Kongress in Jena Long- und Post-Covid: Schnelle Hilfe ist nicht in Sicht

Die Pandemie hat eine große Zahl genesener, aber immer noch kranker Menschen zurückgelassen. Jeder zehnte Corona-Patient litt oder leidet an einer Form von Long- oder Post-Covid. Die Symptome sind vielfältig und geben der Medizin nach wie vor Rätsel auf. Wer zum Beispiel am chronischen Erschöpfungssyndrom leidet, wird damit oft regelrecht rausgerissen - aus dem normalen Leben. Auf einem Long-Covid-Kongress in Jena haben sich Mediziner über die Folgen der Erkrankung ausgetauscht.

Vor anderthalb Jahren kam Mandy Schulze mit Covid-19 ins Krankenhaus. Seitdem fällt es ihr schwer, den normalen Alltag zu bewältigen. Bleierne Müdigkeit ist ihr ständiger Begleiter. Kleinste Anstrengungen erschöpfen sie. Auch arbeiten kann die Kinderkrankenschwester aus Erfurt nicht mehr. "Es geht auch um kognitive Belastung. Manchmal reicht Licht oder Lautstärke. Ich habe Atemnot bei geringster Belastung, Herzrasen, Schlafstörungen. Es ist umfangreich."

Manchmal kommt das Leiden in Form von Gedächtnisstörungen oder Bewusstseinstrübungen. In ihrer Küche liegen Schallschutzkopfhörer. Die setzt sie manchmal auf, wenn die beiden Kinder in der kleinen Wohnung spielen. Was für Gesunde normaler Kinderlärm ist, ist für sie dann unerträglich schmerzhaft. Oft wird Mandy Schulze tagelang krank, bekommt Fieber. Ihr Körper schmerzt. Tabletten helfen dagegen nicht.  

Mandy Schulze
Mandy Schulze aus Erfurt: Nach eineinhalb Jahren Schmerz und Erschöpfung will sie einfach nur ihr Leben zurück. Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

Seit über einem Jahr konsultiert sie Facharzt um Facharzt: HNO, Lungen- und Herzspezialisten und Neurologen. Jeder findet Kleinigkeiten, aber nichts, das ihre massiven Einschränkungen erklärt. Im Jenaer Post-Covid-Zentrum wurde sie bereits wenige Monate nach ihrer Covid-Infektion vorstellig.

Doch für das Team um Professor Andreas Stallmach dauerten ihre Beschwerden zu diesem Zeitpunkt noch nicht lang genug, erzählt Mandy Schulze. Sie bekam keinen Termin. Das Post-Covid-Zentrum war zu dieser Zeit bereits überlaufen. Während sie erzählt, sitzt sie aufrecht auf ihrem Sofa. Man spürt, dass sie das Gespräch anstrengt.

Long Covid und Post Covid Während Long Covid im Grunde genommen eine längere Rekonvaleszenz-Zeit beschreibt, in der Symptome auch vier bis zwölf Wochen nach der Covid-19-Erkrankung noch auftreten, dann aber abklingen, meint das Post-Covid-Syndrom vor allem chronische Folgen, die womöglich für immer bleiben. So wird im Fachjargon auch zwischen den alternativen Bezeichnungen PASC (abgeleitet aus dem Englischen "Post-Acute Sequelae of Covid-19") und CCS (abgeleitet aus dem Englischen "Chronic coronary syndrom") unterschieden.

Medizin kennt noch keine Therapien

Claudia Ellert kennt das nur zu gut. Die Medizinerin und Buchautorin leidet selber am chronischen Erschöpfungssyndrom, auch ME/CFS genannt. Es ist das schwerste und langwierigste Krankheitsbild, das nach einer Corona-Infektion auftreten kann. Nach bald drei Jahren Corona sind viele Menschen davon betroffen, erklärt sie. Und alle hätten die gleichen Probleme: ein ähnliche Symptomatik wie Mandy Schulze. Aber was viel schwerer wiegt: die Medizin kennt noch immer keine gezielten Therapien.

Dr. Claudia Ellert auf dem Long-Covid-Kongress Jena mit ihrem Buch
Dr. Claudia Ellert auf dem Long-Covid-Kongress: "Es muss mehr in Grundlagenforschung investiert werden." Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger

"Es muss mehr in Grundlagenforschung investiert werden, damit geeignete Therapien entwickelt werden können", fordert Dr. Ellert. Aus ihrer Sicht wird die Themen Long- und Post-Covid immer noch viel zu wenig beachtet: "Es muss politisch erkannt werden, dass wir ein gesellschaftliches Problem haben, das uns alle betrifft und nicht nur den einzelnen Long-Covid-Betroffenen."

Soll heißen, jenseits des individuellen Leidens sorgt Long Covid dafür, dass tausende Menschen nicht mehr am Berufsleben teilnehmen können, für unbestimmte Zeit ausfallen, im schlimmsten Fall lebenslang. Lebenspläne lösen sich in Luft auf. 

