Tag des Ehrenamtes 300 Einsätze pro Jahr für die Feuerwehr: Noch Ehrenamt oder schon Vollzeit-Job?

300 Einsätze pro Jahr, machmal mehrere an einem Tag. So oft sind die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Schleiz unterwegs. Zu ihrem Einsatzgebiet gehört auch ein 50 Kilometer langer Autobahn-Abschnitt. Hinzu kommen Schulungen und Übungen. Da wird das Ehrenamt schnell zum Vollzeit-Job.

Es ist schon dunkel. Es ist kalt und es regnet. Mit der Drehleiter geht es nochmal hoch zum Fenster. Aus dem zweiten Stock muss jemand gerettet werden. Die Wohnung brennt. Zum Glück ist das alles nur eine Übung. Zwei richtige Einsätze haben die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr in Schleiz heute schon hinter sich. Trotzdem sind sie hochkonzentriert. Für Jugendwart Dominik Fleck aus Schleiz ist die Arbeit bei der Feuerwehr eine Ehre. "Das Schönste ist dieses Gefühl, Menschen in Not helfen zu können", sagt der 23-Jährige. Mit zehn Jahren fing er bei der Jugendfeuerwehr an. Inzwischen bildet er den Nachwuchs selbst aus. "Ich finde jeder sollte etwas Soziales leisten", sagt er. "Und das ist mein Beitrag für die Gesellschaft. Das mache ich für mein Leben gern."

Zwei Feuerwehrmänner stehen im Korb an der Spitze einer Drehleiter.
Mit der Drehleiter hinauf zum zweiten Stock. Zum Glück nur zur Übung. Doch diese Einsätze müssen trainiert werden. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Gelernt hat er Zimmermann. Doch es gibt Tage, da ist das Ehrenamt bei der Feuerwehr für ihn und seine etwa 30 aktiven Kameraden fast wie ein Vollzeitjob. An manchen Tagen rücken sie bis zu sechs Mal aus. Knapp 290 Einsätze haben sie dieses Jahr schon gezählt. Sie löschen Wohnungsbrände, beseitigen Ölspuren oder umgestürzte Bäume, und holen Menschen aus Unfallfahrzeugen heraus. Als Stützpunktfeuerwehr sind sie außerdem im Saale-Orla-Kreis unterwegs.

Auch für ein Stück Autobahn zuständig

Auch auf der naheliegenden Autobahn 9. Für 50 Kilometer Autobahn sind sie zuständig, von Bad Lobenstein bis Triptis, größtenteils auf beiden Seiten, sagt Ronny Schuberth, der die Feuerwehr als Stadtbrandmeister im Ehrenamt seit 15 Jahren leitet. "Es ist ein gefährlicher Autobahnabschnitt", sagt er. "Ein Berg- und Talabschnitt, der freigegeben ist. Sehr unfallträchtig." Bei vielen Unfällen seien die Autofahrer zu schnell gefahren.

Stadtbrandmeister Ronny Schuberth
Stadtbrandmeister Ronny Schuberth Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Zerstörte Fahrzeuge, eingeklemmte Menschen, schwerverletzte Unfallopfer - und Menschen, die sterben. "Die Autobahn ist für alle Rettungskräfte kreuzgefährlich", sagt Schuberth. Ein Unfallschwerpunkt bei Schleiz beschäftigte sie von 2006 bis 2018 besonders: Die Kurve bei Kilometer 225. Unfälle mit mehrfach Schwerverletzten und zuletzt einem tödlichen Unfall. Oft seien dann noch Fahrzeuge in die Unfallstelle gerauscht. Zwölf Jahre lang forderte die Freiwillige Feuerwehr in Schleiz von der Politik, die Geschwindigkeit an dieser Stelle zu reduzieren, sagt Schuberth. Anfang 2018 kam dann endlich das Tempolimit auf 120. Seitdem habe es erst wieder einen Unfall gegeben.

Feuerwehrleute an einer Unfallstelle auf der A9
Ein 50 Kilometer langer Streckenabschnitt der A9 gehört zum Einsatzgebiet der Freiwilligen Feuerwehr Schleiz. Hier kommt es immer wieder zu Unfällen. Bildrechte: MDR/Ronny Schuberth/FFw Schleiz

Corona-Pandemie macht Ausbildung schwieriger

Bis zu 40 Prozent der Einsätze führten die Kameraden aus Schleiz aber dennoch im Jahr auf die Autobahn. "Wir bereiten uns immer wieder darauf vor", sagt Schuberth. Sie investierten in spezielle Sicherungstechnik. Und schulen sich regelmäßig. In der Corona-Pandemie allerdings sei das jetzt kaum noch möglich. Eines der größten Probleme seit Corona: Diese Ausbildung aufrechtzuerhalten. Bei Übungen sei die Teilnehmerzahl begrenzt, Mindestabstände müssten eingehalten werden. "Wir können eigentlich gar nicht mehr richtig üben", sagt Schuberth. "Brauchen es aber dringend, damit wir fit bleiben." Steigende Einsatzzahlen mit rückläufiger Ausbildung und weniger Kameraden, meint er. "Irgendwann geht das nicht mehr gut."

