Analphabeten in Thüringen "Lesen und Schreiben sind Schlüssel zur Welt"

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Jeder achte Erwachsene in Thüringen kann zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, hat jedoch Mühe, einen längeren, zusammenhängenden Text zu verstehen. Das macht die Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder, die Speisekarte im Restaurant, den Brief vom Amt oder den Beipackzettel eines Medikaments häufig zur unüberwindbaren Hürde. Zum Glück gibt es Hilfe.

Eine Frau
Seit vier Jahren besucht Evelyn B. den Kurs und ist schon sehr weit gekommen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Evelyn B. hatte schon immer Probleme mit dem Lernen. Zuerst beim Lesen und Schreiben, später, als die Zahlen größer wurden, auch in Mathematik. Sie kam in die Hilfsschule, doch auch dort wurde sie schnell zur Außenseiterin: "Ich konnte es einfach nicht, obwohl ich mich angestrengt habe. Da habe ich mich dann immer so ein bisschen traurig gefühlt." Denn die anderen wollten nicht mit ihr spielen, weil auch da ja viel gelesen werden muss. Evelyn zog sich immer mehr zurück.

Jeder Achte kann nicht richtig lesen und schreiben

Etwa 160.000 so genannte funktionale Analphabeten gibt es Schätzungen zufolge in Thüringen - Menschen, die zwar eine Schule besucht, aus den unterschiedlichsten Gründen aber nie richtig das Lesen und Schreiben gelernt haben. Wie Evelyn B.

Ob in der Schule, bei der Arbeit oder bei Ämtern, immer hat sie sich durchgeschummelt, ohne dass jemand etwas gemerkt hat. Wenn sie irgendwo etwas unterschreiben sollte, hat sie die Papiere mit nach Hause genommen und mit ihrem Mann gemeinsam angeschaut.

Aber irgendwann hatte sie dann genug davon, wollte selbständiger werden und meldete sich zum Alphabetisierungskurs in der Volkshochschule an: "Ich hatte einfach die Nase voll und bin dann auch wirklich weit gekommen." Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen sie alles hinschmeißen will. Die Kurse finden nachmittags statt, nach der Arbeit, und manchmal fehlt einfach die Energie.

Eine Lernende am Rechner 7 min
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Anstrengung, die sich lohnt

Das weiß auch Kursleiterin Marita Reinhardt. Seit 2017 unterrichtet sie an der Volkshochschule Jena den Alphabetisierungskurs. Früher hat sie als Grundschullehrerin gearbeitet. "Mir war das unverständlich, dass es so viele Menschen gibt, die nicht richtig lesen und schreiben können und eine Schulbildung hinter sich haben", sagt sie. Ihre Schülerinnen und Schüler starten mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in den Kurs. Aber mindestens zwei Jahre brauche man schon, um das Wichtigste aufzuholen, sagt sie.

Rechtschreibung und Grammatik rücken immer mehr in den Hintergrund.

Kursleiterin Marita Reinhardt

Zu vielen ihrer früheren Kursteilnehmer hat sie immer noch Kontakt. Auch wenn die bis heute lieber anrufen. als Karten zu schreiben. "Aber das ist heute ja überall so", sagt Marita Reinhardt. "Es gibt so viele Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen man das Schreiben umgehen kann." Und das hält sie nicht für ungefährlich. "Rechtschreibung und Grammatik rücken immer mehr in den Hintergrund."

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Thüringer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung

An allen 23 Thüringer Volkshochschulen gibt es solche Kurse, dazu kommen Angebote von externen Partnern. Seit 2019 wurden zusätzlich an drei Volkshochschulen so genannte Regionale Grundbildungszentren etabliert. Koordiniert wird die Alphabetisierung vom Thüringer Volkshochschulverband (TVV). Im Jahr 2012 wurde das Thüringer Bündnis für Alphabetisierung und Grundbildung ins Leben gerufen. Dessen Ziel ist es, die Probleme von Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, öffentlicher zu machen.