Long-Covid: Hilfe ist schwer zu bekommen

Wir treffen Claudia Ellert auf dem Long-Covid-Kongress in Jena. Dutzende Mediziner und Psychologen präsentieren hier aktuelle Forschungsergebnisse zu Long- und Post-Covid, versuchen die Symptome von ME/CFS einzuordnen. Nach Experten-Schätzungen leiden rund zehn Prozent der Covid-Genesenen unter verschiedensten Folgen der Erkrankung. Dennoch ist die Studienlage immer noch recht dünn.

Trotz der hohen Zahl Betroffener gibt es immer noch zu wenige Fachzentren, die sich mit der Komplexität der Krankheitsbilder auseinandersetzen können. Aber es werden mehr. Dennoch, auch nach bald drei Jahren Corona ist für Patienten hierzulande Hilfe oft schwer zu bekommen.

Bereits kurz nach Beginn der Pandemie richtete das Uniklinkum Jena eine Post-Covid-Ambulanz ein, die mittlerweile zu einem Zentrum ausgebaut werden konnte. Auch das Wald-Klinikum Gera und eine Pneumologischen Praxis in Weimar kümmern sich um die lang anhaltenden Beschwerden genesener Covid-Patienten. Die Kliniken in Bad Tabarz, Bad Sulza und Bad Salzungen verfügen über Rehabilitationszentren, die speziell auf die Bedürfnisse von Post-Covid-Patienten eingerichtet sind.

Ellert: Hausärzte benötigen einen Leitfaden

Für Claudia Ellert steht fest, dass den Betroffenen vor allem der Anfang des mühevollen Behandlungsweges leichter gemacht werden muss. Und da kommen als erste Ansprechpartner die Hausärzte ins Spiel: "Was wir dringlich brauchen sind Strukturen, strukturierte Pfade für Diagnostik und Therapie. Der einzelne Hausarzt mit seinen begrenzten zeitlichen und personellen Kapazitäten kommt an Grenzen, wenn er sich in so ein weites Feld einarbeiten muss, ohne einen Leitfaden an der Hand zu haben. Das fehlt Hausärzten in erster Linie: strukturierte Pfade zu Diagnostik und Therapie." Die Verbände müssen also Leitlinien entwickeln, die Hausärzte stärker für das Thema sensibilisieren und Weiterbildungen in diesem Bereich anbieten. 

Therapien gab es für Mandy Schulze aus Erfurt bisher nicht. Eine vierwöchige Post-Covid-Rehabilitation in Ahlbeck brachte keine Linderung. Sie setzt ihre Hoffnung in eine Blutwäsche, die sogenannte Help-Apherese - ein teurer Heilversuch, den die Kasse nicht bezahlt. Belastbare Studien zur Wirksamkeit bei Post-Covid-Patienten gibt es dazu nicht, aber der einen oder anderen soll es geholfen haben.

Mandy Schulze würde es dennoch gerne versuchen, außer viel Geld hat sie nichts zu verlieren. Nach eineinhalb Jahren Schmerz und Erschöpfung will sie einfach nur ihr Leben zurück. Ihr alter Arbeitgeber wird demnächst den Arbeitsvertrag auflösen. Durch die Nahtlosigkeitsregelung bezieht sie bereits jetzt Arbeitslosengeld. Vor kurzem hat die zweifache Mutter Rente beantragt. Mandy Schulze ist 39 Jahre alt.

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MDR (one/sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. November 2022 | 19:00 Uhr

39 Kommentare

kleiner.klaus77 vor 1 Wochen

Millionen von Euro werden wegen Masken-und Impfkampagnen in Deutschland aktuell wieder verpulvert, in Ländern wie Dänemark, Niederlande und der Schweiz kann diese Geld ins Gesundheitswesen investiert werden, wir haben wohl doch ein spezielles Virus.

kleiner.klaus77 vor 1 Wochen

Ihr Kommentar ist sehr gut und treffend geschrieben. Er sollte zur Pflichtlektüre erkoren werden, damit die planlosen Schwadroneure jeder Couleur mal überlegen können, was sie hier im Forum damit gegebenenfalls in manch‘ unentschlossenem Menschen auslösen. Danke für diesen Kommentar.

martin vor 1 Wochen

Wer - außer Ihnen - schreibt denn davon, dass die Risiken auf Null gesenkt werden (sollen)? Ich kenne keine entsprechende vernünftige Argumentation. Es geht darum die hohen Quoten zu senken und den Betroffenen eine adäquate Hilfe anbieten zu können.

Darüber hinaus mag es sein, dass Sie das vergessen haben und/oder auch Menschen in Ihrem Umfeld. Da sprechen Sie aber weder für mich geschweige denn für alle.

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