Feuerwehrleute trainieren die Bergung einer verletzten Person aus einem Gebäude.
Ständiges Training ist notwendig: Hier üben die Feuerwehrleute die Bergung einer verletzten Person. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Die Menschen werden aggressiver

Seit Corona, sagt Schuberth, erleben er und seine Kameraden aber noch ein anderes Phänomen: Die Aggressivität der Menschen nehme zu, der Respekt vor der Feuerwehr ab. Da seien Lkw- oder Autofahrer, die Absperrungen der Feuerwehr bei Einsätzen durchbrechen. Da seien Angehörige von Unfallopfern, die bei Einsätzen ungehalten oder gereizt reagierten.  "Das ist eine ganz neue Situation für uns", sagt der 52-Jährige, der seit 33 Jahren ehrenamtlich bei der Feuerwehr ist. "Das kannten wir vorher nicht." An solchen Tagen fragt er sich dann, ob sein Ehrenamt eigentlich noch eine Ehre ist. Von den Menschen wünscht er sich deshalb mehr Unterstützung für die Arbeit der Feuerwehr.

Umkleideraum der FFW Schleiz
Immer einsatzbereit: In diesem Jahr sind die Feuerwehrleute schon zu 282 Einsätzen ausgerückt. So viel wie noch nie in einem Jahr zuvor. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

1.500 Einsatzstunden im Jahr, dazu noch Papierkram. Morgens eine Stunde Familie, dann der Hauptberuf, und anschließend bis in den späten Abend hinein das Ehrenamt bei der Feuerwehr. Da frage man sich am Jahresende selbst, wie man das eigentlich schafft. Und eigentlich füllen seine Aufgaben eine Vollzeitstelle, meint er. Dass viele junge Menschen das nicht auf sich nehmen möchten, das könne er verstehen. Oft fragt er sich, wie lange das System Freiwillige Feuerwehr im Ehrenamt noch funktioniert. Trotzdem, sagt er, ist und bleibt er Feuerwehrmann aus Leidenschaft.

Geräte und Werkzeuge in einem Gerätewagen der FFW Schleiz
Immer einsatzbereit: In diesem Jahr sind die Feuerwehrleute schon zu 282 Einsätzen ausgerückt. So viel wie noch nie in einem Jahr zuvor. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Die Bilder von ihren Einsätzen bleiben oft noch im Kopf hängen. Ihr wahrscheinlich kuriosester Einsatz: Die Rettung von Känguru Jack im Jahr 2012. Das Känguru war seinem Besitzer ausgebüxt und musste unterhalb der Staumauer des Bleilochstausees mithilfe von Abseilgerät und Drehleiter wieder eingefangen werden. Die Rettung gelang. Der Besitzer schenkte der Feuerwehr zum Dank ein geschnitztes Känguru aus Holz, das bis heute im Feuerwehrhaus steht.

Holzkänguru in der Feuerwache der FFW Schleiz
Erinnerung an einen denkwürdigen Einsatz: ein Känguru aus Holz Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Aber: Mindestens 70 Unfalltote habe es in den vergangenen 15 Jahren in ihrem Einsatzgebiet gegeben. Einer der schwersten Einsätze: Ein Hubschrauber-Absturz mit vier Toten an Pfingsten im Jahr 2010. Nach solchen Einsätzen kommen die Kameraden dann im Feuerwehrhaus in Schleiz zusammen, zu Kaffee und einer Baiser-Torte, einer Schleizer Spezialität, die dann fürs erste ihr Seelsorger ist. Außerdem bleibt immer das gute Gefühl, geholfen zu haben.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 05. Dezember 2021 | 08:10 Uhr

4 Kommentare

Matthi vor 5 Wochen

Ehrenamt bei der Feuerwehr ist ja schön und gut, aber bei so vielen Einsätzen im Jahr was ja nicht nur in Schleiz passiert sondern auch in anderen Städten ohne Berufsfeuerwehr Frage ich mich schon ist das Ehrenamt noch gerechtfertigt in Städten, oder gehts um Kostenersparnis gegenüber einer Berufsfeuerwehr. Man darf ja nicht vergessen das die Ehrenamtlichen Feuerwehrleute einen Beruf haben auf Arbeit sind und erst bei Alarmierung zur Wache kommen das kostet Zeit und verzögert Rettungsmaßnahmen. Das andere ist natürlich mit dem Arbeitgeber klarzukommen ich kann mir gut vorstellen das nicht jeder Arbeitgeber glücklich ist wenn sein Qualifiziertes Personal laufend ausfällt.

Saxe vor 5 Wochen

@RexT: Wichtig ist doch, dass man trotz aller Differenzen immer fair und ehrlich miteinander umgeht. Hinter allen Meinungen stehen Menschen. Und die Menschen muss man respektieren.

martin vor 5 Wochen

Mittlerweile leider nicht 'nur' verbal .....

Was vor wenigen Jahren noch eine absolute Ausnahme war, ist mittlerweile traurige Realität.

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