Denn funktionaler Analphabetismus ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Viele Betroffene versuchen ihre Defizite geheim zu halten. Dadurch bekommen sie dann aber auch keine Hilfe. Das will das Bündnis ändern. Denn oft brauchen Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben auch in anderen Lebensbereichen Unterstützung. Ob beim Kleingedruckten in Kaufverträgen, beim Arzt oder bei der Arbeit - die meisten Lebensbereiche sind auf Schriftsprache ausgelegt. "Deshalb sind Angebote in leichter Sprache oder die Unterstützung durch Piktogramme so wichtig" sagt Fabian Walpuski vom TVV.

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und lächelt in die Kamera 2 min
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Dem Bündnis gehören die Volkshochschulen, Mehrgenerationenhäuser, Bildungseinrichtungen, Landesverbände, Arbeitsagenturen, Jobcenter, Handwerkskammern, Industrie- und Handelskammern, Universitäten, das Ministerium, der Bibliotheksverband und die Ehrenamtsstiftung und viele andere Partner an. Jede einzelne Person und jede Organisation, die sich für die Ziele des Bündnisses einsetzen möchte, kann Mitglied werden.

"Das Verstecken muss aufhören"

Evelyn B. hat geholfen, dass sie sich einem Kollegen anvertrauen konnte, der ihr zur Seite steht, wenn die Aufgaben zu kompliziert sind. Denn perfekt beherrscht sie die Schriftsprache noch immer nicht. Doch ihr Selbstbewusstsein hat einen riesigen Sprung gemacht, seit sie den Kurs besucht: "Ich bin sicherer geworden. Wenn ich mit etwas konfrontiert werde, was ich nicht verstehe, kann ich inzwischen nach Hilfe fragen. Das konnte ich früher nie, habe mich einfach nicht getraut. Lieber habe ich dann auf die Sachen verzichtet."

Wenn ich mit etwas konfrontiert werde, was ich nicht verstehe, kann ich inzwischen nach Hilfe fragen. Das konnte ich früher nie, habe mich einfach nicht getraut.

Evelyn B.

Sich durchschummeln, Ausreden suchen - oft dauert es lange, bis Betroffene Hilfe suchen. Fahrpläne, Medikamenten-Beipackzettel oder schriftliche Arbeitsanweisungen sind für sie eine tägliche Herausforderung. Doch wie kommt man in der Gesellschaft überhaupt ohne Lesen und Schreiben zurecht? Oft hätten Analphabeten ein überdurchschnittliches Bildergedächtnis, mit dem auch Buchstabenreihen bildlich auswendig gelernt würden, sagen Experten.

Menschen stehen vor Aufstellern
Regelmäßiger Austausch ist wichtig. Die Kursleiterin Martina Reinhardt, Fabian Walpuski, Evelyn B., Angela Anding und Steffi Dietrich-Mehnert (v.l.n.r.) Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Gratis-Kurse sind finanzielle Erleichterung

Immer noch finden viel zu wenig Analphabeten den Weg in einen Kurs an einer der 23 Thüringer Volkshochschulen. Die Angebote sind übrigens kostenlos: Thüringen investiert im Jahr 2021 insgesamt 300.000 Euro in die Alphabetisierung von sekundären und funktionalen Analphabeten, 2022 werden es 350.00 Euro sein. Seit 2012 gibt es einen eigenen Haushaltstitel für Alphabetisierung im Haushaltsplan. Weitere Mittel kommen von den Landkreisen und kreisfreien Städten.

Thüringer Grundbildungs-Hotline Sie möchten besser lesen, schreiben, rechnen können oder sicherer am Computer oder Smartphone werden? Informationen zu Lernangeboten erhalten Sie bei der Thüringer Grundbildungs-Hotline: 0800 89 89 789

Beratungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Donnerstag jeweils von 10 bis 15 Uhr

Volkshochschulen hätten gern mehr Dozenten

Angela Anding, Leiterin der Volkshochschule Jena, würde sich mehr Dozentinnen und Dozenten für die Alphabetisierungs-Kurse wünschen. "Die Lernenden haben ja völlig verschiedene Voraussetzungen. Außerdem braucht jeder das Schreiben und Lesen aus verschiedenen Gründen. Da wären mehr Kurse mit verschiedenen Anspruchsniveaus schön." In ihrem Haus werden mit den Interessenten erst einmal Gespräche geführt, dann gibt es eine Probestunde und dann setzt man sich noch einmal zusammen. Erst dann wird die Anmeldung zum Kurs ausgefüllt. "Unsere Kursleiter investieren sehr viel Zeit und Herzblut in den Unterricht. Sie stellen sich selber Material zusammen, behandeln alle Teilnehmer sehr individuell."

