Ostern Der stille Karfreitag: So gehen Jenaer Clubs mit dem Feiertagsgesetz um

Am Karfreitag bleibt es in Thüringer Clubs still. Tanzveranstaltungen und laute Musik sind verboten. Ist die Regelung zeitgemäß? Das wollten wir von zwei Jenaer Clubs und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland wissen.

Außenansicht Café Wagner Jena
Im Café Wagner in Jena werden auch Partys, Ausstellungen, Theater und Livemusik angeboten. Karfreitag bleibt es still. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Seit Ende Februar herrscht in Thüringer Clubs und Bars wieder munteres Treiben. Nach monatelanger Pause erlebten einige Lokalitäten einen regelrechten Ansturm auf ihre Veranstaltungen. Und spätestens seit der Landtag sich für weitreichende Lockerungen der Corona-Maßnahmen im Freistaat entschieden hat, ist alles fast wie vor der Pandemie.

Doch zumindest in dieser Woche erleben die gerade wiedergewonnenen Tanzlustbarkeiten einen Dämpfer, denn der Karfreitag ist ein sogenannter "stiller Feiertag". Und das heißt für Veranstalter und Gäste gleichermaßen: Laute Musik und Tanzen sind in Thüringen am Karfreitag per Gesetz ganztägig verboten. Ist das noch zeitgemäß? Und was bedeutet die Regelung in der Praxis für Clubs? Das haben wir in Jena nachgefragt.

Klare Regeln: Keine Tanzveranstaltung an Karfreitag

Das Café Wagner gehört zu den beliebten Veranstaltungsorten in der Saalestadt. Hier wird gefeiert, gerappt und getanzt. Auch Livemusik, Theater und Ausstellungen gibt es. An einer Tür des Studentenclubs klebt ein Plakat. Auf ihm werben bunte Buchstaben für den "Wiederauferstehungsrave". Eine Techno-Veranstaltung, die pünktlich mit dem Ablauf des kalendarischen Karfreitags um Mitternacht beginnen soll.

Veranstaltungsplakat
Das Café Wagner öffnet in der Nacht zum Samstag pünktlich um Mitternacht die Türen und lädt zum "Wiederauferstehungsrave". Bildrechte: MDR/Christian Franke

"Das haben wir in den Jahren vor Corona schon gemacht", erklären Uwe Striswald und Benjamin Krense, die seit vielen Jahren in verschiedenen Funktionen in der Leitung des Wagners aktiv sind. Karfreitage und alle anderen "stillen Feiertage" - in Thüringen sind das noch der Totensonntag, der Volkstrauertag und Heiligabend - haben sie schon viele mitgemacht.

"Die Erfahrung, die wir gemacht haben, ist von vornherein ganz klar gewesen: An dem Tag keine Tanzveranstaltungen. Das ist Aussage des stillen Feiertages. Keine Unterhaltungsmusik laut Definition", sagt Striswald. Da falle alles drunter, das keine reine Kirchenmusik sei. Ob und in welchem Umfang das kontrolliert wird, sei von Stadt zu Stadt ganz unterschiedlich. Das entscheide die jeweilige Ordnungsbehörde. In Jena etwa gebe es Kontrollen. Sogar per Brief werde Anfang des Jahres darüber informiert, welche Feiertage als still gelten.

"Um das Jahr 2000 rum hat das F-Haus tatsächlich mal probiert, an dem Tag was zu machen. Mit dem Ergebnis, dass das Ordnungsamt das spitzgekriegt hat und das F-Haus dann 5.000 Euro Strafe gezahlt hat. (...) Hochgradig nervig", erinnert sich Striswald. Gerade in größeren Städten und in bestimmten Stadtteilen könne es aber vorkommen, dass nicht ganz so genau hingeschaut wird.

