Arbeitsplatz Mehr Homeoffice in Thüringen nach Corona - aber auch weniger Büros?

Auch nach Corona werden viele Menschen von zu Hause arbeiten. Ob der Bedarf an Büro-Immobilien zurückgeht, ist aber noch unklar. Denn: Auch wer nicht immer im Büro ist, bevorzugt einen festen Platz, sagt ein Soziologe.

Eine Frau arbeitet mit Kopfhörern im Homeoffice
Homeoffice wird wohl auch nach der Pandemie weiterhin möglich sein. Ob die Büro-Immobillien dadurch weniger werden, ist allerdings noch nicht abzusehen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Noch sind die Räume spärlich besetzt bei dotSource in Jena. Normalerweise würden in den Büros im Umfeld zwischen Post und Goethe Galerie etwa 300 Mitarbeiter arbeiten. Doch die Digitalagentur, die sich zum Beispiel ums Online-Marketing für ihre Kunden kümmert, musste im März 2020 fast alle Mitarbeiter ins Homeoffice schicken. "Wir haben alle Laptops. Wir konnten überraschend reibungslos so arbeiten", sagt Gründer und Chef Christian Otto Grötsch. Dass allerdings auch künftig viele Mitarbeiter von zu Hause arbeiten, glaubt er nicht.

Manche Branchenkenner vermuten, dass in einigen Teilen der Wirtschaft durch gute Erfahrungen mit Homeoffice künftig mehr Mitarbeiter von zu Hause tätig sein werden - und Unternehmen dann weniger Bürofläche brauchen. Grötsch sieht es so: Wenn jemand mehr als drei Tage pro Woche von zu Hause arbeitet, stelle sich schon die Frage: "Brauchst du dann noch einen eigenen Schreibtisch?".

Ein Drittel will weiterhin viel zu Hause arbeiten

In einer Umfrage unter dotSource-Mitarbeitern zeige sich: Immerhin ein Drittel wolle auch künftig verstärkt zu Hause arbeiten. Für die müssten zwar keine eigenen Plätze mehr vorgehalten werden, aber zumindest Orte, an denen heute ein Mitarbeiter sitzen könne und morgen ein anderer. So könne in Zukunft die Fläche pro Mitarbeiter im Schnitt um 10 Prozent zurückgehen. dotSource selbst hat zu Beginn des Jahres 1.500 Quadratmeter neue Büros in Betrieb genommen. "Wir gehen davon aus, dass wir weitere Fläche brauchen", sagt Grötsch. Klar umrissene Aufgaben könnten zu Hause erledigt werden. Etwa einen Programmier-Auftrag abarbeiten. "Aber jemandem etwas beibringen, sie einarbeiten, das geht hier besser."

Professor Klaus Dörre forscht einige hundert Meter entfernt an der Universität Jena zu Änderungen der Arbeitswelt. Der Soziologe hat schon vor der Pandemie beobachtet, dass Mitarbeiter in Büros dazu neigen, sich "ihre" Arbeitsplätze herzurichten, selbst wenn sie sich den Schreibtisch mit anderen teilen. Dörre: "Sie gehen zum gleichen Arbeitsplatz und hinterlassen persönliche Zeichen, Stofftiere, Aufkleber oder ähnliches". Die Menschen suchten auch am Arbeitsplatz Bindungen oder Kontakte zu bestimmten Kolleginnen oder Kollegen. Das dürften Firmen nicht übersehen.

Sie gehen zum gleichen Arbeitsplatz und hinterlassen persönliche Zeichen, Stofftiere, Aufkleber oder ähnliches.

Professor Klaus Dörre, Soziologe an der Universität Jena

Professor für Soziologie Klaus Dörre der Universität Jena.
Soziologe Klaus Dörre. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Forscher: Firmen fürchten Kontrollverlust

Dörre sagt, richtig gut funktionierten aus Firmen-Sicht bei der Arbeit von zu Hause nur Tätigkeiten mit sehr strikten Anweisungen - oder aber solche Mitarbeiter, die auch vorher schon sehr frei gewesen seien in ihrem Tun. "Viele Geschäftsführungen befürchten aber, mit mehr Homeoffice zusätzlichen Urlaub zu genehmigen." Dörre hält das für unbegründet, tatsächlich könnten viele Menschen zu Hause konzentrierter arbeiten. Wahrscheinlich seien für die Zukunft mehr gemischte Arbeitsformen. "Mit innovativen Modellen können Unternehmen in Thüringen Fachkräfte locken." Wer Homeoffice als Teil des Jobs anbieten könne, habe einen Wettbewerbsvorteil.

Auch Jörg Wanke spürt, dass manche Mitarbeiter gern von zu Hause tätig sein wollen. "Das merken wir in der Firma zum Beispiel an Nachfragen von Bewerberinnen", so der Immobilienmakler, der in Thüringen auch für den Immobilienverband IVD spricht. Einen Trend zu deutlich weniger Bürofläche sei noch nicht klar. Die Nachfrage sei derzeit verhalten. Aber nicht nur, weil mehr Menschen von zu Hause arbeiten wollten, sondern auch, weil Firmen wegen der Corona-Krise lieber abwarteten mit Expansion oder Neu-Einstellungen. Man dürfe aber nicht vergessen: Ein guter Heimarbeitsplatz sei eben ein bisschen mehr als ein Laptop am Küchentisch. "Da muss ich vernünftige Voraussetzungen schaffen", sagt er. "Mit entsprechender Möblierung." Dann könne es durchaus sein, dass der Platzbedarf in Privatwohnungen zunimmt, während in Büros etwas weniger Fläche gebraucht wird.

Mitarbeiter von Firma Dotsource im IT-Paradies in Jena
So könnte es nach der Pandemie wieder werden. Einige Mitarbeiter von dotSource werden aber - zumindest teilweise - auch weiterhin von zuhause arbeiten. (Archiv) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christian Otto Grötsch freut sich, dass in seiner Agentur bald wieder mehr los ist. "Kreativ sein, das geht vor Ort einfach besser." dotSource hat derweil in Jena das Gelände der Alten Feuerwache gekauft. Hier soll ein ganz neues Gebäude entstehen - und die Firma könnte in fünf Jahren auf bis zu 1.000 Mitarbeiter wachsen. Dafür braucht es dann auf jeden Fall mehr Platz, selbst wenn ein Teil der Mitarbeiter zu Hause bleibt.

Gewerbeimmobile 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mi 16.06.2021 19:00Uhr 02:01 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 16. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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