Eine blonde Frau lächelt in die Kamera
Aus Sicht der Leiterin der VHS Jena, Dr. Angela Anding, sind die Alphabetisierungs-Kurse sehr wichtig. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Selbstbewusstsein wächst mit dem Lernfortschritt

Aber zuallererst müssten die Betroffenen sich selbst eingestehen, dass sie ein Problem hätten und sich dann aufraffen, es anzugehen. Für aufmerksame Arbeitskollegen oder Freunde sei es oft schwierig, das Thema anzusprechen, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen, so Fabian Walpuski vom TVV. "Dieser erste Schritt ist schon die halbe Miete" ergänzt Angela Anding. "Und wenn ich dann noch in eine Gruppe komme, in der ich mich wohl fühle, zu einer Dozentin, die mich individuell fördert, ist viel gewonnen." Die meisten Lernenden bleiben deshalb auch deutlich länger an der VHS als ein Semester, beobachtet sie.

Und auch für Evelyn B. hat sich der Kurs gelohnt: "Ich bin sicherer geworden. Und jetzt kann ich auch nach Hilfe fragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Das hätte ich mich früher nie getaut."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 18. Dezember 2021 | 18:00 Uhr

20 Kommentare

Harka2 vor 27 Wochen

So einfach kann man es sich nicht machen. Es hängt sehr vom Elternhaus und den dortigen Bedingungen ab.

Dazu kommr, dass das Fernsehen suggeriert, dass jeder Schulabbrecher locker eine gut gehende Boutique, ein angesagtes Scenelokal oder eine erfolgreiche Galerie eröffnen und führen kann. Wenn dann noch die Geissens über den Bildschirm flimmern oder Frauen getauscht werden oder talentfreie Superstars sich vor der Kamera blamieren ...
Man nennt das zwar in zivilisierten Kreisen Unterschichten-TV, aber die Kinder glauben es dennoch.

Harka2 vor 27 Wochen

@Atheistin
Es gab auch in der DDR Kinder, die durch das Raster fielen. In meiner Klasse hatten wir einen Jungen, der immer dann, wenn seine dauerhaft besoffenen Eltern sich nicht gegenseitig prügelten, die Prügel ab. Nach außen merkte niemand, dass er ab der 5. Klasse nicht mehr zu Hause lebte sondern in der Gartenhütte. Das Haus lag unten an der Straße, die Hütte oben auf dem Grundstück in Hanglage - da kamen die besoffenen Eltern einfach nicht mehr hoch. Erst nach der Wende holte er den Schulabschluss nach, machte den 10.-Klasse-Abschluss auf der Abendschule in Münster, besuchte weitere Kurse und hatte zum Schluss eine gut gehende Firma mit über 20 Angestellten. In der DDR wäre der nie mehr als Handlanger auf dem Bau geworden.

Tpass vor 27 Wochen

Wie Doof 🤪 darf man eigentlich sein??? hier mitzumachen……. In unserer Familie und Gesellschaft habe ich einige Menschen kennengelernt die durch Krankheiten und Familiäre Umstände erst später die Chance hatten sich zu bilden oder eben lesen oder schreiben zu lernen..Oft mit viel Mühe und Eifer, dafür mit Erfolg und den Erfahrungen in der Gesellschaft wahrgenommen und integriert zu werden. Einige haben schon recht das unsere Gesellschaft sich mit vielen unnützen Dingen beschäftigt. Genauso ist das Land schuld nicht genug Mittel für die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen mit Lehrkräften und anderen notwendigen Möglichkeiten der Inklusion . Da sind wir bestimmt besser ausgestattet für andere sinnlose nichtverständliche Bereiche die ich hier lieber nicht namentlich benennen möchte. Ähnlich geht es unseren Obdachlosen und armen Kindern aus der unteren Klasse des Bürgertums. Soziale Kompetenz ist nicht mehr gerade unsere Stärke in Deutschland 🇩🇪 Die Armutsgrenze steigt rapide ! 🤨

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