NSU-Prozess Zschäpe-Verteidiger listen weitere Zweifel an Beweislage auf

Am zweiten Tag seines Schlussvortrages hat Wolfgang Heer, einer der so genannten Altverteidiger von Beate Zschäpe, vehement bestritten, dass seine Mandantin jemanden töten wollte, als sie ihre letzte Wohnung in Zwickau in Brand steckte. Der Bundesanwaltschaft warf er vor, entlastende Informationen nicht gewürdigt zu haben.

Blick auf den Pressebereich und den Sitzungssaal 101 im Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße in München
Am 428. Tag des NSU-Prozesses in München hatten erneut die Zschäpes Altverteidiger das Wort. Bildrechte: dpa

Als Beate Zschäpe am 4. November 2011 gegen Mittag vom Selbstmord ihrer Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach dem gescheiteren Banküberfall in Eisenach erfuhr, steckte sie die gemeinsame Wohnung des seit 1998 im Untergrund lebenden Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße in Brand. Das ist unstrittig. Zschäpe hat es selbst eingeräumt, mehrere Zeugen sahen, wie sie das brennende Haus verließ und an ihrer Kleidung fanden sich auch Spuren von Benzin, das sie zuvor in der Wohnung verteilt hatte.

Anklage wertet Brand als versuchten Mord

Die Bundesanwaltschaft hat diese Tat als versuchten Mord gewertet, weil sie den Tod von drei Menschen billigend in Kauf genommen habe. Zschäpe habe nicht wissen können, dass zwei im Haus arbeitende Handwerker gerade in einem nahen Café Pause machten. Und ihrer Einlassung, sie habe sich durch Klingeln vergewissern wollen, dass eine fast 90 Jahre alte, gebrechliche Nachbarin nicht im Haus war, hält die Bundesanwaltschaft ebenfalls nicht für glaubhaft.

Wie ist die Brandstiftung rechtlich zu bewerten

Während Zschäpes Vertrauensanwälte Hermann Borchert und Mathias Grasel darin nur eine besonders schwere Brandstiftung und das fahrlässige Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sehen, versucht Wolfgang Heer, einer der drei sogenannten Altverteidiger von Beate Zschäpe, die Tat noch mehr zu relativieren. Er sieht darin nur eine einfache Brandstiftung.

Feuer, um Beweise zu vernichten?

Blick auf eine Wiese in einem Wohngebiet in Zwickau, auf der früher das Wohnhaus des NSU-Trios stand.
An dieser Stelle in Zwickau stand einst das Gebäude. Bildrechte: MDR/Lydia Jakobi

Zschäpe habe nicht Menschen gefährden wollen, sondern Beweise vernichten. Das hätte sie ihren beiden Freunden Böhnhardt und Mundlos versprochen. Um das zu belegen, stützt sich Heer anders als Borchert und Grasel nicht nur auf die Angaben von Zschäpe, sondern er zeichnet das Geschehen an jedem 4. November mit ungezählten Aussagen vieler Zeugen und Sachverständigen in diesem Prozess nach.

Wie überrascht Zschäpe vom Ausmaß der Explosion war, gehe aus den Aussagen mehrerer Zeuginnen hervor, denen sie kurz nach Verlassen des Hauses begegnete. Die hätten sie als „überrascht“ und „entsetzt“ beschrieben. Daraus schließt Heer, dass Zschäpe gar keine Explosion herbeiführen wollte und auch nicht ahnen konnte, dass es dazu kommen werde.

Heer bestreitet Tötungsabsicht

Seine Mandantin habe zudem sehr wohl gewusst, dass die Handwerker zum Zeitpunkt der Brandstiftung nicht im Haus waren. Und auch ihrer Einlassung, dass sie die alte Nachbarin warnen wollte, sieht der Verteidiger als durch die Beweisaufnahme gedeckt an. In diesem Zusammenhang kritisiert Heer die Bundesanwaltschaft.

Bundesanwaltschaft hat bei Würdigung der Beweisaufnahme vieles unter den Tisch fallen lassen, was ihrer Version widerspreche.

Als Beispiel nennt Heer die Aussagen mehrerer Zeugen, denen zufolge die Nachbarin trotz ihres hohen Alters durchaus in der Lage war, das Haus alleine zu verlassen.

Die Bundesanwaltschaft hatte dagegen in ihrem Plädoyer betont, dass laut Zeugenaussage der alten Frau „ein Verlassen der Wohnung ohne fremde Hilfe und ohne Rollator nicht mehr möglich“ gewesen sei.

Plädoyer länger als geplant

Für seine Beweiswürdigung und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen braucht Heer länger als ursprünglich angenommen. Er will erst am Donnerstag sein Plädoyer beenden, seine Kollegen Stahl und Sturm werden für ihre Schlussvorträge jeweils einen Verhandlungstag brauchen.

Anders als noch am Dienstag gestern angekündigt, wird das letzte Plädoyer im NSU-Prozess also nicht drei, sondern mindestens fünf Verhandlungstage dauern und sich mindestens bis Mitte nächster Woche ziehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. Juni 2018 | 21:00 Uhr

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