Religion Aubachtaler Kirche in Greiz wird entwidmet

Fast jedes Dorf in Thüringen hat seine Kirche. Aber nur jeder fünfte Thüringer ist Mitglied der evangelischen Kirche. Heißt: viele Kirchen werden selten oder nie genutzt und verfallen. In Greiz hat sich die Evangelische Kirche nun schweren Herzens zu einem seltenen Schritt entschlossen: die Aubachtaler Kirche wird am Sonntag mit einem Gottesdienst entwidmet. Das bedeutet, dass die Kirche für den sakralen Gebrauch, für Gottesdienste oder geistliche Konzerte, außer Dienst gestellt wird.

Altar in einer Kirche.
Blick auf den Altar der Aubachtaler Kirche in Greiz. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

117 Jahre lang war die Aubachtaler Kirche in Greiz Heimat für evangelische Christen. Inzwischen aber ist sie ein leeres Gotteshaus - seit sieben Jahren. Der Gemeindekirchenrat plant für diesen Sonntag einen letzten Gottesdienst dort.

Christian Colditz ist seit zehn Jahren Pfarrer in Greiz. Er hat noch in der Aubachtaler Kirche gepredigt. "In den Kirchbänken saßen damals höchstens 50 Leute; fast alle Senioren. Da war schon klar, wohin die Reise geht." Nämlich in eine Zukunft ohne Nachwuchs, ohne Kirchgemeinde. Colditz betreut in Greiz rund 180 Gemeindemitglieder. Sie besuchen andere Kirchen der Stadt. Denn die Aubachtaler Kirche liegt weit entfernt vom Zentrum, fast schon in einem kleinen städtischen Industriegebiet mit wenigen Anwohnern.

Aubachtaler Kirche in Greiz 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 15.06.2021 19:00Uhr 02:14 min

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Fürstlich groß gedacht

1892 beschloss der letzte regierende Greizer Fürst Heinrich XXII, am Aubach eine Kirche zu errichten. Schon damals war sie mit ihren 800 Sitzplätzen überdimensioniert. Der Gemeindekirchenrat legte dem Fürsten sogar einen kleineren Gegenentwurf vor. Doch Fürst Heinrich bestand auf seiner großen, rot verklinkerten Kirche mit Orgel und wunderschönen Buntglas-Fenstern. Mitte der 1990er Jahre wurden die noch einmal saniert, ebenso das Kirchendach. Seitdem wird die Kirche nur noch not-repariert.

Eine Kirche aus roten Ziegeln.
Die rot verklinkerte Aubachtaler Kirche. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

"Es hängt nicht in erster Linie am Geld, sondern an der fehlenden Gemeinde!"

Kirchenältester Jörgen Larsen und Uta Fügmann gehören zum zwölfköpfigen Gemeindekirchenrat. Sie haben sich entschieden - schweren Herzens und nach langen Diskussionen: wir können die Kirche nicht halten. "Im Prinzip gibt es hier keine Gemeinde, die die Kirche gestalten und erhalten würde. Und dadurch ist diese Entscheidung gekommen. Also ich finde sie folgerichtig", sagt Jörgen Larsen. Gemeinsam werden sie am Sonntag den Entwidmungs-Gottesdienst feiern. Die Bibel vom Altar, das Taufbecken und ein Kreuz werden sie zum Abschluss aus der Kirche tragen. Sicher fließen Tränen.

Vier Menschen stehen vor einem Altar in einer Kirche.
Pfarrer Christian Colditz mit dem Gemeindemitglied Uta Fügmann, dem Kirchenältesten Jörgen Larsen und dem Hausmeister der Gemeinde vor dem Altar der Kirche, der nicht mit verkauft wird. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Wir haben in Mitteldeutschland 20 Prozent aller Kirchen Deutschlands, aber nur fünf Prozent der Mitglieder .

Pfarrer Christian Colditz

Nach der Entwidmung soll die Aubachtaler Kirche auf kirchengrundstuecke.de, dem Immobilienportal der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, zum Verkauf angeboten werden. Nur der Altar, den die Greizer Künstlerin Elly-Viola Nahmmacher in den 1950er Jahren der Kirche geschenkt hat, bleibt in Greiz. Er soll künftig neben den anderen Werken der Künstlerin im Oberen Schloss ausgestellt werden.

Vier Menschen stehen in einer Kirche zwischen den Kirchenbänken
Zwischen den Kirchenbänken unter der Jehmichen-Orgel: Die Kirche mit ihren 800 Plätzen war schon zur Eröffnung überdimensioniert. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Die Frage ist doch: Wie geht unsere Gesellschaft mit dem christlichen Glauben um?

Christian Colditz

Wer die Kirche kaufen will, muss finanzstark sein. Mehrere Millionen Euro wird die Sanierung kosten, sagt Uta Fügmann. Der potentielle Käufer muss ein Nutzungskonzept vorlegen. Und er muss die Bedingungen der Kirchgemeinde erfüllen, die sich in der Kirche ein Kulturzentrum wünscht.

