Corona - und dann? Corona-Krise: Jenaer Psychiater fordert offenes Ohr für Kinder

In der Corona-Pandemie rücken ihre Bedürfnisse zu oft in den Hintergrund: Kinder und Jugendliche seien die Hauptleidtragenden der Krise, sagt der Psychiater Florian Zepf. Er arbeitet an der Universitätsklinik in Jena und erlebt dort die Folgen der Krise für die psychische Gesundheit. Mit Rainer Erices hat er für unsere Serie "Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?" über die Auswirkungen von Lockdown, Distanzunterricht und Isolation zu Hause gesprochen.

Florian Zepf von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Jena
Florian Zepf ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Jena. Bildrechte: Universitätsklinikum Jena/Michael Szabó

Der Jenaer Kinderpsychiater Florian Zepf fordert angesichts der Corona-Pandemie mehr Fürsprache und Unterstützung für Kinder und Jugendliche. Wichtig sei vor allem, dass Eltern in dieser Zeit für Sorgen und Nöte ansprechbar blieben, sagte der Forscher und Universitätsprofessor dem MDR THÜRINGEN.

Die Situation habe sich für viele Kinder und Jugendliche deutlich verschlechtert: Der klinische Alltag zeige, dass sich bei vielen die Pandemie sehr negativ auf die psychische Gesundheit auswirke - beispielsweise in Form von Depressionen und vermehrten Angstsymptomen. Diese Befunde würden durch aktuelle Forschungsdaten gestützt. Betroffen seien vor allem vorbelastete Kinder und Jugendliche. Die Folgen der Pandemie insgesamt seien bislang noch nicht abzuschätzen.

Eltern sind in der Corona-Zeit nicht machtlos: Sie können den Tag strukturieren, auf gesunde Ernährung, Sport und Bewegung achten - und auch mal auf den Verzicht von Medienkonsum.

Kinderpsychiater Florian Zepf, Universitätsklinikum Jena

Kinder als Hauptleidtragende der Pandemie

Zepf sagte, Kinder und Jugendliche hätten oftmals eine sehr hohe Anpassungsfähigkeit. Aber das könne man nicht verallgemeinern. Es gebe sicherlich Kinder und Jugendliche, die Homeschooling und Distanzunterricht gut bewältigen würden. Manche hätten bessere Voraussetzungen, etwa soziale, individuelle oder technische Unterstützung vom Elternhaus. Das variiere jedoch "sehr, sehr stark". Außerdem dürfe man Kindheit und Jugend nicht auf Schule reduzieren. Schule sei ein ganz wesentliches und strukturgebendes Element. Aber Kindheit und Jugend bestünden eben auch aus Freundschaften, aus Hobbys, Freizeit und anderen Aspekten der sozialen Teilhabe. Deswegen betrachte er insgesamt Kinder und Jugendliche als Hauptleidtragende der Pandemie.

Ein Mädchen mit Schultüte und Corona-Maske 13 min
Bildrechte: imago images / MiS

Man muss aufpassen, dass man Kindheit und Jugend gerade nicht nur auf Schule reduziert.

Kinderpsychiater Florian Zepf, Universitätsklinikum Jena

Ablösung von den Eltern durch eigenes soziales Umfeld erschwert

Beispielsweise müssten Jugendliche in ihrer natürlichen Entwicklung lernen, sich vom Elternhaus abzulösen. Gerade für sie sei dabei das Zusammensein mit anderen Gleichaltrigen ganz wichtig. Damit sinke der elterliche Einfluss. Der Lockdown sei also eine zusätzliche Herausforderung. Es passe nicht gut zusammen, wenn man lernen soll, sich von den Eltern erfolgreich abzulösen, gleichzeitig aber die meiste Zeit zusammen mit ihnen verbringen müsse. Da könne man sich gut vorstellen, dass es vermehrt zu Konflikten in den Familien kommt.

