Folgen der Pandemie Bürgerstiftung schlägt Alarm: Kaum neue Freiwillige fürs Ehrenamt

Die Bürgerstiftung Jena-Saale-Holzland schlägt Alarm. Es wird immer schwieriger, engagierte Ehrenamtler für ihre Projekte zu gewinnen.
Die Stiftung hat jetzt eine Blitz-Befragung unter mehr als 50 Jenaer Vereinen und Initiativen gestartet. Die Auswertung zeigt, dass etwa die Hälfte von ihnen ähnliche Probleme hat. Laut dem Jenaer Sozialwissenschaftler Michael Opielka könnte es künftig aber wieder mehr Freiwillige geben. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Teilnehmer eines Tanzkurses in einer Tanzschule
Tanzschulen- und vereine litten unter der Pandemie (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Welche Vereine und Initiativen sind mehr und welche weniger betroffen?

Es gibt wie immer Gewinner und Verlierer. Zu den Gewinnern gehören beispielsweise Vereine, die Weiterbildung oder Nachhilfe anbieten - und das auch digital. Sie haben schon in der Zeit des Lockdowns viel Zuspruch erlebt und profitieren jetzt davon. Anders sieht es bei Chören, Tanzvereinen oder auch Sportgruppen aus. Sie leben vom gemeinsamen Tun, von Auftritten, Wettkämpfen und Geselligkeit und genau darum war es in der langen Zwangspause schlecht bestellt.

Auch viele Projekte der Bürgerstiftung Jena-Saale-Holzland setzen auf Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe, wie die Fahrradschule für geflüchtete Frauen, die Selbsthilfe-Reparierwerkstatt oder das "wellcome-Projekt" für junge Familien. Da finden sich momentan kaum Unterstützer.

Woran liegt es, dass sich in der Post-Lockdown-Phase scheinbar weniger Menschen für ein Ehrenamt interessieren?

Obwohl theoretisch wieder viele Begegnungen möglich sind, bleiben die langen Beschränkungen nicht ohne Folgen. Der ganze Raum der Öffentlichkeit habe sich dadurch verändert, sagt der Jenaer Sozialwissenschaftler Michael Opielka: "Der Andere, der Unbekannte, wurde mir plötzlich zum Gefahrenherd und nicht zum möglichen Gegenüber", so Opielka. Das habe die Ehrenamts- und Freiwilligenszene massiv beeinträchtigt.

Corona habe zudem das Problem der gesellschaftlichen Spaltung verschärft und zugespitzt. Auch um sich solchen Konflikten nicht auszusetzen, nicht Position beziehen zu müssen, ziehen sich Menschen mehr ins Private zurück. Sie sind für ehrenamtliches Engagement schwerer erreichbar oder haben inzwischen einfach andere Interessen. Auch von einer "allgemeinen Lethargie" und von übersteigerter Angst vor einer Infektion war die Rede.

Hatten Vereine nicht auch schon vor Corona mit Nachwuchssorgen zu kämpfen - und hat sich dieses Problem jetzt nur verstärkt?

Das ist richtig. Ob Berggesellschaft, Skatclub, Jugendfeuerwehr oder Telefonseelsorge - sie hatten auch schon vor der Corona-Pandemie Probleme, Nachwuchs und neue Mitstreiter zu finden. Kaum noch jemand will den Vereinsvorsitz und damit Verantwortung übernehmen. Der Verwaltungsaufwand, um zum Beispiel finanzielle Zuwendungen für Projekte zu beantragen, sei viel zu hoch und schrecke ab, sagt Heidi Scheller von der Freiwilligenagentur Jena. Da müsse dringend Bürokratie abgebaut werden.

Momentan seien es auch die Verwaltungsvorgaben und Corona-Auflagen, die die Menschen davon abhalten, sich einzubringen und Veranstaltungen zu organisieren. Laut Scheller sind junge Menschen eher bereit, sich kurzfristig zu engagieren, ohne sich auf Dauer binden zu wollen. Das alles sei kein spezielles Jenaer oder Thüringer Phänomen, sondern bundesweit zu beobachten.

Wie stehen die Chancen, das "Ehrenamtstief" wieder zu überwinden?

Gar nicht schlecht. Davon ist der Jenaer Sozialwissenschaftler Michael Opielka überzeugt. Nicht zuletzt die Bundestagswahl habe gezeigt, dass es eine starke Bewegung gibt hin zur Mitte, zu Integration und Gemeinschaft. Der Mensch ist nun mal ein geselliges Wesen. Wenn alle Beschränkungen fallen, werde auch das ehrenamtliche Engagement neuen Auftrieb bekommen, ist sich Opielka sicher.

Als Beweis führt er Länder wie Dänemark oder Schweden an, wo die Corona-Beschränkungen weitestgehend aufgehoben sind. Da zeige sich die Sehnsucht der Menschen nach Begegnung, nach Gemeinschaft und wie sie sich ihr "altes" Leben zurückerobern.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 06. Oktober 2021 | 18:00 Uhr

4 Kommentare

christian1711 vor 38 Wochen

Vielleicht sind es aber auch die Ehrenamtsstiftungen selbst bzw. die Vorstellungen eines klassichen Ehrenamts, die mittlerweile ein bisschen überholt sind?! Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich junge Leute schon ehrenamtlich engagieren bzw. engagieren würden. Nur: Wer möchte sich denn dazu vorab noch persönlich in eine Stiftung begeben und ein Beratungsgespräch in Anspruch nehmen (müssen)? Wer von der jüngeren Generation kann es sich denn noch leisten, sich langfristig an ein Ehrenamt zu binden?
Im Jahre 2021 würde eine Digitale EA-Börse, die von den EA-Stiftungen verwaltet wird mehr Sinn ergeben. Ganz nach dem Motto: "Hey, ich habe am kommenden Wochende mal 4 bis 5 Stunden Zeit. Ich streich mit nem Kumpel zusammen den Gartenzaun von Oma Erna". Aber Beratungsgespräch, langfristige Bindungen ... für den Bereich Ehrenamt ist das der Abtörner schlechthin.

DermbacherIn vor 38 Wochen

In Jena ist es so wie in vielen Thüringer Städten und Gemeinden auch, Aufgaben, die die Städte und Gemeinden leisten sollten, sollen plötzlich die Bürger leisten, dies sehen viele zu Recht nicht ein.
Wenn ich zum Beispiel sehe, wie viel die Stadt Gera für die Kultur in der Stadt unternimmt, kann man nur froh sein, in der Stadt Gera zu wohnen und nicht in Jena.

part vor 38 Wochen

Die Bundesregierung setzt Milliarden von Euro jährlich für zwecke ein, die nicht mehr nachvollziehbar sind, spart aber massiv an der Erhaltung und am Ausbau von Infrastruktur. Dazu gehört eben auch eine gewisse soziale Infrastruktur, die, wenn möglich über Ehrenamt beglichen werden soll und so die Aufgabe der staatlichen Daseinsfürsorge etwas untergräbt. Nun gibt es das Subsidiaritätsprinzip in diesem Land, das aber Organisationen die volle Leistung zusichert und Einzelpersonen mit Brosamen abspreisst. Ein überbürkratisierter Staat nebenher lässt noch weniger Freiraum für Einzelinitiativen, da diese zuerst einen Verwaltungsapparat bedienen müssen, obwohl es Aufgabe des Staates wäre für ein soziokulturelles Angebot zu sorgen.

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