Moschee-Gerücht geht in Greiz um

Doch in Greiz brodelt die Gerüchteküche, dass aus der Kirche eine Moschee werden soll. Pfarrer Christian Colditz winkt ab: "Wir kennen die Gerüchte und wir wissen auch, aus welcher Richtung sie kommen." In der Gemeinde hat niemand in dieser Richtung angefragt. "Und natürlich könnte man das ausschließen, indem man gewisse Bedingungen in den Vertrag hinein formuliert und sagt, es soll in Zukunft nicht anders religiös genutzt werden."

Zur politischen Diskussion taugt die sanierungsbedürftige Kirche nicht. "Es ist ja eine gesamtgesellschaftliche Frage: wie gehen wir mit dem christlichem Glauben in unserer Gesellschaft um?" fragt Pfarrer Colditz. "Wenn der immer weniger wird, nützt es aus meiner Sicht wenig, verschiedene Glaubensrichtungen gegeneinander auszuspielen. Zielführend wäre, den eigenen Glauben zu stärken. Und da ist die Frage: was tragen politische Gruppen dazu bei?"

Ein buntes Kirchenfenster.
Das prächtige bunte Kirchenfenster in der Apsis der Kirche. Bildrechte: MDR/Kathleen Bernhardt

Von Kletterkirche bis Begegnungsstätte

Von einer Begegnungsstätte bis zur Kletterkirche gab es viele Ideen für die künftige Kirchennutzung. "Ich sehe schon den Trend, dass Kirchen nicht mehr ausschließlich gottesdienstlich genutzt werden - und ich finde das sehr gut", so Christian Colditz. Doch ohne Menschen, die die Kirche mit Leben füllen, nutzen gute Ideen wenig. "Mich bewegt, was das Schließen der Kirche inhaltlich bedeutet; dass in unserer Gesellschaft der Bezug zum Glauben abnimmt und zu den christlichen Werten. Vor 30 Jahren, zur Wende, waren die Kirchen voll. Ist das jetzt nicht mehr wichtig für uns? Und wenn ja, was tritt an diese Stelle? Ich glaube, dass unsere Botschaft noch immer wichtig ist und Kraft hat. Aber ich glaube auch: wir müssen neu auf die Menschen zugehen." Mit innovativen Ideen könnte die Aubachtaler Kirche ein Modell werden, wie Kirchen ohne Gemeinde dennoch unsere Gemeinschaft bereichern können. "Man soll die Hoffnung nie aufgeben" lacht Christian Colditz.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 15. Juni 2021 | 19:00 Uhr

16 Kommentare

DermbacherIn vor 24 Wochen


@Harka2
Es gibt genug Initiativen, die ihre Kirche im Ort behalten wollen, und dabei ist es egal, ob die Menschen Gottesdienstbesucher sind oder nicht. Wer daran interessiert war, dem bot die gemeinsame Ausstellung von EKM und IBA Thüringen „500 Kirchen 500 Ideen. Querdenker in Thüringen 2017“ ein Forum.
Sie haben aber mit Verlaub doch immer nur einen "flotten" Kommentar auf Lager, egal ob dieser Kommentar sinnvoll oder sinnlos ist.

Nico Walter vor 25 Wochen

Ich fände es auch nicht schlimm, wenn man daraus ein Moschee macht. Eine sakrale Nutzung käme dem ursprünglichen Zweck eines Sakralbaus sicher näher als eine Lagerhalle oder ein Klettergarten. Allerdings bezweifel ich, dass eine muslimische Gemeinde den Bau füllen könnte. 800 Plätze bei knapp 20.000 Einwohnern entspräche einem Bevölkerungsanteil von immerhin 4%. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es so viele Muslime in Greiz gibt.

SG aus E vor 25 Wochen

Von außen betrachtet könnte diese Kirche tatsächlich ein schwieriger Fall werden: abseitige Lage im Industriegebiet, andere Glaubensgemeinschaften sind versorgt (7 Freikirchen), ein Kulturzentrum gibt es auch schon (Alte Papierfabrik). Es gibt zwar interessante Umnutzungen (z.B. La Iglesia Skater / Kaos Temple in Spanien). Aber wer soll es bezahlen? Realistischer wäre eine Nutzung als Lagerhalle oder Werkstatt. Dafür gibt es viele Beispiele aus Geschichte und Gegenwart weltweit.

Es steht zwar nicht zur Debatte, aber warum soll man ein Kirchengebäude nicht an eine andere Glaubensgemeinschaft geben? Nach dem II. Weltkrieg wurden Synagogen zur Kirche, inzwischen werden Kirchen zur Synagoge (Cottbus). Moscheen wurden Kirchen (Griechenland, Balkan) – aber andersherum ist’s unerwünscht? Anders als mit Muslimfeindlichkeit lässt sich das nicht begründen.

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