch. "Das kann man nicht", sagt er. Ich vermute, man bezwingt sich die meiste Zeit selbst. "Das stimmt wohl", sagt er.

Erfrorene Finger

Und er erzählt von eisigem Wetter, von dicken Daunenhandschuhen, darunter Fingerhandschuhe und - wie ihm am Mount Everest ein Ventil der Atemmaske rausbrach.

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf Expedition am Berg. 4 min
Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann
4 min

Jürgen Landmann erzählt von erfrorenen Fingern am Mount Everest.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 09.12.2021 15:20Uhr 04:03 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-bergsteiger-erfrorene-finger-mount-everest-100.html

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Audio

Zu diesem Zeitpunkt waren es etwa -28 Grad. Landmann musste die Fäustlinge ausziehen und versuchen, das Ventil zu reparieren. Acht Finger erfroren bei der Aktion. Die Alternative wäre gewesen: Umkehren. Das kam nicht infrage. Der Handwerker wollte das kaputte Ventil reparieren, kramte im Rucksack um irgendwas Passendes zu finden. "Wir haben dann gescherzt, weil ich ein Ossi bin, habe ich es hinbekommen".

Wie ist es, wenn die Finger erfrieren, frage ich ihn später. Er erklärt mir: "Die Finger werden kalt, später gefühllos, unspektakulär und leider schleichend. Sie sehen blass, dann gelb aus. Schmerzen kommen erst beim Auftauen - das kennt man ja auch von den Wintern unserer Kindheit". Landmann hat Glück im Unglück. Seine Finger füllen sich mit klarer Flüssigkeit. Alles heilt wieder ab. Das Gefühl kehrt zurück. Einem Kameraden müssen auch Finger und Zehen amputiert werden.

Kälte in der Antarktis entscheidend

Der Mount Vinson, auf den Landmann diesmal steigen möchte, ist fast 3.000 Meter niedriger als der Everest. Diesmal ist es weniger die Höhe, sondern eher die Kälte, die - so sagt er es - "kriegsentscheidend" wird. Beim letzten Versuch 2018 hatte die Gruppe wahnsinnig mit Stürmen zu kämpfen. "El Niño wütete. Sonst schneit es vielleicht einen Zentimeter im Jahr. Die Antarktis ist eigentlich eine Wüste. Als wir dort waren, hatten wir 60 Zentimeter Neuschnee. In einem winzigen Schönwetterfenster sind wir zum Gipfel aufgebrochen - und mussten dann umkehren, eine Dreiviertelstunde vor dem Ziel wegen Erfrierungen".

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf Expedition am Berg
Gut ausgerüstet geht es hinauf. Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

Anreise zur Antarktis

Landmann weiß also, was ihn diesmal erwartet. Nur Corona verändert vieles. Denn die Extrem-Reisenden müssen geimpft, geboostert und vielfach getestet sein. Vor Antritt des Fluges ein PCR-Test. In Santiago de Chile einen weiteren. Dort muss Landmann auf das Ergebnis warten. Dann geht es Richtung Feuerland. Dort werden drei weitere PCR-Tests und ein Antikörpertest verlangt. Erst wenn all diese Tests negativ sind, kann er mit einer Frachtmaschine in die Antarktis fliegen und auf einer natürlichen Blaueis-Piste landen. Wenn nicht, ist alles vorbei, bevor es begonnen hat. Wer reisen will, muss zu Corona-Zeiten flexibel sein. Pauschalreisen gibt es für solche Touren nicht. Alles wird individuell gebucht.

Extrembergsteiger Jürgen Landmann aus Langenwetzendorf auf einem Fahrrad in der Antarktis.
In Corona-Zeiten droht mit jedem Test ein Stopp - auch Ein- und Ausreise sind schwerer als sonst. Bildrechte: MDR/Jürgen Landmann

"Es kann bis zum letzten Tag noch passieren, dass etwas dazwischen kommt. Aber ich plane und buche meine Reisen im Vorfeld generell so, wie ich es immer gemacht habe. Wenn ich das nicht tue, dann fliege ich einfach nirgendwo hin. Es kann passieren, dass ich unterwegs immer wieder neu organisieren und umbuchen muss, dass ich vielleicht eine andere Route nehmen muss. 'Schema F' geht nicht mehr.

Aber wer bei -30 Grad tagelang in einem handelsüblichen Zelt halb eingegraben im Schnee auf ein kleines Schönwetter-Fenster für einen Bergaufstieg wartet, wer 150 Meter vorm Ziel umkehren muss, um einer Kameradin zu helfen, wer mit Kerosin kocht und bei einem Durchhänger eine Dattel isst - der "bezwingt" das alles schon. Auch sich selbst. Gute Reise, Jürgen Landmann!

Jürgen Landmann in der Kulturnacht bei MDR THÜRINGEN - Das Radio Am Sonntag, 30.01.2022, ist Extrembergsteiger Jürgen Landmann in der Kulturnacht bei MDR THÜRINGEN - Das Radio ab 22:10 Uhr zu Gast. Ulrich Braumann spricht mit dem Abenteurer über seine Antarktis-Expedition und sein ungewöhnliches Hobby. Auch Kollegen, Familie und Freunde sollen dabei zu Wort kommen.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. Dezember 2021 | 15:20 Uhr

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