Tarifstreit Metallbranche: Erster Homeoffice-Streik bei Zeiss in Jena

Im Tarifstreit der Metall- und Elektroindustrie in Thüringen haben am Dienstag Warnstreiks begonnen. Bei MDC Power etwa standen 200 Mitarbeiter während ihrer Schicht vor dem Werkstor, um ihrer Tarifforderung Nachdruck zu verleihen. Doch nicht überall sind alle Mitarbeiter in den Unternehmen tätig, viele arbeiten derzeit mobil. Die IG Metall hat deshalb am Donnerstag in Thüringen den ersten Homeoffice-Streik veranstaltet.

Ein Mann sitzt auf einem Schreibtischstuhl und sieht in die Kamera. Hinter ihm steht ein Schreibtisch mit zwei Computer-Bildschirmen.
Der IG-Metall-Gewerkschaftssekretär Falk Bindheim hat den Home-Office-Streik mitorganisiert. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Kurz vor 10 Uhr leuchten auf Falk Bindheims Schreibtisch in Jenas Stadtmitte drei Bildschirme. Auf einem läuft eine Videokonferenz, auf der immer mehr Gesichter in kleinen Vierecken aufploppen. Gleich beginnt der Warnstreik bei Zeiss. Heute nur virtuell und nicht vor dem Zeiss-Werkstor.

Durch die Corona-Pandemie arbeiten viele Mitarbeiter von zu Hause. Gerade sie will die Gewerkschaft an diesem Donnerstag erreichen. "In der Vergangenheit haben wir zu Warnstreiks in Präsenz aufgerufen. Dort mit den Kolleginnen und Kollegen einen Austausch organisiert. Das ist jetzt nicht möglich. Deshalb müssen auch wir neue Wege gehen und versuchen ein digitales Format mit den Beschäftigten zu machen", erklärt der Gewerkschafter.

Im Vordergrund steht Angleichung der Arbeitszeit

Dann beginnt der virtuelle Warnstreik, bei dem sich alle mit Vornamen ansprechen. "Es ist wichtig, dass wir trotzdem den Warnstreik durchführen", sagt Elisabeth. Sie ist IG-Metall-Vertrauensfrau im Unternehmen. Ihr geht es nicht zuletzt um die Angleichung der Arbeitszeit in Ost und West. Diese Forderung übertönt in Thüringen meist die Forderung nach vier Prozent mehr Lohn.

31 Jahre nach der Wende erwarten offenbar mehr und mehr Beschäftigte, dass sich hier etwas ändert. Den Wunsch danach, diese Ungleichheit abzustellen, spüre man auch bei Beschäftigten, die nicht der IG Metall angehörten, sagt Sebastian, ebenfalls ein Vertrauensmann der Gewerkschaft bei Zeiss.

"Warnstreik " steht auf einer, auf einem Laptop angezeigten Seite
Auf dem Laptop läuft die Streik-Präsentation. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Arbeitsrechner zugeklappt, mit Privatrechner gestreikt

Immer wieder ist das während der einen Stunde Warnstreik zu hören, in der die Mitarbeiter keine Anrufe annehmen, nicht auf E-Mails reagieren und etwa ihre Konstruktionsarbeiten liegen lassen.

Das Unternehmen selbst wollte auf Nachfrage keine Stellung beziehen und sich auch nicht dazu äußern, inwieweit man den Arbeitsausfall gespürt hat. Ein Gewerkschafter freut sich hinterher diebisch, dass manche Streikenden extra eine Abwesenheitsnotiz in ihren E-Mail-Programm angelegt hatten, bei der alle eingehenden E-Mails automatisiert als Antwort auf den Warnstreik hingewiesen werden.

Neuland: Homeoffice-Streik wirft Fragen auf

Die Gewerkschaft hat mit dieser Streikform Neuland betreten. Man habe sich auch mit rechtlichen Fragen beschäftigen müssen, sagt Gewerkschaftssekretär Bindheim. "Es ist die Frage, ob Dienstgeräte auch zur privaten Nutzung vom Arbeitgeber zugelassen sind. Wir haben allen Mitgliedern empfohlen, ihre privaten Geräte zu benutzen."

Im Laufe der Konferenz zählt die Gewerkschaft bis zu 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das sei doch ein ziemlicher Erfolg, die IG Metall wusste noch nicht recht, was zu erwarten war, immerhin ist das Format in Thüringen eine Premiere. "Üblicherweise hätten wir ja vor Schichtbeginn Flugblätter vor dem Werkstor verteilt." Dieses Mal hatte man Briefe und E-Mails an die Mitglieder verschickt.

Arbeitgeber verweisen auf Krise - Gewerkschaft auf Gewinne trotz Pandemie

Mindestens zwei Wochen dürften noch vergehen, bis Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Thüringen wieder verhandeln, wie der neue Tarifvertrag für die etwa 18.400 Beschäftigten in 56 tarifgebundenen Betrieben aussieht.

Die Arbeitgeber hatten Warnstreiks zu Beginn der Woche angesichts der Krise verurteilt. Die IG Metall verweist darauf, dass auch Zeiss das letzte Jahr mit einem guten Gewinn abgeschlossen hat. Weitere Warnstreiks - auch virtuell - werden erwartet.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. März 2021 | 18:00 Uhr

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