Verkehrspolitik Fake News: Unbekannte rufen autofreie Innenstadt in Jena aus

Über Nacht schien in Jena ein Sinneswandel der Stadtverwaltung geschehen zu sein: Auf Plakaten und im Internet kündigte die Kommune eine autofreie Innenstadt ab 1. Mai an - mit Oberbürgermeister Thomas Nitzsche als Botschafter. Jedoch: Alles frei erfunden, Urheber unbekannt. Nitzsche gibt sich entspannt und verweist darauf, dass die Autofrei-Forderung mehrfach keine Mehrheit gefunden hat.

In Jena haben Unbekannte Bewohner und Stadtverwaltung mit einer Guerilla-Werbekampagne für eine autofreie Innenstadt provoziert. Über Nacht wurden unter anderem in den Werbeleuchtkästen von Haltestellen Plakate im Look der Stadtverwaltung aufgehängt, auf denen ein autofreies Gebiet zwischen Fürstengraben und Paradiesbahnhof und ost-westlich vom Anger bis zur Carl-Zeiss-Straße ab 1. Mai angekündigt wird. Parallel wurde die Website jenaautofrei.info freigeschaltet - mit einem Impressum, das die Stadt Jena als Urheber ausweist. Sowohl auf den Plakaten als auch auf der Website wurde Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) in ein Foto eines langhaarigen Radfahrers montiert.

Plakat der falschen Jena autofrei-Kampagne an der Haltestelle Teichgraben in der Innenstadt von Jena
Plakat der falschen Jena autofrei-Kampagne an der Haltestelle Teichgraben in der Innenstadt von Jena. Bildrechte: MDR/Anke Preller

Stadtsprecher: "Reine Satire"

"Die Plakate sind reine Satire", sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Kristian Philler, am Mittwoch. Es handele sich um eine frei erfundene Geschichte und keine offizielle Kampagne. Grundsätzlich werde man locker darauf reagieren und diejenigen, die Anfragen gestellt haben, aufklären. Einige Bewohner und Bewohnerinnen hätten sich schon nach einer Ausnahmebescheinigung erkundigt, wie es auf den Plakaten und auf der Website in Aussicht gestellt wird. Der Sprecher sagte, ein autofreies Jena werde es in naher Zukunft nicht geben. Ein kompletter Ausschluss des Verkehrs bleibe erst einmal unrealisierbar. "Die Innenstadt soll verkehrsberuhigter werden", so Philler. Die Verwaltung arbeite an Plänen. "Das dauert aber alles noch."

OB Nitzsche: Forderung fand mehrfach keine Mehrheit

Oberbürgermeister Nitzsche bezeichnete die Aktion als "witzig", auch er habe schmunzeln müssen. Die zahlreichen Anrufe und Mails an die Stadtverwaltung aus der Bevölkerung deuteten jedoch darauf hin, dass die Kampagne nicht von jedem und jeder verstanden werde. Die unbekannten Macher der Kampagne würden sich außerhalb ihrer Blase keinen Gefallen tun. Die erhobenen Forderungen hätten im politischen Raum mehrfach keine Mehrheit gefunden. An die Macher gerichtet, sagte Nitzsche: "Wer für eine autofreie Stadt ist, soll mit seinem Gesicht dafür eintreten und nicht meines dafür missbrauchen."

Antrag auf autofreie Kernstadt erst im November abgelehnt

Der Stadtentwicklungsausschuss des Jenaer Stadtrats hatte erst im November eine Vorlage für eine autofreie Kernzone in der Stadt abgelehnt. Die Vorlage war vom Beirat für Klimaschutz eingebracht worden. Zur Begründung hieß es, die Vorlage sei rechtlich nicht haltbar.

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Mi 10.10.2018 14:42Uhr 01:07 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/video-autofreies-leipzig100.html

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Quelle: MDR THÜRINGEN/seg

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 03. März 2021 | 13:00 Uhr

46 Kommentare

mensrea vor 6 Wochen

Ja, immer diese freilaufenden, wilden Autos, die niemandem gehören belegen den ganzen Platz. Autofrei heißt ganz einfach nix weiter außer dass alles doppelt so aufwändig ist und doppelt so lange dauert.

DER Beobachter vor 6 Wochen

Unfug. Richtig ist, dass manche das jetzt genauer überlegen. Die Binnen(anschluss)Flüge hier müssten nicht so sein und ansonsten zahlt man zum Ausgleich halt höhere Kerosinsteuer. So what?

Tina M vor 6 Wochen

Nun ja, eine autofreie Stadt klingt verlockend. Bedeutet für Jena aber ganz oder gar nicht.
Auf Grund der besonderen Kessellage, die Jena in seinen engen Möglichkeiten begrenzt, bedeutet autofrei allenfalls, dass der Löbdergraben frei bleibt. Vllt noch die Fischergasse. Das war's dann aber auch schon. Aber die sind eh schon wenig befahren. Alle anderen Trassen dienen der Durchfahrt von Süd nach Nord, von Ost nach West. Und da geht's nun mal nur durch die Stadt. Will man das unterbinden, müssen Strecken außerhalb Jenas geschaffen werden, entweder Brücken vor oder Tunnel durch die Berge.
Ein schnelleres umsetzbares Konzept wären Einbahn- und Ringstraßen.

Aber wie gesagt, das ist alles subjektiv von mir. Einer selbst genervten Autofahrerin, bis ins Zentrum. Weil nicht mal genügend P&R Plätze vor den Toren der Stadt zu finden sind. Eigentlich gar keine....

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