Internationaler Frauentag Frauenstreik in Jena: Es hat sich nicht genug getan

Zum einhundertsten Jubiläum des institutionalisierten Frauentags zieht das Frauen*streik-Bündnis auf mehreren Kundgebungen Bilanz. Und die fällt nicht besonders gut aus. Nach wie vor werden Frauen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens diskriminiert. Durch ihre unermüdliche Pflege- und Sorgearbeitet sind sie der Kitt der Gesellschaft. Aber gedankt wird es ihnen zumeist - wenn überhaupt - nur mit Applaus und Schnittblumen.

Frauen demonstrieren
Statt Blumen soll am Internationalen Frauentag lieber Aufmerksamkeit geschenkt werden. Für Themen, die Frauen wichtig sind. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Mit einem bunten Strauß einmal im Jahr lässt sich das Jenaer Frauen*streik-Bündnis nicht abspeisen. "8. März ist alle Tage - das ist eine Kampfansage!" war der am häufigsten skandierte Slogan der mehr als 150 Teilnehmer*innen. Seit drei Jahren kämpft es vehement für die Rechte von Frauen, aber auch für die von nicht-binären Menschen und Inter- und Trans-Personen. Letztere sind auch immer mitgemeint durch das Gender-Sternchen von Frauen*streik. Mit im Bündnis sind das Frauenzentrum Towanda, die Seebrücke, der Verein Iboamérica, das Theaterhaus, Gewerkschaften und Pfleger*innen des Uniklinikums.

Mehrere Frauen stehen mit Banner auf einem Platz
Auch Frauen aus dem Klinikum waren bei der Kundgebung dabei. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Pflege wird immer wichtiger

Direkt vor deren Tür forderten sie am Montagnachmittag höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen für die Jenaer Pflegerkräfte. "Wir haben sie bereits vor zwei Jahren bei ihrem Kampf für den Entlastungstarifvertrag unterstützt", erklären Almuth Emmelmann und Sonya Hofer vom Frauen*streik-Bündnis. Mit Blick auf eine alternde Gesellschaft und die Corona-Krise zeige sich, dass Pflege immer wichtiger wird, immer personalintensiver.

Dazu gehört für das Bündnis faire Arbeitsbedingungen für die in der Sorge tätigen Menschen. Das gehe aber nur, so Emmelmann und Hofer, wenn sich die Pflege an den Patient*innen ausrichten könne. "Die Fallpauschale muss abgeschafft werden. Krankenhäuser dürfen nicht profitorientiert arbeiten." Kurz gesagt: "Krankenhaus statt Fabrik", wie auf einem Transparent auf der Kundgebung vor dem Uniklinikum zu lesen ist.

Menschen protestieren auf einem Platz
Insgesamt hatten sich etwa 200 Menschen zum Demonstrieren getroffen. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Vielleicht bald Streik der Frauen

Nach einer Stunde ziehen die Teilnehmer*innen weiter. Und es werden mehr. Fast 200 stehen auf dem Allende-Platz neben einem Einkaufszentrum. Dort fordern sie zum feministischen Streik auf.

Frauen demonstrieren
Eingeladen waren alle, die etwas ändern wollen. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Noch in einer symbolischen Geste, aber vielleicht, erklären die Vertreterinnen des Bündnisses, seien sie in ein paar Jahren wirklich in der Lage, zum einem Streik der Frauen aufzurufen, der die Gesellschaft lahm legen könne. Ein Streik nicht bestimmter Berufsgruppen oder Institutionen, nein, ein Streik qua Geschlecht oder derjenigen, die sich zur Frauen*streik-Bewegung hinzurechnen. "Damit könnten wir eine Veränderung des Verhaltens aller Menschen herbeiführen." Denn immer noch arbeiteten vor allem Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen. "Und die werden durch einen Frauen*streik sichtbar."

