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Jochen Wiechen vor dem Jenaer Turm, dem ehemaligen Intershop-Firmensitz. Der Vorstand verlässt das Unternehmen im August. Bildrechte: Anke Preller/MDR

Führungswechsel bei Intershop

Intershop-Vorstand Jochen Wiechen verlässt Jena

von Anke Preller, MDR THÜRINGEN

Stand: 08. Mai 2021, 16:32 Uhr

Nach acht Jahren ist für Jochen Wiechen das Kapitel Intershop abgeschlossen. In dieser Woche hat er sich von den Mitarbeitern und den Aktionären der Jenaer Software-Schmiede verabschiedet. Nach Ende der virtuellen Hauptversammlung am Donnerstag hat der bisherige Vize- und Marketing-Chef Markus Klahn das Steuer übernommen.

Für Jochen Wiechen ist es ein Abgang mit Ansage. Zu Jahresbeginn hat der 64-Jährige erklärt, dass er seinen im August auslaufenden Vertrag nicht verlängert und sich aus dem Unternehmen zurückzieht. Daraufhin machte der Kurs der Intershop-Aktie kurzzeitig einen Sprung nach oben. Inzwischen hat er sich bei vier Euro pro Aktie eingepegelt.

Intershop gehört zu den Pionieren des Internethandels und entwickelt Softwares für Online-Shop-Systeme. Nach dem Börsengang 1998 erlebte die Aktie einen Höhenrausch. Drei Jahre später, nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, erreichte sie zeitweise Ramschniveau. Eine jahrelange Durststrecke folgte - mit Entlassungen und immer neuen Rettungsstrategien. Die Intershop-Chefs wechselten häufiger als die Trainer des FC Carl Zeiss - wird in Jena gern kolportiert. So gesehen hat Jochen Wiechen lange durchgehalten.

Acht Jahre in der Chef-Etage

Rückblickend erscheinen ihm die acht Jahre in der Chef-Etage von Intershop wie eine Achterbahnfahrt. "Es unterscheidet sich nur darin, dass man bei einer Achterbahn immer genau weiß, wo man wieder ankommt. Das wussten wir nicht immer", sagt Wiechen.

Es unterscheidet sich nur darin, dass man bei einer Achterbahn immer genau weiß, wo man wieder ankommt. Das wussten wir nicht immer.

Jochen Wiechen

Inzwischen, so Wiechen, sei das Ziel aber erreicht: "Wir sind da gelandet, wo wir hin wollten". Intershop hat sich auf den zukunftsträchtigen B2B-Markt fokussiert, bei dem es um die Geschäftsbeziehungen von Unternehmen untereinander geht. Und die Zielkundschaft ist auch klar abgesteckt. Es sind Produktionsunternehmen mit mindestens 400 Millionen Euro Jahresumsatz. Zudem Großhändler, die einen Jahresumsatz von mindestens 100 Millionen Euro verbuchen.

Intershop entwickelt Softwares für Online-Shop-Systeme. Bildrechte: MDR/Gesine Schultz

Intershop baut ihnen leistungs- und anpassungsfähige Handelsplattformen, die sie auch mieten können. So erhielten die Kunden stets die neueste Version und müssten keine teuren Software-Lizenzen mehr kaufen. Intershop hat sich vom Lizenz- zum Cloud-Anbieter entwickelt, was sich durchaus für das Unternehmen rechnet. Der Anteil der wiederkehrenden Umsätze macht mittlerweile die Hälfte des Jahresumsatzes aus. Doch das Umstellen des Geschäftsmodells hatte auch seinen Preis. Wiechen spricht von zwei bitteren Jahren - 2018 und 2019 - mit Umstrukturierungen und Entlassungen, um Kosten zu sparen.

Unternehmen schreibt schwarze Zahlen

Inzwischen hat der Software-Anbieter wieder in die Erfolgsspur zurückgefunden. Seit fünf Quartalen schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. Dabei solle es auch bleiben. Für das laufende Geschäftsjahr kündigt der Ex-Vorstandsvorsitzende weiteres profitables Wachstum an, rechnet mit mindestens zehn Prozent mehr Aufträgen im Cloud-Geschäft.

"Der Markttrend, der sich im B2B-Geschäft jetzt in den nächsten Jahren fortsetzen wird, ist ein ausreichend großer Markt für Intershop, um mit dieser Zielmarktadressierung auch eine solide Basis zu haben, um weiter profitabel wachsen zu können", sagt Wiechen.

