Landkreis Greiz Wie Dochte der Wismut helfen, giftige Schlammteiche trockenzulegen

Sommer 1992, ich unterhalte mich mit Männern von der bundeseigenen Wismut GmbH. Und bekomme den Satz zu hören: "Jetzt gehen sie uns noch mit einem Docht auf den Docht…" 29 Jahre später reden wir wieder bei der Wismut über Dochte. Denn sie haben sich inzwischen als Volltreffer erwiesen - bei der Trockenlegung giftiger Schlammteiche.

Zwei Männer in Schutzkleidung stehen auf einem Feld.
Uwe Weidner (links) soll mit seinem Kollegen den letzten Docht bohren. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Der Schlammteich, an dem wir Uwe Weidner treffen, heißt offiziell im Wismut-Deutsch "Industrielle Absetzanlage Culmitzsch". Culmitzsch war ein Dorf, das für den Uran-Abbau geopfert wurde. Und Weidner gehörte zu den Wismut-Kumpeln, die als Bohrer untertage arbeiteten. Bis 1990.  

Danach wurde Weidner Bohrer über Tage - bei der Beseitigung der Folgen des Uranbergbaus im Ronneburger Revier. Und jetzt wird er zur Trockenlegung des Schlammteichs Culmitzsch den letzten Docht bohren. Oder wie es fachmännisch heißt: Den letzten Drain setzen.

Drains von Seelingstädt bis Wladiwostok

8.000 Kilometer - das ist die Entfernung zwischen Seelingstädt und Wladiwostok. Genauso lang wären, aneinander gelegt, alle Dochte, die seit 1992 eingesetzt wurden. Um Schlammteiche auszutrocknen, die es nicht nur im Ostthüringer Revier gab, sondern auch in den ehemaligen sächsischen Uranabbaugebieten.

Die Dochte oder Drains sind ein textiles Material, das Porenwasser aus den Schlammschichten zieht. Die Idee dafür haben Wismut-Leute selbst entwickelt. Denn es gab weltweit keine für die Wismut GmbH anwendbare Technologie, um ihre Absetzanlagen sanieren zu können.

Geschäftsführer Michael Paul sagt heute: Die alte Wismut war mal ein Weltmeister bei der Uranproduktion. Jetzt ist die neue Wismut Weltmeister bei den Sanierungstechnologien. Auch das Verfahren mit den Dochten ist inzwischen international vermarktet worden.

Und die Art, wie bei der Wismut mit Geotextilien, Gittermatten und Abdeckschichten aus verschiedenen Erd- und Gesteinsmassen gearbeitet wird, findet längst auch eine Nachnutzung bei anderen Bergbausanierern in der Welt.

Geschäftsführer Dr. Michael Paul erklärt, wie Culmitzsch saniert wird.
Geschäftsführer Dr. Michael Paul erklärt, wie Culmitzsch saniert wird. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Schicht für Schicht zum Erfolg

Culmitzsch ist die größte industrielle Absetzanlage in ganz Europa. Mit der Folge, dass die Sanierung hier auch länger dauert als bei kleineren Schlammteichen. Michael Paul redet nicht drum herum: "Der Giftcocktail hier, der ist ja nach wie vor noch vorhanden. Den können wir ja auch nicht ungeschehen machen. Wir mussten erst lernen, ihn zu beherrschen." 

Zunächst musste in Culmitzsch der wabernde Schlammuntergrund verfestigt werden. Dazu fuhr 2004 ein Schiff auf dem Wasser des damals noch offenen Schlammteiches. Von Bord wurde nach einem genauen Plan und in dünnen Schichten ein Sand-Kies-Gemisch verkippt.

Dann wurden von den Rändern her zunächst wackelige erste Abdeckungen aus Flies und Gittern verlegt. Durch sie begannen die Sanierungsteams Dochte zu bohren. Natürlich mussten die Bohrteams immer mal Lehrgeld zahlen.  

Uwe Weidner sagt, da kann schon mal eine Bohrstange stecken bleiben. Oder es zieht den Docht unerwarteter Weise wieder raus. Und ja, in den 29 Jahren Dochtsetzen ist auch mal eine Maschine kaputt gegangen. Nun aber ist der letzte Drain gesetzt.

Mehrere Menschen stehen auf einem Feld.
Wismut-Sanierer und Kommunalpolitiker erleben das Setzen des letzten Dochtes. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Weitere Jahre Arbeit stehen bevor

Nein, ein Sanierungsabschluss ist das noch lange nicht, stellte Geschäftsführer Paul fest. Denn natürlich senkt sich mit der Trockenlegung die befestigte Oberfläche immer weiter ab. Deshalb müssen wohl noch 25 Millionen Tonnen Erdstoffe auf das riesige Areal aufgebracht werden. Erst dann kann es endgültig konturiert und begrünt werden. "2028, das ist das Ziel für Culmitzsch", sagt Michael Paul.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 12. März 2021 | 13:00 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 20 Wochen

Hallo „Kleingartenzwerg“,
die Wismut hat für alle Sanierungsbereiche ein Wasseraufbereitungssystem. Das bedeutet, dass alle bei der Sanierung anfallenden Wasser erfasst, gesammelt und in Wasseraufbereitungsanlagen behandelt werden. Erst nach dieser aufwändigen Prozedur gelangen sie in öffentliche Gewässer.

Kleingartenzwerg vor 20 Wochen

Hallo MDR-Team, was geschieht mit den urankontaminierten Abwässern die über die Dochte abgezogen werden? Im Beitrag wird dazu leider nichts berichtet.

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