"Im Idealfall bekommt der Gast es gar nicht mit"

Dass in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag ab 0 Uhr Ruhe sein muss, damit hätten die Gäste eher kein Problem, erzählt Striswald. Im Idealfall sei es sogar so, dass sie davon gar nichts mitbekommen. Die größten Probleme würden aber einfach mit einer cleveren Planung umgangen: "Das bedeutet, man sieht zu, dass - wenn man da ein Booking reinsetzt - nur ein Booking hat, was möglichst live ist, sodass man es wirklich schafft, vor 24 Uhr durch zu sein." Und was den Freitag betreffe, könne eine Veranstaltung geplant werden, bei welcher der Gast sowieso erst später kommt. Dann gehen die Türen in der Nacht auf Samstag eben erst um Mitternacht auf. Deshalb gebe es auch den "Wiederauferstehungsrave".

"Die Leute haben das verstanden (...) aber sie hätten gerne auch länger gefeiert", sagt Striswald. Sein Kollege Benjamin Krense nickt und pflichtet ihm bei. "Die Leute haben dann halt einfach Bock, weil am nächsten Tag ist frei. Und dann kann man ja immer noch im Privaten feiern. Das ist ja dann nicht so verboten", ergänzt er.

Ist das noch zeitgemäß?

Zur Frage, ob am Karfreitag Tanzveranstaltungen und laute Musik verboten sein sollten, finden Striswald und Krense klare Worte: "Deutschland ist rein offiziell kein Kirchenstaat, demzufolge sollte es auch keine kirchlichen Feiertage geben, die so dermaßen in die Rechte eingreifen, dass man keine Veranstaltungen machen darf", sagt Striswald. Für ihn wäre interessant, diese Regelungen Stück für Stück zu hinterfragen. Das müsse allerdings auf der politischen Ebene geschehen, nicht im Club-Betrieb. Denn geregelt sind die stillen Feiertag im Landesrecht - genauer im Thüringer Feier- und Gedenktagsgesetz (ThürFGtG).

§ 6 ThürFGtG – Erhöhter Schutz an stillen Tagen

(1) Am Karfreitag ganztägig, am vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent als Volkstrauertag und am Totensonntag (Ewigkeitssonntag) jeweils ab 3 Uhr sind unbeschadet der §§ 4 und 5 verboten:

  1. musikalische und sonstige unterhaltende Darbietungen jeder Art in Gaststätten und in Nebenräumen mit Schankbetrieb,
  2. öffentliche sportliche Veranstaltungen,
  3. alle sonstigen öffentlichen Veranstaltungen, wenn sie nicht der Würdigung des Tags oder der Kunst, Wissenschaft oder Volksbildung dienen und auf den Charakter des Tags Rücksicht nehmen.


(2) Der Allerheiligentag ist nach Maßgabe des Absatzes 1 Nr. 1 bis 3 ab 3 Uhr in den Gemeinden geschützt, in denen der Fronleichnamstag als gesetzlicher Feiertag bestimmt ist.

(3) Am Tag vor dem ersten Weihnachtsfeiertag (Heiliger Abend) gelten die Verbote des Absatzes 1 Nr. 2 und 3 ab 15 Uhr.

Benjamin Krense sieht das ähnlich: "Ich sehe das zum Teil genau so, verstehe aber auch die historische Prägung dieser Feiertage. Aber Feiertage werden durch das Landesrecht gesetzt, die kommen und gehen." Als Beispiel nennt er etwa den Weltkindertag, der in Thüringen seit 2019 ein offizieller Feiertag ist. Auch der 8. Mai, der Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, sei schon öfter als möglicher Feiertag diskutiert worden. "An einem Feiertag sollte man eben auch feiern und nicht nur still gedenken und trauern."

Diskussion um "stillen Feiertag" erwünscht

Ganz ähnlich wird der Karfreitag im Jenaer Kassablanca gehandhabt. Auch hier bleibt es still. Am Gründonnerstag habe es in den Jahren vor Corona ebenfalls eher kürzere Live-Veranstaltungen gegeben, erzählt Vereins-Geschäftsführer Thomas Sperling. Seit 1992 ist er in verschiedenen Funktionen im Betrieb des soziokulturellen Zentrums aktiv, das mit etwa 60.000 Gästen und 400 Veranstaltungsangeboten im Jahr - vor der Pandemie - einer der größten Clubs in der Saalestadt ist.

