Auf einem Bürotisch wirbt ein Schild für ein Beratungsangebot für Männer bei häuslicher Gewalt.
Während der Jenaer Männerwoche werden Themen wie klassische Rollenbilder diskutiert - mit Männern und allen anderen Interessierten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gleichberechtigung Erste Jenaer Männerwoche rückt Männer-Themen in den Fokus

17. November 2023, 11:56 Uhr

Am Sonntag (19. November) ist Internationale Männertag. Passend dazu hatte das Männernetzwerk Jena einen Aktionstag geplant. Doch weil es so viele Angebote gegeben hatte, ist daraus gleich eine ganze Aktionswoche entstanden, mit Vorträgen und Workshops und vielem mehr: die Erste Jenaer Männerwoche. Sie soll Themen rund um Jungen, Männer und Väter in den Fokus rücken.

Männer gucken Fußball, trinken Bier und lieben Autos: Das ist typisch Mann, jedenfalls dem Klischee nach. Doch wie viel Wahrheit steckt in diesen Vorurteilen? Darum geht es unter anderem bei der ersten Jenaer Männerwoche.

Dabei können sich Jungen, Männer und alle anderen Interessierte mit Themen wie Junge-, Vater- und Mannsein auseinandersetzen. Aber auch männliche Rollenstereotype spielen eine große Rolle. Das Männernetzwerk Jena als Veranstalter will vor allem auf die Angebote aufmerksam machen, die es schon für Jungen und Männer in Jena und Umgebung gibt. Denn nach eigenen Angaben kenne viele diese Angebote gar nicht. Außerdem will das Netzwerk zeigen, wie vielfältig das Bild von Männlichkeit ist.

Das Programm wird von der Männerberatung in Thüringen "Projekt A4", der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit Thüringen, der Fachstelle geschlechtersensible Kinder- und Jugendarbeit Jena, Jumäx Jena, und der Gleichstellungsstelle der Stadt organisiert.

Internationaler Männertag Der Internationale Männertag wurde am 19. November 1999 ins Leben gerufen. Ziel war es, das Verhältnis der Geschlechter zu verbessern und somit Gleichberechtigung zu fördern. Es ging aber auch darum, Männer wertzuschätzen und ihren Beitrag für die Gesellschaft zu würdigen.

Workshop, Wanderung und ein Väterfrühstück

Den Auftakt machte am Montagabend eine Diskussion zum Thema "Männlichkeit - alles toxisch oder was?". Insgesamt standen mehr als zehn Workshops, Vorträge und Gespräche auf dem Programm. Es wurde zum Beispiel ein Workshop zu "männlicher Sprachlosigkeit in Beziehungen und im Beruf" angeboten. In einem weiteren Seminar ging es um gesellschaftliche Ignoranz gegenüber männlicher Verletzbarkeit.

Es gab aber auch praktische Angebote, wie einen Selbstbehauptungskurs für Jungen und eine Wanderung rund um Jena mit Picknick. Hinzu kamen ein Erfahrungsaustausch für Väter, eine Radiosendung sowie ein Geburtsvorbereitungskurs für Väter. Zum Internationalen Männertag am Sonntag gibt es ein Väterfrühstück im Familienzentrum. Eingeladen sind aber nicht nur Männer.

Der David von Michelangelo
Was ist eigentlich toxische Männlichkeit? Welche Rollenbilder gibt es? Diese Fragen wurden auch in Workshops diskutiert. Bildrechte: picture alliance/dpa | Steffen Trumpf

Wann ist ein Mann ein Mann?

Schon Herbert Grönemeyer hat sich die Frage gestellt, wann ein Mann ein Mann ist. In seinem Lied "Männer" beschreibt der Musiker verschiedene Eigenschaften von Männern beziehungsweise Klischees über sie, wie zum Beispiel "Männer führen Kriege. Männer sind schon als Baby blau". Gleichzeitig zeigt er aber auch die Seiten, die traditionellen Männerrollen eher nicht entsprechen, wie "Männer weinen heimlich. Männer brauchen viel Zärtlichkeit".

Der Song ist fast 40 Jahre alt, doch der Text trifft auch heute noch zu, sagt Constance Kühn von der Männerberatungsstelle "Projekt A4". Es scheint also gar nicht so einfach zu sein, die eine richtige Antwort auf die Frage "Wann ist ein Mann ein Mann?" zu finden. Für Kühn ist aber klar: Ein Mann ist der, der sich als Mann fühlt und nicht nur, wer mit männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt gekommen ist.

