Stadtentwicklung Shopping-Hufeisen für Marstall geplant: Greiz streitet über Einkaufszentrum

In Greiz soll direkt neben der historischen Altstadt ein Shopping-Center gebaut werden. Mit Platz für zwei Supermärkte, einen Drogeriemarkt und viele Parkplätze. Doch dagegen regt sich Widerstand. Eine Bürgerinitiative hat innerhalb weniger Wochen mehr als 1.000 Unterschriften gegen das Center gesammelt. Auch, weil es direkt an ein Denkmal angrenzen soll - den Marstall.

Blick auf den alten Marstall in Greiz, davor parken Autos.
Um den alten Marstall in Greiz soll ein Einkaufszentrum gebaut werden. Bildrechte: MDR/Sabine Weber

Der historische fürstlich-reußische Marstall von Greiz liegt am Rand der Altstadt: Ein zwei-stöckiges Gebäude aus rotem und gelbem Klinker, geschmückt mit Reiterreliefs aus Terracotta. All das wird nicht mehr sichtbar sein, wenn das Marstall-Center so kommt, wie es aktuell geplant ist. Denn es soll die Schauseite des Denkmals komplett wie ein U umschließen, nur die eher unauffällige Rückseite würde dann noch öffentlich sichtbar sein. Ein Graus für Anwohner Michael Krause.

"Die jetzigen Pläne zielen ja darauf ab, bis zu fünf Meter an den Marstall heranzubauen. Also da soll nur noch eine kleine Glasabdeckung geben. Und dann ist der zugebaut." Krause hat deswegen im vergangenen Herbst eine Bürgerinitiative gegründet, unter anderem mit Roland Gräfe, Denkmalschützer und geborener Greizer. Der fürchtet, dass die gesamte historische Altstadtstruktur nachhaltig Schaden nehmen wird.

Karte: Das geplante Marstall-Center in Greiz (blaue Fläche) mit dem historischen Marstall an der Südostflanke.

Gegner empfinden Bau als Fremdkörper

"Sich diesen Baukörper vorzustellen, das ist ja eigentlich unglaublich. Der Baukörper ist auch von der Architektursprache her sehr beliebig, überhaupt nicht auf Greiz eingehend, auf die Bebauung und diese Geschichte der Stadt", sagt Gräfe. Es sei ein Fremdkörper, der hier gebaut werden soll.

Roland Gräfe, Mitglied der Bürgerinitiative gegen das Marstall-Center
Roland Gräfe wehrt sich gegen die bisher bekannten Pläne für das Marstall-Center in Greiz. Bildrechte: MDR/Roland Gräfe

Bürgermeister hofft auf Belebung der Innenstadt

In der Tat, es ist schwer, sich einen fünfgeschossigen Komplex an diesem Ort vorzustellen: Direkt auf der anderen Straßenseite beginnt die kleinteilige Innenstadt mit ihren vielen Jugendstilbauten. Der Kontrast könnte wohl nicht größer sein. Auch Bürgermeister Alexander Schulze (parteilos) sagt, der aktuelle Entwurf sei noch nicht optimal und könne sicherlich noch einmal angepasst werden. Insgesamt aber hält er an der Größe des Centers fest und unterstützt den Investor. Seine Hoffnung: dass vom Marstall-Center auch die Umgebung profitieren wird. Schulze sagt, er wünsche sich, dass die Bürger künftig nicht nur zum Marstall-Center kommen, um einzukaufen, sondern danach auch noch einen Bummel durch die Innenstadt zu machen.

Blick auf die Grünfläche und die Häuser am Rathenauplatz in Greiz
Blick vom Rathenauplatz auf das Marstall-Gelände (rechts) Bildrechte: MDR/Christian Freund

Supermärkte und Altenwohnheim im Marstall-Center

Das Vorhaben des Architekten und Investors Arno Wagner hatte Mitte September eine erste größere Hürde genommen: Der Greizer Stadtradt stimmte der Aufstellung eines neuen Bebauungsplans zu. Verwaltung und Rat erhoffen sich, dass die gesamte Innenstadt davon profitiert, wenn mehr Menschen den Weg dahin finden - vom Center angezogen.

Vorgesehen ist, dass zwei Lebensmittelmärkte einziehen, außerdem zwei weitere Einzelhandelsfilialen - jeweils mit mindestens 600 Quadratmetern Verkaufsfläche; die Verwaltung nennt Aldi, DM und Rewe als Interessenten. Hinzu kommen ein Seniorenwohnheim mit etwa 90 Betten sowie bis zu 20 Wohnungen für ältere Menschen, wie aus einem Informationsblatt der Stadt hervorgeht. Ein Parkhaus mit 215 Stellplätzen komplettiert den Bau, dessen Dach großflächig begrünt sein soll. Die Verwaltung spricht von einer Investitionssumme von 30 Millionen Euro.