Damit könnten wir eine Veränderung des Verhaltens aller Menschen herbeiführen

Frauen*streik-Bündnis

Die Teilnehmer*innen sind wütend und laut. Und das mit recht. Denn noch immer werden Männer besser bezahlt als Frauen. Noch immer ist der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-Vorstände marginal (auch wenn er langsam steigt), noch immer sind Frauen an hohen Positionen der Hochschulen unterrepräsentiert, noch immer ist sexualisierte Gewalt an der Tagesordnung, noch immer wird jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht, noch immer werden Frauen durch die Paragraphen 218 und 219a in ihrer Selbstbestimmung beschnitten, noch immer hängt die Pflege- und Sorgearbeit zu Hause oder im Beruf größtenteils an den Frauen, noch immer sind Frauen stärker als Männer von Altersarmut betroffen, noch immer ... Dieser Satz ließe sich ewig fortsetzen. Keine gute Bilanz zum 100. Jubiläum des Weltfrauentags. Es hat sich etwas getan - aber längst nicht genug.

Menschen stehen auf einem Platz
In Weimar hatte das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus (BgR) zur Frauentags-Demo aufgerufen. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Pflege und Sorge finden meist ungesehen statt

Apropos Sorgearbeit. Bezahlt oder Unbezahlt. Sie liegt, wie gesagt, größtenteils in der Hand von Frauen. Und diese gesellschaftliche (Selbst-)Erwartung ist oft auch ein Grund, warum Frauen beruflich nicht immer dort hinkommen, wo sich vergleichbar qualifizierte Männer tummeln. Pflege und Sorge, die Grundlage für das reibungslose Funktionieren unserer Gesellschaft (eben nicht der Kapitalismus) finden meist ungesehen und oft un- oder zu wenig entlohnt statt ("Klatschen reicht nicht mehr"). Frauen sorgen in den Familien, in den Krankenhäusern und Pflegeheimen, in den Grundschulen und Kitas. Damit das ein für alle mal klar wird, hat sich das Frauen*streik-Bündnis einen Platz dafür genommen. Nach einer hochemotionalen Zeremonie am Nachmittag hat eine im Volksmund "Karl-Marx-Platz" genannte Fläche in Lobeda-West nun einen neuen Namen - wenn auch nur symbolisch: "Platz für Sorge".

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. März 2021 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Thueringer Original vor 4 Wochen

"So lange Frauen nicht zu 50% der Sitze in Parlamenten haben, ist die Gleichberechtigung nicht gegeben. Glauben Sie wirklich, dass von Männern geübte Politik Fraueninteressen berücksichtigt?"
Das mag vielleicht Ihre subjektive Meinung sein, ist objektiv aber wahrscheinlich falsch. Denn die Gleichbehandlung gewähren in Deutschland die Gesetze und das Grundgesetz. Sollten Sie sich als Frau zu unrecht als ungleichbehandelt fühlen, steht Ihnen der Klageweg offen. Zu Ihrer Frage: Ja, ich glaube, dass auch Politiker die Interessen von Frauen berücksichtigen können, wenn die Gesetze von Parlamenten beschlossen worden, in denen der Männeranteil den Frauenanteil überwiegt.

elisa K vor 4 Wochen

Hier wird fälschlicherweise vorgegaukelt, dass Männergewalt gegenüber Frauen in der westlichen Welt nicht verbreitet wäre. Es lohnt sich, in die Statistik einen Blick zu werfen. So lange Frauen nicht zu 50% der Sitze in Parlamenten haben, ist die Gleichberechtigung nicht gegeben. Glauben Sie wirklich, dass von Männern geübte Politik Fraueninteressen berücksichtigt? Es kommt nicht von ungefähr, dass in Skandinavien die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser funktioniert, wo Frauen vielerorts das sagen haben und entscheiden, wohin die öffentlichen Gelder fließen. Je besser Frauen aus der finanziellen Abhängigkeits-
spirale lösen können, desto weniger Gewalt gibt es. Das gilt weltweit und auch in Deutschland.

Tacitus vor 4 Wochen

Das ist ja ein Artikel wie vom Basistreffen der "Grünen Jugend". Der Autor schreibt tatsächlich, dass Frauen nach wie vor in allen Lebesnbereichen diskriminiert werden, und nennt die Gendersternchen einen Beitrag für Frauenrechte. Ich bin mir nicht sicher, vielleicht meint er das sogar so.
Wirkliche Probleme von Fraununterdrückung werden nicht angesprochen:
In Deutschland gibt es über 70000 Fälle von weiblichen Genitalbeschneidungen, Tendenz steigend, es gibt über 1500 Kinderehen, davon 361 mit weiblichen Partnern unter 14 Jahren- in Deutschland! Da wird der Genderstern nicht helfen.

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