"In den 90er-Jahren wurde da nicht so drauf geachtet, dass Karfreitag ein stiller Feiertag ist. Das hat sich erst in den Nullerjahren klar herauskristallisiert und führte dazu, dass wir an den Karfreitagen keine Veranstaltungen machen", erinnert sich Sperling. "Man könnte darüber noch mal neu diskutieren", schließt er an. Zwar würden die Regeln akzeptiert, aber es brauche da eine Neuorientierung. Gerade in einem Land wie Thüringen, wo nicht mehr so vielen Menschen in der Kirche seien. Da könne man sicher mal eine Erhebung machen und schauen, was die Leute dazu meinen. "Die Diskussion könnte man auf jeden Fall mal anschieben."

Kirche verteidigt stille Feiertage

Anders sieht das etwa die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKMD): Der Karfreitag sei für Christen einer der zentralen Feiertage. Sie gedenken an diesem Tag der Kreuzigung von Jesus Christus. "Mit seinem Tod am Kreuz bleibt Gott uns nah auch in der Erniedrigung. Gott überwindet dadurch die Trennung zwischen ihm und uns, die wir aus eigener Kraft und Leistung nicht überwinden können", schreibt die EKMD auf Anfrage.

Was den Karfreitag als stillen Feiertag betrifft, werde dieser in gewisser Regelmäßigkeit angefragt. Auch gebe es ab und zu Gesetzesinitiativen, welche die Ausgestaltung des besonderen Schutzes dieser Feiertage thematisieren. "Menschen nehmen es eben ungern hin, wenn sie in ihren Freiheiten eingeschränkt werden."

Dennoch hielten die stillen Feiertage den Menschen vor Augen, dass es im Leben nicht immer nur um die Verwirklichung von Freiheit gehe. Mit einer Abschaffung der stillen Feiertage würde die Gesellschaft sich dieser Dimension des Lebens berauben.

In nahezu jeder Kirchengemeinde werden zu Karfreitag Gottesdienste und Andachten angeboten. Für die Zeit vor Karfreitag gibt es viele kirchenmusikalische Angebote, und in verschiedenen Orten findet am Sonntag vor Karfreitag oft gemeinsam mit katholischen Christen ein Kreuzweg statt, der die verschiedenen Stationen des Leidensweges Christi nachzeichnet.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 12. April 2022 | 19:00 Uhr

70 Kommentare

astrodon vor 10 Wochen

@Calif: "Bitte belegen Sie Ihre 50%." - machen Sie doch gerade selbst:
"Es gibt z.zt. ca 51% Deutsche, die entweder RK oder EV [...] haben" -
wenn sich diese Menschen nicht "einer christlichen Kirche zugehörig fühlen" würden wären sie ausgetreten. Im übrigen machen Sie den Fehler wie viele Kritiker: Sie verwechseln Religiosität und Institution.

Um aber wieder zum Thema zurückzufinden: Der Artikel 139 der deutschen Verfassung von 1919, der nach Art. 140 GG Bestandteil des GG ist lautet: "Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt." Und das trifft nicht nur religiöse Feiertage.

astrodon vor 10 Wochen

@Calif: Wir leben aber in Europa - da zählen die Feiertage anderer Weltreligionen etwa soviel wie ... Der Termin für Ostern ist ziemlich genau 1700 Jahre festgelegt genauer gesagt seit 325 A.D. Mal nachlesen ... Wer sich im übrigen über die Einordnung als "dämlich" beschwert sollte dann anderen Menschen nicht "keine Ahnung" unterstellen.

Fakt vor 10 Wochen

@Tpass:
>>"Ich plädiere dafür das es keine Feiertage in der Woche gibt!!!!!! Also nur an oder vor und nach dem Wochenenden."<<
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Nur mal so zur Info: Vor und nach dem Wochenende wäre dann "in der Woche". Sie merken, dass Sie Blödsinn schreiben und sich selbst widersprechen?

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