Gegen die Angst Psychologin hilft Patienten und Angehörigen auf Covid-19-Intensivstation

MDR THÜRINGEN-Reporter Olaf Nenninger
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

In gut einem Monat soll am Corona-Gedenktag an die Opfer der Covid-19-Pandemie erinnert werden. Fast 75.000 Menschen sind in Deutschland bislang an dem Virus gestorben - in Thüringen sind es inzwischen fast 3.200. Etwa drei Prozent der bestätigten Fälle überleben die Krankheit nicht. Wer mit heftigen Atemproblemen auf die Intensivstation kommt, hat zumeist Todesangst. So beschreibt es Dr. Teresa Deffner. Sie ist Psychologin auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Jena.

Blick durchs Fenster eines Behandlungszimmers der Intensivstation.
Für viele Patienten eine Horrorvorstellung: Auf einer Intensivstation behandelt zu werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer als Patient auf die ITS 1 der Uniklinik Jena kommt, muss zumeist künstlich beatmet werden. Die Covid-Intensiv-Station ist ein Bereich mit höchster Hygiene-Stufe. Per se schon ein Umfeld, das Angst machen kann: Personal in Vollschutzanzügen, das sich in einem piependen Wald medizinischer Geräte bewegt.

Bei einer schweren Covid-19-Infektion haben die Erkrankten das Gefühl zu ersticken. Das löst eine Ur-Angst des Menschen aus. Teresa Deffner hat damit täglich zu tun. Die promovierte Psychologin ist eine der wenigen ihres Fachs, die fest in ein Team auf der Intensivstation einer deutschen Klinik integriert ist.

Psychologin als Verbindung zwischen Patienten und Angehörigen

Teresa Deffner sieht sich als Scharnier zwischen den Patientinnen und Patienten und den Angehörigen. Sie erklärt beiden Seiten geduldig, was in den kommenden Wochen auf sie zukommt und vermittelt den Kontakt zwischen drinnen und draußen - oft über Videotelefonate mit einem Tablet-PC.

Den bringt sie dann den Patientinnen und Patienten ans Bett. Dabei spielt es keine Rolle, ob die oder der Erkrankte bei Bewusstsein ist oder nicht. Wegen des Besuchsverbot ist das die einzige Möglichkeit, dass sich die auseinander gerissenen und besorgten Familien sehen und hören können.

Psychologin Teresa Deffner vor dem Jenaer Uniklinikum
Psychologin Teresa Deffner versucht der Angst von Patienten und Angehörigen im Gespräch zu begegnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Patienten plagen oft existenzielle Sorgen

Bereits bei der Aufnahme auf die Station ist Teresa Deffner mit den existentiellen Sorgen der Erkrankten konfrontiert: "Was viele indirekt aussprechen ist die Angst zu sterben. Das wird dann häufig so ausgedrückt: Ob ich hier wirklich wieder rauskomme? Ich hatte so große Sorge, schon selber an Corona zu erkranken und jetzt habe ich es.

"Da ist es hilfreich für die Patienten, dass wir ihnen erst einmal Raum geben. Denn es ist ja eine völlig nachvollziehbare Angst, die in dieser Pandemie herrscht. Die große Informiertheit auch der Bevölkerung, dass sie die Intensivstationen aus dem Fernsehen kennt und jetzt liegt man selber dort.", sagt Deffner.

Covid Intensivstation 3 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL So 21.03.2021 19:00Uhr 02:32 min

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Video

Mit Gesprächen Angst besiegen

Das wichtigste Mittel gegen die Angst ist das offene Gespräch. Was erwartet den Patienten? Es werden nicht nur die nächsten Behandlungsschritte geklärt, sondern es wird auch ein Versprechen abgegeben: dass sich Ärzte und Pfleger so gut wie möglich kümmern werden. Dann kann dem Kranken auch der schwerste Schritt leichter fallen: sich mit der Narkose abzufinden, die Teil der künstlichen Beatmung ist.

ITS-Teamleiter Michael Schirmer: "Wir versuchen diesen Ablauf so gut wie möglich mit ihnen durchzusprechen, damit sie eine ungefähre Vorstellung davon haben, was passieren wird. Wie dann die Verläufe ausgehen, kann man natürlich nicht sagen, aber die Sorge ist natürlich groß, dass das Letzte, was sie in ihrem Leben sehen werden, das Patientenzimmer ist - und uns als behandelnde Pflegekräfte und Ärzte."