Stadtökonom: Konzept seit Langem überholt

Wird es sogenannte Mitnahmeeffekte geben, wenn das Einkaufscenter kommt? Michael Krause und Roland Gräfe winken nur ab. Und auch Wolfgang Rid ist unsicher. Der Professor für Stadt- und Regionalökonomie an der Fachhochschule Erfurt sagt, es sei essenziell, dass solche Center behutsam in ihre Umgebung eingefügt würden. Dass sie sich zur Stadt hin öffneten und nicht von der Architektur her wie ein abgeschlossener Klotz wirkten. Genau das sei aber in Greiz der Fall. Es gebe Studien, die Einzelhandelscenter als Baukörper untersucht haben, so Rid. "Dieses in sich geschlossene, nach außen hin als Solitär auftretende Einzelhandelscenter ist seit Langem überholt."

Doch wie viel Handlungsspielraum hat eine Kommune, der es finanziell nicht besonders gut geht, wenn nach langen Jahren endlich ein finanzstarker Investor anklopft? Darf sie Bedingungen vorschreiben, oder sollte sie sich mehr oder weniger mit dem zufrieden geben, was angeboten wird? Bürgermeister Schulze fühlt sich unter Druck gesetzt und sagt: "Wenn wir das jetzt nicht machen, dann war es das eben."

Stadtplanungsforscher Rid hingegen empfiehlt einen andere Haltung: "Auch Städte, die von Schrumpfung betroffen sind, sollten meiner Meinung nach auch selbstbewusster auftreten gegenüber Investoren." Die Kommunen sollten deutlich machen, dass sie Qualität wollen und nicht nur auf die Kaufkraftbindung oder die Bindungsintensität schauen.

Änderungen an Plänen für Marstall denkbar

Die Bürgerinitiative hofft nun, dass die Stadt die bisherigen Pläne noch einmal komplett auf den Prüfstand stellt. "Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine Bebauung des Areals", so betont es Michael Krause. "Aber wir wollen eine Bebauung, die den Platz und die Umgebung respektiert."

Michael Krause, Mitglied der Bürgerinitiative gegen das Marstall-Center
Michael Krause Bildrechte: MDR/Susanne Schulze

Und genau hier scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen. Bürgermeister Schulze hält Änderungen an der Fassade und der "Mächtigkeit des Baus" für denkbar. Wie er im aktuellen Amtsblatt darlegt, gibt es eine Vielzahl von Stellungnahmen zu dem Vorhaben, die nun ausgewertet würden - und später im Stadtrat diskutiert werden sollen. Im Anschluss wird der Entwurf des Bebauungsplanes öffentlich ausgelegt - die Greizer haben dann erneut die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Er hoffe, so Schulze, bis dahin noch einige Änderungen am Konzept mit dem Investor aushandeln zu können. Ob der sich darauf einlässt, dazu gab der Architekt auf Anfrage von MDR THÜRINGEN zunächst keine Auskunft. Nach den bisherigen Gesprächen sieht der Bürgermeister aber "durchaus Potenzial dafür".

Blick auf den alten Marstall in Greiz, davor parken Autos. 4 min
Bildrechte: MDR/Sabine Weber

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 29. Januar 2021 | 07:10 Uhr

3 Kommentare

PoliticalNerd99 vor 6 Wochen

Naja, das Ding mit Greiz ist halt, es gibt da schon einige Läden in der Innenstadt, aber es ist da auch immer eine Kunst mit dem Auto dahin zu kommen. Enge Straßen, viele Baustellen, aber auch Straßensperrungen wegen sogenannter Schrottimmobilien...
Man fährt immer ein einen ziemlichen Umweg und Parkplätze gibt es auch nicht gerade viele. In Greiz wird sozusagen der Traum von autofreien Innenstädten fast schon wahr :)
Wer kann, geht lieber woanders einkaufen, als in Greiz.
Mit diesen Marstall-Center gäbe es weniger Probleme, weil es direkt an der Hauptstraße ist. Parkplätze müsste es dahinter scheinbar auch geben.

Selei vor 6 Wochen

Wo ist in diesem Fall die untere Denkmalschutzbehörde, die sonst alles reglementiert und an sich reißt?

Graf von Henneberg vor 6 Wochen

Gibt es denn noch keine Kaufmannsläden in Greiz? Wo kaufen die Leute momentan ein?

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