Ein anderes schwieriges Kapitel sei der Kinderschutz. Wenn es zu Gewalt in Familien kam oder komme, und nunmehr die Familien räumlich zusammenrücken müssten, dann bestehe ein Risiko, dass Kinder und Jugendliche wiederholt zu Opfern werden. Es sei wichtig, dass Betroffene wüssten, wo sie Hilfen erwarten könnten. In Zeiten der Pandemie jedoch seien Hilfsangebote teilweise nicht verfügbar, Lehrer und andere Vertrauenspersonen nicht erreichbar.

Für ihn, so sagte Zepf, sei die Corona-Pandemie wie ein Brennglas für Dinge unserer Gesellschaft, die nicht gut funktionierten und auch für einige Dinge, die gut funktionieren würden. Der Staat rette Unternehmen mit viel Geld. Das wolle er nicht anzweifeln. Allerdings stelle sich für ihn die Frage: "Wer hat eigentlich eine Lobby? Und wer hat keine Lobby?"

Es wird nicht ohne Investitionen gehen, aber die werden sich langfristig auszählen.

Kinderpsychiater Florian Zepf, Universitätsklinikum Jena

Die Gesellschaft insgesamt habe, so Zepf weiter, ein pures Eigeninteresse, gerade jetzt Kinder und Jugendliche wirklich sehr, sehr ernst zu nehmen. Pandemien könnten sich wiederholen. Für eine solche neue Realität sollten Kitas und Schulen vorbereitet werden, es müssten digitale und bauliche Voraussetzungen geschaffen werden. Die Frage sei, wie viel die Gesellschaft in die junge Generation bereit sei zu investieren. Hier biete die Krise auch Chancen. Diese müssten möglichst rasch ergriffen werden.

Ein Mädchen sitzt vor einem Laptop über Hausaufgaben.
Unterricht zu Hause: Pandemien könnten sich wiederholen, wie der Jenaer Kinderpsychiater Florian Zepf sagt. Darauf sollten die Schulen vorbereitet werden. Bildrechte: MDR/Juliane Maier-Lorenz

Nur mit Unterstützung könnten Kinder und Jugendliche die schwierigen gegenwärtigen Herausforderungen überwinden und daran wachsen, um so auch die Corona-Monate nicht als verlorene Zeit zu erleben.

Man möchte niemandem Hilfen absprechen, aber man darf die Kinder und Jugendlichen einfach nicht vergessen.

Kinderpsychiater Florian Zepf, Universitätsklinikum Jena
Kinder- und Jugendpsychiater Florian Zepf aus Jena 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 13. März 2021 | 06:20 Uhr

2 Kommentare

Tpass vor 13 Wochen

Von den schlimmen Folgen der Psychischen Erfahrungen der Kinder kann man sich gut vorstellen. Selbstständige Motivation zu Hause und dann keine Kontakte? Doch wenn sie dann wieder zur Schule 🏫 kommen und sehen nach 3 Monaten das in der Schule nichts vorbereitet ist auf Abstand und Hygiene dann fragen sie sich was ist hier los. Wir Eltern verstehen es auch nicht. Wie sollen sie Hygiene Maßnahmen umsetzen wenn es nicht mal warmes Wasser auf den Toiletten gibt. Aber Millionen werden für die Buga in Thüringen ausgegeben. Anscheinend ist die Präsentation des Freistaates wichtiger als unsere Kinder und deren Zukunft. Dankeschön Herr Bausewein für die tolle Arbeit ?

maddin vor 13 Wochen

Alles sehr, sehr schlimm, was hier geschildert wird. Es wäre natürlich toll, hier schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen, aber wie soll oder kann das finanziell überhaupt noch gestemmt werden? Neue bauliche Voraussetzungen schaffen, mehr Personal in Kindergärten und Schulen plus dem medizinischen Bereich. Es reicht doch jetzt schon vorne und hinten nicht (wer hat denn sofort wieder einen ganz normalen Hausarzt gefunden, wenn sein bisheriger in den Ruhestand gegangen ist? Von den Facharztterminen ganz zu schweigen!) Von Thüringens Finanzlage erwarte ich da rein gar nichts mehr und der Bund steckt ja wohl auch in gigantischen Miesen! Und nur Geld drucken ist auf Dauer ja auch noch nie gut ausgegangen.

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