Pilotprojekt Wie ein Netzwerk Crystal-Meth-abhängigen Schwangeren hilft

Sie fallen in den meisten Fällen niemandem groß auf, bekommen selbst erst spät mit, dass in ihrem Bauch ein Kind wächst - drogenabhängige Schwangere in Thüringen. Wie hoch deren Zahl ist, wird nicht erfasst. Dass es sie gibt, wird spätestens dann klar, wenn sie im Kreißsaal liegen. Und dann ist die Not groß. Denn Frauen, deren Leben etwa von Crystal Meth bestimmt wird, verursachen auf der Entbindungsstation oft Unruhe und haben einen erhöhten Hilfebedarf.

Damit Schwangere, die abhängig von Crystal Meth sind, im System nicht hinten runterfallen oder gar durchrutschen, wurde vor gut einem Jahr das Pilotprojekt "Clean4us", zu Deutsch "Sauber für uns" ins Leben gerufen. Initiiert vom Thüringer Gesundheitsministerium und dem Uniklinikum Jena soll ein dichtes Netzwerk drogen-, insbesondere Crystal-Meth-abhängigen Frauen dabei helfen, ein Leben ohne die Erkrankung zu führen, gemeinsam mit ihrem Kind.

Viele Betroffene aus dem Jenaer Umland

Seit Herbst ist das Pilotprojekt am Uniklinikum Jena so richtig angelaufen, wegen der Corona-Pandemie später als eigentlich geplant. Mehr als 20 betroffenen Frauen konnte bereits geholfen werden. Viele Klientinnen kommen aus dem Jenaer Umland. Die Abhängigkeit von Crystal Meth ist aber ein landesweites Problem.

Nahaufnahme von Crystal Meth
Crystal Meth oder Methamphetamin ist eine synthetisch hergestellte Substanz, die in Form kleiner Kristalle oder als Pulver verkauft wird. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Thüringer Landesstelle für Suchtfragen (TLS) geht allein von mehr als 13.000 Crystal-Meth-Abhängigen im Freistaat aus. Viele davon sind Männer, doch auch immer mehr Frauen sind abhängig von der Droge, die aufputscht und dem Leben scheinbar mehr Leichtigkeit verleiht. Das Projekt soll deshalb auch kein Jenaer Modell bleiben, sondern später auch auf andere Landkreise in Thüringen übertragen werden.

In den vergangenen Jahren stieg bereits die Zahl der Frauen, die abhängig von Marihuana und Alkohol sind, im Uniklinikum Jena kontinuierlich an. "In den letzten Jahren ist die Einnahme von Crystal Meth und anderen Amphetaminen immer mehr in den Vordergrund gerückt und das ist eine Bedrohung - für die Frauen, aber auch für die ungeborenen Kinder", sagt Professor Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin in Jena.

Ein Mann steht vor einer Wand.
Prof. Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Uniklinkum in Jena. Bildrechte: MDR/ Reinhard Müller

Zusammenarbeit verschiedener Netzwerkpartner

Das Pilotprojekt soll die betroffenen Frauen auffangen, sie in ein für sie passendes Hilfesystem eingliedern, möglichst schon vor der Entbindung. Dabei sollen verschiedene Netzwerkpartner wie Jugendamt, Suchthilfeberatung, Frauenärzte, und Hebammen helfen. "Es ist schwierig, diese Frauen zu erreichen, denn sie stehen oftmals unter einem großen Druck, sei es, weil sie schon Kinder zu Hause haben, oder weil sie sich an Auflagen halten müssen", weiß Liane Menke, die Koordinatorin des Pilotprojekts.

Bei ihr laufen die Zügel zusammen, sie vermittelt zwischen den abhängigen Frauen und den Netzwerkpartnern - und das bis zu einem Jahr nach der Geburt des Kindes. Denn das setzt anfangs große Ressourcen frei.

Ich habe bisher keine Frau erlebt, die gesagt hat, ich will das Kind nicht, aber auch keine, die früh zur Tür rausgegangen ist und gesagt hat, ich möchte jetzt suchtabhängig werden.

Liane Menke, Koordinatorin

Eine Frau steht vor einem Fenster.
Liane Menke, Koordinatorin des Pilotprojekts "Clean4us". Bildrechte: MDR/ Reinhard Müller

Babys kommen oft zu früh zur Welt

Die Droge, mittlerweile schnell und einfach zu haben in Thüringen, macht mehr Lust auf Sex und lässt Hemmungen fallen. Eben auch die, mit Kondom und Pille zu verhüten. Crystal Meth verändert den Zyklus der Frauen, die dadurch ihre Schwangerschaft meist erst spät bemerken und anderen eben erst im Kreißsaal auffallen. Die Babys kommen oft zu früh zur Welt, sind unterentwickelt und können nur selten bei den Müttern bleiben, wenn sie ihre Sucht nicht in den Griff bekommen.

Zwei Hände halten einen Zettel mit Hinweisen zum Projekt
Das projekt "Clean4us" soll zunächst drei Jahre lang laufen. Bildrechte: MDR/ Reinhard Müller

Drei Jahre lang soll das Projekt laufen und danach im besten Fall fortgesetzt werden. Denn der Bedarf ist da und wird nur noch größer. Und das Ziel bleibt immer gleich: Drogenabhängigen Frauen dabei helfen, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen - gemeinsam mit ihrem Kind.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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