Um die Intershop-Zukunft ist Wiechen nicht bange. Natürlich profitiere das Unternehmen von der Digitalisierung, die sich mit der Corona-Pandemie beschleunigt hat. Der Markt, auf dem sich Intershop bewegt, wachse zweistellig, so Wiechen. Seit dem Strategiewechsel seien etwa 50 Neukunden in der Cloud. Einige davon hätte er physisch nie kennengelernt. Absprachen und Vertragsabschlüsse, alles ist online gelaufen. Das hätte er sich nie vorstellen können, ein Novum, aber es funktioniere.

Firma zog 2020 aus Intershop-Turm aus

Der Abschied ist für Jochen Wiechen auch mit viel Symbolik verbunden. Zum Jahresende 2020 zog die Firma aus dem einstigen Intershop-Turm, die weithin rot leuchtenden Buchstaben wurden abmontiert. Seit wenigen Tagen erst leuchtet das modernere Logo auf dem neuen Firmensitz am Steinweg.

Der neue Firmensitz ist im Steinweg in Jena. Hier wurden auch die roten Buchstaben wieder angebracht. Bildrechte: MDR/Gesine Schultz

Der Umzug war lange geplant, der Standort für den Neubau gut gewählt - direkt neben dem im Bau befindlichen Universitätscampus auf dem Inselplatz. Hier bekommt auch die Fakultät für Mathematik und Informatik ihr neues Domizil. Neben der Ernst-Abbe-Hochschule Jena mit ihrem Studiengang E-Commerce ist die Friedrich Schiller-Universität die wichtigste Nachwuchsschmiede. Viele der exzellenten Techniker, das Rückgrat des Unternehmens, kommen von dort, sagt der promovierte Physiker - und das werde auch so bleiben.

Wichen lobt: "Es war für mich immer eine sehr große Freude und auch Motivation, mit sehr guten Technikern hier zusammenzuarbeiten."

Es war für mich immer eine sehr große Freude und auch Motivation, mit sehr guten Technikern hier zusammenzuarbeiten.

Jochen Wiechen

Intershop beschäftigt pro Jahr 50 bis 60 Studierende, bietet ihnen die Chance, Praktika zu machen und Abschlussarbeiten zu schreiben. Sie sind die "Intershopper" von morgen. Aktuell zählt die Software-Firma wieder mehr als 300 Mitarbeiter, etwa 250 davon sind in Jena. Spezialisten sind gefragt, würden sofort eingestellt, wenn es sie denn gäbe. Doch der Markt ist leer gefegt. Fachkräftemangel - ein Problem, mit dem sich künftig Wiechens Nachfolger weiter herumschlagen muss.

Wiechen will dem Unternehmen verbunden bleiben

Der Vertrag von Jochen Wiechen endet im August. Bis dahin steht er Intershop beratend zur Verfügung, danach ist er nur noch Aktionär. Sein kleines Appartement in Jena behält er noch ein paar Wochen, sagt der gebürtige Bielefelder, der seit 40 Jahren in Berlin zuhause ist.

Jochen Wiechen will dem Unternehmen als Aktionär verbunden bleiben. Bildrechte: Anke Preller/MDR

"Ich werde erstmal ein halbes Jahr gar nichts machen. Mal ein bisschen Luft holen. So toll das auch immer war, es war immer auch aufregend", resümiert Wiechen. "Aber ich bleibe dem Unternehmen verbunden und werde meine Aktien so schnell nicht verkaufen."

So toll das auch immer war, es war immer auch aufregend.

Jochen Wiechen

Wiechen geht, wie er sagt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Konkrete Pläne für die Zeit nach seiner Auszeit hat er noch nicht. Jetzt will er erstmal nachholen, was er in den letzten Jahren vernachlässigte, will mehr Sport treiben, Saxophon spielen und endlich den Saale-Radweg komplett befahren. Größere Reisen plant er nicht. In seinem Managerleben sei er genug unterwegs gewesen. In Jena will er sich spätestens zum 30. Jubiläum von Intershop im nächsten Jahr wieder sehen lassen. Der bisherige Vize- und Marketing-Chef Markus Klahn hat nun das Intershop-Steuer übernommen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Mai 2021 | 18:00 Uhr

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