Geburtshaus Jena Spezielle Kurse helfen verwaisten Müttern

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Kaum begann ihr Leben, ist es schon wieder zu Ende. Sternenkinder sind Kinder, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Das Geburtshaus Jena bietet jetzt spezielle Kurse für verwaiste Mütter an. Eine davon ist Nicole, die ihren Sohn kurz vor Ende der Schwangerschaft verloren hat. Er wäre jetzt acht Monate alt.

Petra Tremel, Hebamme, steht vor einer Wand
Hebamme Petra Tremel bietet Rückbildungsgymnastik für verwaiste Mütter an. Sie ist Mitbegründerin des Geburtshauses. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Petra Tremel hatte schon lange über Hilfsangebote für verwaiste Frauen nachgedacht. Dann kam die Idee mit den speziellen Rückbildungskursen für Mütter, die ihr Kind verloren haben.

Hier wird nicht über durchwachte Nächte und Windelmarken diskutiert, hier können sich die Frauen mit anderen verwaisten Müttern über ihre Erfahrungen und ihre Trauer austauschen. Und sich natürlich neben der Seele auch um ihren Körper kümmern. "Hier im Kurs sind sie ganz normale Mütter, auch wenn sie kein Kind haben", erzählt die Hebamme. Und es hilft beim Trauern, wenn man Menschen trifft, die das eigene Schicksal teilen.

Schild am Eingang vom Geburtshaus Jena
Alle Eltern werden im Geburtshaus Jena liebevoll begrüßt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Eine davon ist Nicole. Die junge Frau hat sich immer die ganze Woche auf den Kurs gefreut. "Wir hatten sofort eine Verbindung zueinander, treffen uns inzwischen auch außerhalb des Kurses." Sie hat ihren Sohn kurz vor Ende der Schwangerschaft verloren. Eines Tages hatte er sich nicht mehr bewegt. Auf das, was dann passierte, war sie in keiner Weise vorbereitet.

Zu wenig Empathie im Krankenhaus

Auf dem Weg zum Krankenhaus wusste Nicole schon, dass etwas Furchtbares geschehen war. Einige Untersuchungen folgten, aber es war schnell klar: Der kleine Liu war tot, gestorben in ihrem Bauch. Ganz sachlich hatte die Ärztin ihr das mitgeteilt und dann auch gleich Entscheidungen gefordert. "Du hast keine Zeit, dich zu fassen, den Schock zu verdauen", erzählt Nicole.

Sie sollte nicht nur über die spätere Bestattung entscheiden, sondern auch über die Geburt. Bis dahin war der jungen Frau aber gar nicht klar, dass sie ihren toten Sohn erst noch zur Welt bringen musste. Denn darauf wird keine Schwangere vorbereitet. "Ich habe erst danach gemerkt, wie viele Frauen das durchgemacht haben. Aber das ist ein absolutes Tabu-Thema". Eigentlich findet sie, muss das in jedem Vorbereitungskurs besprochen werden, um den Schwangeren ein bisschen Sicherheit zu geben.

Ein Körbchen mit Infos für junge Eltern
Seit 1998 gibt es das Geburtshaus in Jena, pro Jahr gibt es hier 70 - 90 Geburten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Stiller Abschied von ihrem Sohn

Nicole musste jedenfalls erstmal raus aus dem Krankenhaus. Sie wollte in Ruhe Abschied nehmen von dem Kind in ihrem Bauch. Ein Spaziergang, ihre gewohnten Rituale aus der Schwangerschaft, für all das nahm sie sich Zeit. Und dann, am Tag vor ihrem Geburtstag, wurden die Wehen eingeleitet und der Kleine geboren. "Das zeigt unsere enge Verbindung irgendwie."

Vor dem Moment allerdings, in dem sie ihr totes Baby sehen würde, hatte Nicole in diesen Stunden am meisten Angst. "Aber am Ende war das der schönste Augenblick. Der friedvollste, schönste Moment." Und dann erzählt sie von den schwarzen Locken ihres Sohnes, seiner Stupsnase und seinem Baby-Geruch. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und seitdem ist Liu bei ihr, in jeder Minute. Und wenn sie Schwierigkeiten hat, hilft ihr das: "Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren. Deshalb macht mir jetzt überhaupt nichts mehr Angst."

Nicole H., verwaiste Mutter, mit einer Kiste in der Hand
Nicole hat im Frühjahr ihren Sohn Liu tot zur Welt gebracht. "Mein Sohn ist immer da", sagt sie, "nur eben anders." Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Bestattet wurde Liu auf dem Sternenkinderfeld der Uni-Klinik. Das ist inzwischen zu einem wichtigen Ort für Nicole geworden. Am Sonntag wollte sie sich dort eigentlich mit all den anderen verwaisten Eltern zu einer Gedenkfeier treffen, wegen Corona findet die jetzt nur online statt. Wieder ein wichtiger Kontakt, der fehlt.

Gedenktag für Sternenkinder: Worldwide Candle Lighting 2020 Sternenkindern wird am zweiten Sonntag im Dezember mit einem "Weltweite Kerzenleuchten" gedacht. An diesem Weltgedenktag geht ein Licht um die Welt. Betroffene Familien stellen um 19 Uhr brennende Kerzen in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle in 24 Stunden die ganze Welt umrundet. Jedes Licht im Fenster steht für ein Kind, das verstorben ist und für das Wissen, dass diese Kinder nie vergesssen werden.

Aus der Gesellschaft ausgeschlossen

Auch darüber konnte sie mit den anderen Frauen im Kurs des Geburtshauses sprechen. Denn viele machen die gleichen Erfahrungen: "Wir werden einfach nicht wahrgenommen." Natürlich weiß Nicole, dass das keine böse Absicht ist. Die Menschen wissen einfach nicht, wie sie mit verwaisten Eltern umgehen sollen. Aus Unsicherheit wird oft ein zu großer Abstand gehalten. Und das macht es für Nicole noch schlimmer. Sie hat das Gefühl, zu vereinsamen. "Ich bin ja eine Mama, mein Sohn ist immer da. Nur eben anders." Deshalb will sie nach ihm gefragt werden, will über ihn reden.

Geburtskissen für ihr Kind
Was bleibt ist das Geburtskissen, das so schwer ist, wie der kleine Liu bei seiner Geburt war. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und sie will auch über ihre Schuldgefühle reden. Immer wieder fragte sie sich "Was hab ich falsch gemacht? Hab ich irgendwelche Anzeichen übersehen?" Natürlich nicht. Aber dass sich niemand traut, sie zu fragen, tut weh. "Deshalb ist dieser Kurs so wichtig. Und er müsste eigentlich länger gehen."

Das findet auch Petra Tremel. Denn diese Treffen sind deutlich intensiver als die "normalen" Rückbildungskurse, werden aber von der Krankenkasse genauso behandelt. Die Frauen sollen trotzdem nicht mit Zusatzkosten belastet werden. "Nur hier im Kurs sind sie ganz einfach Mütter. Woanders werden sie immer als beschädigt wahrgenommen." Und deshalb startet im Januar der nächste. Und Petra Tremel freut sich jetzt schon auf die Begegnung mit ganz besonderen Frauen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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