Ein Mann ist der, der sich als Mann fühlt.

Constance Kühn, Männerberatungsstelle „Projekt A4“

Einerseits gibt es die typischen Rollenbilder aus Film und Fernsehen. Das sind oftmals große und muskulöse Actionhelden, bei denen die Tendenz schon fast zur toxischen Männlichkeit geht. Andererseits gibt es auch Männlichkeiten, die sehr vielfältig gelebt werden, sagt Kühn.

Zum Aufklappen: Was bedeutet toxische Männlichkeit?

Wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht, fällt oft der Ausdruck "toxische Männlichkeit". Hier wird erklärt, was das eigentlich bedeutet und woher der Begriff kommt.

Kühn spricht von der traditionellen Männlichkeit. Doch die Gesellschaft stelle immer größere Anforderungen an Männer: Der Mann müsse sich weiterentwickeln. Er solle eben nicht mehr nur diese traditionelle Männlichkeit verkörpern, so Kühn, sondern auch sorgender Ehemann und Vater sein.

Gleichzeitig haben wir aber auch Männlichkeiten, die sehr vielfältig gelebt werden.

Constance Kühn, Männerberatungsstelle „Projekt A4“

Zum Aufklappen: Was versteht man unter der traditionellen Rolle des Mannes?

Das Bundesfamilienministerium unterscheidet in einer Studie zwischen dem tradtionellen, dem eingeschränkt gleichberechtigten und dem gleichberechtigten Familienmodell. Das traditionelle Modell wird folgendermaßen definiert: "Der Mann ist Alleinverdiener und Ernährer der Familie, die Frau ist nicht oder maximal geringfügig erwerbstätig und allein für den Haushalt und die Kinderbetreuung verantwortlich."

Kühn lobte gerade diese engagierten Väter. Insbesondere in Ostdeutschland werde die Vaterschaft noch viel selbstverständlicher ausgeübt, als im Westen des Landes. Das sagt auch Professorin Sylka Scholz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Soziologin hat ihren Schwerpunkt auf Geschlechterforschung, insbesondere auf Männlichkeitsforschung und Geschlechterbilder in Ost- und Westdeutschland gelegt.

Gewalt in der Partnerschaft: Auch Männer werden Opfer

Die Männerberatungsstelle "Projekt A4" ist eine thüringenweite Fachberatungsstelle für Männer, die Gewalt und Stalking in Partnerschaft oder im engen sozialen Umfeld erlebt haben. Wie Constance Kühn sagt, sind etwa 20 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt männlich.

Etwa 20 Prozent aller Opfer häuslicher Gewalt sind männlich.

Constance Kühn, Männerberatungsstelle „Projekt A4“

Und genau denen bietet sie ihre Hilfe an. Pro Jahr berät und betreut das "Projekt A4" etwa 60 Männer in ganz Thüringen. Viele kommen dabei aus Jena und der Umgebung. Aber auch im ländlichen Raum sieht die Beratungsstelle großen Bedarf. Für diese Männer bietet das "Projekt A4" auch telefonische oder Onlineberatungen an.

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Bildrechte: MDR/Imago

MDR (hd/ost)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 13. November 2023 | 08:00 Uhr

3 Kommentare

mensrea vor 2 Wochen

Ein Mann ist der, der sich als Mann fühlt? Sorry aber das ist eine leere Phrase und ein Zirkelschluss; was leider zeigt wie weit der Weg noch ist, um wieder zu Objektivität und Wissenschaft zurück zukommen. Rechtliche Kategorien können nicht der Selbstidentifikation überlassen werden. Das macht man weder beim Alter, der Ethnie noch dem Steuerstatus.

Ich bin froh, dass man eine Woche hat, in der darüber gesprochen wird, wie Männer sein können. Aber das berührt doch nur Stereotype und Rollenbilder. Niemand wird zum Mann, wenn er Fußball spielt; so wie niemand zur Frau wird, der ein Kleid trägt.

pepe79 vor 2 Wochen

@DanielSBK
Volle Zustimmung zu der Forderung!

DanielSBK vor 2 Wochen

Ich wäre für einen Männerruheraum in den Betrieben oder kostenlose Bierautomaten!

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