Corona - und dann? Zwischen Albtraum und Chancen: Macht Fortschritt unser Leben besser?

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa sieht in der Corona-Pandemie einen "Albtraum der Moderne". In der Podcast-Serie "Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?" von MDR THÜRINGEN sagte der Forscher, das Virus drehe die Gesellschaft "radikal" um. Corona sei eine Art "Gegengift" zum gewohnten Fortschritt.

Normalerweise, so sagt Hartmut Rosa, würde die moderne Gesellschaft ständig beschleunigen und alles verfügbar machen. Wir seien es gewohnt, weiter hinaus ins Weltall und tiefer hinein in die Materie zu sehen, stets leichter und schneller alle Orte der Welt zu erreichen, Dinge zugänglich haben und immer mehr zu kontrollieren. Wir seien es gewohnt, uns die Welt "verfügbar" zu machen.

Und jetzt komme "so ein kleines unsichtbares Virus daher", das wissenschaftlich nicht erforscht sei, das die Gesellschaft weder technisch, noch medizinisch oder politisch unter Kontrolle bekomme. "Das ist wie ein Desaster, im Grunde das Gegenteil von Fortschritt".

Hartmut Rosa sieht darin Chancen für die Gesellschaft. Es sei jetzt Zeit zum Innehalten, zum Nachdenken, um Dinge anders zu machen, auch in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht.

Fortschritt führt auch zu "Nebenkosten"

Seit dem 18. Jahrhundert würden Menschen glauben, dass Fortschritt verbunden sei mit immer schnellerer technischer Entwicklung. Jetzt sei ein Punkt erreicht, darüber nachzudenken, was die "Nebenkosten" solcher Entwicklungen seien. Vielleicht mache der "Fortschritt", wie wir ihn verstehen, unser Leben nicht besser, sondern führe zu einer Einbuße an Lebensqualität.

Rosa vergleicht die Pandemie mit anderen Szenarien, die uns bedrohen könnten, beispielsweise der befürchteten Klimakatastrophe. Auch wenn die Gefahr real sei, müsse die Katastrophe nicht eintreten. Dafür müsse die Gesellschaft jedoch umdenken und handeln.

Chance zum Umdenken

Er sei optimistisch, so sagt Rosa, dass die Gesellschaft diese Möglichkeit erkenne und nutze. Beispiel Urlaub: Unser Reisen sei vor der Pandemie einer "erbarmungslosen Steigerungslogik unterworfen" gewesen. Menschen seien immer häufiger und kürzer in Urlaub gefahren. Als ob sie etwas suchten, was sie dann nicht kriegten.

Menschen würden sich im Urlaub überraschen lassen wollen, dann aber feststellen, dass auch im Urlaub alles wie gewohnt verfügbar sei - etwa wie eine Kreuzfahrt mit Polarlicht-Garantie, ein Winterurlaub mit Schneesicherheit und der Garantie, nicht zu frieren. Oder eine Safari, bei der sich der Löwe Punkt zwölf Uhr zum Foto aufstelle.

Damit würden sich die Menschen die Welt zwar verfügbar machen, aber sie ließen sich nicht auf eine Begegnung ein. Sie kehrten aus dem Urlaub nicht als "Verwandelte" zurück, sondern als "genau die Gleichen".

Soziologe Hartmut Rosa
Soziologe Hartmut Rosa Bildrechte: Jürgen Bauer

Coronavirus - die stille Bedrohung

Angesprochen auf Corona-Leugner und die zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft, sagte Rosa, ein Aspekt sei, dass das Virus als Bedrohung nicht zu "greifen" sei: "Also wir können dieses Ding nicht sehen, nicht hören, nicht fühlen, nicht riechen, nicht schmecken."

Viele Menschen hätten in ihrem Umfeld keine Erfahrungen mit Erkrankten. Er beobachte in der Gesellschaft so etwas wie eine "soziologische Verunsicherung", die Menschen würden sich, also ihrer eigenen Wahrnehmung und der der anderen, nicht mehr trauen. "Die anderen da draußen könnten gefährlich sein." Es liege etwas in der Luft, was selbst das Atmen verdächtig mache.

Wenn ich der Luft da draußen nicht mehr trauen kann, wieso soll ich dann den Experten und den Politikern trauen?

Hartmut Rose

Solch eine gestörte Welt-Beziehung könne sich leicht ins Politische verkehren. Nach dem Motto: "Ja, wenn ich offensichtlich meiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kann und der Luft da draußen nicht mehr trauen kann, wieso soll ich dann den Experten und den Politikern trauen? Vielleicht lügen die ja?" Rosa sagt, so etwas könne politische Konsequenzen haben und Verschwörungstheorien begünstigen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 20. März 2021 | 18:20 Uhr

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