Pfleger kümmern sich um einen Patienten.
Intensivstation am Uniklinikum Jena Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Psychologin: Corona fördert Kommunikation mit Angehörigen

Psychologin Teresa Deffner hat dabei auch immer die Angehörigen im Blick - und am Telefon. Deren Sorgen und Ängste nimmt sie genauso ernst, wie die der Patienten. Sie findet, durch Corona und das Besuchsverbot findet mit den Angehörigen sogar noch mehr Kommunikation statt: "Auch den Angehörigen mit ihren Belastungen geben wir einen Raum. Sie haben Videotelefonate zu machen oder ganz normal zu telefonieren. Wir bekommen Bilder und Briefe zugeschickt, die wir ausdrucken, laminieren und ans Bett hängen, so dass die Angehörigen das Gefühl haben, dass sie wirksam sein können, auch wenn sie nicht kommen dürfen."

Ehrliche Kommunikation mit Angehörigen im Blick

Auch wenn es schlecht läuft und keine Aussicht auf Heilung ist, ist offene und ehrliche Kommunikation mit den Angehörigen wichtig.

Wenn der Zustand sich verschlechtert, sagen wir das auch ganz klar. Da spielen wir mit offenen Karten. Dann haben die Angehörigen die Möglichkeit, sich darauf einzustellen

Michael Schirmer Teamleiter Intensivstation am Uniklinikum Jena

Im Fall der Fälle sind Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn zum ersten Mal seit Wochen wieder mit den nun Sterbenden in einem Raum. Es wird auch die letzte Begegnung sein.

Verabschiedung von Verstorbenen möglich

Das Betretungsverbot ist für den Abschied gesetzlich aufgehoben, erklärt Deffner: "Damit ihnen die Zeit und der Raum gegeben wird, den Patienten auf ihre Art und Weise zu verabschieden, bei ihm zu sein und Zeit mit ihm zu verbringen. Das ist auch unsere Aufgabe, die Trauer und die Verabschiedung zuzulassen und damit den Patienten zu würdigen."

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Ärzte und Pfleger untersuchen einen Patienten auf der Covid 19 Intensivstation im SRH Waldklinikum. 2 min
Bildrechte: dpa

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MDR KULTUR - Das Radio Do 11.03.2021 13:43Uhr 02:27 min

https://www.mdr.de/wissen/podcast/corona-behandlung-erfolgreicher-trotzdem-tote-intensivstation100.html

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Quelle: MDR/jw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21. März 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Taus RanderS vor 7 Wochen

"Dass man sich im Krankenhaus Corona holen kann, war mir bis dato unklar." Meine Aussage ist nur auf diesen Satz bezogen: Es ist selbstredend möglich, sich ÜBERALL mit SarS-CoV-2 zu infizieren, wo es mehr als einen Menschen gibt.

Beispiel 1) Mitarbeiter oder Besucher des Krankenhaus tragen Mund-Nase-Schutz nicht korrekt und sind selbst infiziert. Das ist der Hauptgrund, warum man so wenig wie möglich Personen im Krankenhaus haben möchte und die Besuche maximal einschränkt.
Beispiel 2) Der Zimmernachbar ist infiziert und trägt den Mund-Nase-Schutz nicht/ nicht dauerhaft/ nicht korrekt.
Beispiel 3) Der Patient infiziert sich vor der Einweisung ins Krankenhaus, wird aber (Inkubationszeit) erst nach 10 Tagen positiv getestet. Er glaubt, er habe sich im Krankenhaus angesteckt.

Es gibt sicherlich noch weitere denkbare Konstellationen. Ich möchte damit sagen, dass die Aussage "Pat. XYZ hat sich im Krankenhaus mit Corona angesteckt" nicht unbedingt auf zweifelhafte Hygiene schließen lässt.

Lyn vor 7 Wochen

Bin nach dem Artikel extrem zwiegespalten.
Mein Vater ging vor 6 Wochen in Krankenhaus, wegen Herzproblemen. Und dort hat er sich Corona geholt. Ist nachgewiesen.
Zeitgleich war das Hörgerät defekt, was die Kommunikation zwischen Ärzten und Patient schwierig machte und telefonieren unmöglich. Dazu kam das komplette Besuchsverbot.
Nebenbei hatte ich im Haus einen Pflegegrad 4, bettlägerig, mit sich täglich verschlimmerndem Gesundheitszustand.
Psychologische Hilfe und Unterstützung bekam ich von unserem Pflegedienst und den Schwestern der Station, auf der Vater lag.
Psychologischer Dienst? Fehlanzeige.
Als Mutter dann starb, zu Hause im Bett, hat eine liebe Schwester es Vater beigebracht, hat es ihm aufgeschrieben.
Der Psychologische Dienst war Freitag Nachmittag nicht mehr im Haus. Niemand davon. Natürlich kann ich das werten.
Nein, ich schreibe nicht dazu, um welche Klinik es sich gehandelt hat.

Dass man sich im Krankenhaus Corona holen kann, war mir bis dato unklar.

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