Viele Tests - viele Funde? Thüringer Corona-Hotspot: Spurensuche im Landkreis Greiz

Der Landkreis Greiz ist Corona-Hotspot in Thüringen. Zuletzt lag die wöchentliche Inzidenz bei deutlich mehr als 500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Woher kommen diese hohen Werte? Ein Stimmungsbild aus der Region.

Mehrere Menschen stehen in einer Warteschlange vor einem Bus.
Mehrere Menschen stehen im Landkreis Greiz in einer Warteschlange vor einem Testbus. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

"Wer viel testet, findet auch viel!" Mit diesen Worten hat die Greizer Landrätin Martina Schweinsburg (CDU) begründet, warum die Inzidenzzahlen in ihrem Landkreis so immens hoch sind. Denn seit zwei Wochen heißt es im Landkreis Greiz auch für Kinder und Jugendliche beim Test: "Achtung, es kribbelt mal kurz in der Nase!"

Es war ein "Schnupfen Plus"

Für die Eltern war es "der übliche Schnupfen", den Kinder nun mal ständig haben. Doch der entpuppte sich oft als Corona-Infektion. Denn: Kinder zeigen meist keine typischen Corona-Symptome - und doch tragen sie das Virus in sich und geben es in der Familie weiter. Erst wenn das Virus bei den Eltern mit schwereren Geschützen zuschlägt, wird die Infektion erkannt - zu spät.

So war es wohl auch in der kleinen Stadt Berga. Die rund 3.200 Einwohner sind über 13 Ortsteile verteilt. Eigentlich kann man sich aus dem Weg gehen oder sich hinreichend schützen, meint Bürgermeister Heinz-Peter  Beyer. Viele ältere Leute tragen auch auf der Straße eine FFP2-Maske. Auch im Supermarkt. Die aber wird drei Schritte hinter der Ladentür vom Gesicht gerissen. Dann trifft man Bekannte, plaudert. Ohne Maske. So meine Beobachtung am Mittwochvormittag. Die könnte ich so wahrscheinlich aber überall in Deutschland machen. Das also kann kaum die einzige Ursache des hohen Inzidenzwertes im Landkreis Greiz sein. Stand Dienstagnachmittag liegt der - laut RKI - bei 548,3.

Das Rathaus in Berga.
Das Rathaus in Berga. Auch in der 3.200 Einwohner Stadt sind laut Landratsamt 106 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Bürgermeister: Hohe Zahlen durch Kinder

"Schon seit dem 2. Februar testen wir die zehn Mitarbeiter im Rathaus. Nach der Anordnung des Gesundheitsministeriums haben wir unbürokratisch unseren Arzt gebeten, die Kindergärtnerinnen der Bergaer Einrichtungen zu testen. Als eine Erzieherin positiv getestet wurde, waren auch die Kinder dran. Stand Mittwoch sind beide Kindergärten geschlossen; eine Notbetreuung kann vielleicht ab Donnerstag in Wolfersdorf wieder angeboten werden", hofft Heinz-Peter Beyer. "Die hohen Zahlen kommen definitiv durch die Kinder. Würde man den gleichen Testschlüssel in anderen Bundesländern machen, wären die Zahlen überall so hoch." Die Strategie des Landkreises findet der Bürgermeister gut: "So kann endlich die Infektionskette gebrochen werden." 106 Menschen sind - laut Landratsamt - in Berga aktiv an Corona erkrankt.

Der Bürgermeister der Stadt Berga, Heinz-Peter Beyer.
Der Bürgermeister der Stadt Berga, Heinz-Peter Beyer findet die Strategie des Landkreises gut. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

"Die Kinder müssen endlich wieder in die Schule!"

Rund 20 Kilometer weiter. Auf dem Marktplatz in Auma steht eine lange Schlange mit Leuten jeden Alters. Im Minutentakt rücken sie vor, in den Testbus des DRK. "Komm´se ran, hier auf unser gemütliches Testsofa!" Die ehemalige Krankenschwester Angelika Ortlepp zaubert jedem ein Lächeln auf die Lippen, bevor es zum Testen geht. Sie ist ehrenamtlich im Einsatz. "Ein großartiges Team hab ich hier", schwärmt Chefin Julia Winter. Knapp 50 Leute werden hier in einer Stunde durchgetestet. "Bislang alle negativ! Wir dämmen mit den Tests die Verbreitung des Virus weiter ein. Klar - wer viel testet, findet auch viel. Insofern finde ich die Strategie des Landkreises genau richtig", sagt Julia Winter.

Das sieht auch Sandra Freund so. Sie hat ihren Sohn testen lassen, damit er am nächsten Tag wieder in die Notbetreuung kann. Ihre elfjährige Tochter ist seit Mitte Dezember zu Hause. "Die Kinder müssen endlich wieder in die Schule! Nur wenn wir alle testen, kann die Ansteckungswelle unterbrochen werden. Anders geht's leider nicht."

Die Masken baumeln am Kinn

Es ist Markttag in Zeulenroda – mit vier Ständen. Eigentlich müssten hier laut Anordnung der Stadt alle Maske tragen. Das tun sie auch: am Hals. Im Drogeriemarkt nebenan ein ähnliches Bild. Bei fast jedem Kunden bleibt die Nase unbedeckt; auch bei jüngeren. Darauf angesprochen, sagt eine elegante junge Frau: "Ist doch alles albern." Und wendet sich mit ihrer kleinen Tochter wieder der Kosmetik zu.

Wenn jetzt das Grillwetter kommt, könnte es kritisch werden.

Heike Bergmann, erste Beigeordnete in Zeulenroda-Triebes

"Wer mit beiden Beinen im Leben steht, der weiß, dass ohne Großeltern nichts geht. Und wenn wir jetzt wissen, dass Kinder Überträger des Virus sind, können wir doch besser reagieren, die Menschen vor einer Ansteckung schützen", meint Heike Bergmann, erste Beigeordnete in Zeulenroda-Triebes. 298 Menschen sind dort laut Landratsamt Greiz - Stand Dienstagnachmittag - aktiv erkrankt. Auch hier kommen die Zahlen vor allem aus Kindereinrichtungen und Schulen. "Gerade kam ein Schreiben des Bildungsministeriums, dass wir in den nächsten Tagen neue Schnelltests für die Schüler bekommen; auch für jüngere. Die Zahlen werden also weiter ansteigen. Aber wir wissen nun besser, wie wir eine weitere Übertragung verhindern können", sagt Bergmann. Letztlich aber ist jeder selbst verantwortlich. "Wenn jetzt das Grillwetter kommt, könnte es kritisch werden mit dem Abstand."

Das Rathaus in Zeulenroda.
Das Rathaus in Zeulenroda. Aktuell sind in der Stadt 298 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Quelle: MDR THÜRINGEN, pow

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 24. März 2021 | 19:00 Uhr

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